Diabetes Typ 1 und Kortison-Therapie – war da was? (Teil 2)

Matthias musste sich einer 5-wöchigen Therapie mit Kortison unterziehen. Mit Diabetes keine unkomplizierte Angelegenheit, doch er schaffte es mit einem HbA1c von 5,3%. Wie? Mit Hilfe seines DIY-Closed-Loops!

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Nach der Einleitung zum Thema Diabetes Typ 1 und Kortison-Therapie – war da was? (Teil 1) kommt nun der zweite Teil:

Disclaimer:

Der folgende Bericht beschreibt meine persönlichen Erfahrungen mit meinem Diabetes Typ 1 unter Verwendung eines „AndroidAPS“ Closed Loop (kurz: Loop) während einer 5-wöchigen Kortison-Therapie. Ich empfehle dieses System nicht und betreibe es auf eigenes Risiko. Das Beschriebene stellt in keiner Weise eine Therapieempfehlung dar und sollte nicht nachgemacht werden. Sämtliche Ausführungen zur Verwendung eines Closed-Loop-Systems dienen nur der Information.

Los geht’s – Start in die 5-wöchige Kortison-Therapie

Noch nie in meinem Leben musste ich Kortison einnehmen. Umso mehr war nun die Aufregung und auch ein wenig Angst vorhanden, da ich wusste, dass ich wirklich große Mengen Insulin benötige. Ein Riesen-Vorteil ist natürlich mein rtCGM, welches mir bei einer drohenden Hypoglykämie Alarme gibt. Somit war für mich klar, mit Mut und Disziplin schaffe ich das.

Woche 1 – 40 mg Kortison (Prednisolon)

Während der 5 Wochen Kortison-Therapie nahm ich immer morgens um genau 06:00 Uhr das Kortison ein. Die Basalrate (BR) lief über den gesamten Zeitraum als Basis auf 140%. Mit folgenden Parametern galt es nun zu „arbeiten“:

  • TDD: 45
  • BR: 20,4
  • CR: 7
  • ISF: 35

CR (Carb Ratio) stellt den „BE-Faktor“ dar, bei mir 7, d.h. 1 E Insulin wird für 7 g KH benötigt. ISF (Insulin Sensitivity Faktor) ist die Insulinempfindlichkeit, bei mir 35, d.h. 1 E senkt den Blutzucker um 35 mg/dl (1,9 mmol/l).

Als Orientierung hatte ich das „Kortison-Schema von Teupe“ und bestimmte anhand meiner TDD von 45 folgendes Loop-Setup: Um 09:00 Uhr erfolgte die erste Insulindosis von 7 E kombiniert mit 40 g eCarbs über 2 Stunden, ISF 35. Weitere drei Stunden später, also um 12:00 Uhr, folgten weitere 50 g eCarbs für 3 Stunden Laufzeit. Die letzte Insulindosis von 5 E gab ich um 15:00 Uhr ab.

eCarbs (extended Carbs) sind KH in der Zukunft, vergleichbar mit verzögertem Bolus. Der Loop-Algorithmus „sieht“ diese KH und gibt kleine SMBs (Super-Microbolus) ab.

Tag 1 und 2 liefen nicht ganz katastrophal, aber ich musste feststellen, dass KH unter Kortison den Zuckerstoffwechsel ordentlich unter Druck setzen.

Quelle: Screenshot / Matthias Momm

Die beiden ersten Tage frustrierten mich sehr, da nur sehr geringe KH-Mengen starke Ausschläge des Gewebezuckers nach oben bewirkten und das Insulin kaum dagegenhalten konnte. Also musste ich etwas verändern. Nach reiflicher Überlegung erarbeitete ich mir folgende Therapie, die ich bis zum Ende durchzog. Es galt, diese mit abnehmender Kortison-Dosis anzupassen, damit ich in keine Hypoglykämie abrutschte. ISF und eCarb stellten sich dabei als die Loop-Modifikatoren mit der größten Wirkung heraus.

Quelle: Screenshot / Matthias Momm
  • Frühstück mit „High Carb“ um 05:00 Uhr, also vor Wirkbeginn des Kortisons um 09:00 Uhr und zwar 70 g KH (Haferflocken, Obst, Quark, Joghurt, Milch), also sehr reichlich Kohlenhydrate, aber mit erhöhter Insulindosis.
  • Bis zum Folgetag um 05:00 Uhr absolut „No Carb“ (die 3-g-KH-Explosion oben reichte mir aus, um die Entscheidung zu treffen).
  • Aggressive ISF-Modifikation, unter 40 mg ISF 6 (!)
    (1 E senkt den Blutzucker um 6 mg/dl bzw. 0,3 mmol/l), ein ISF von 6 würde mich ohne Kortison in kurzer Zeit in eine bedrohliche Hypoglykämie bringen.
  • Sehr viele eCarbs auf einen langen Zeitraum (10 Stunden).
    In der ersten Woche 160 g eCarbs (ohne Essen).

Mir war auf jeden Fall bewusst, dass ich den Loop ultra-aggressiv konfigurierte (ohne Einnahme von KH).

Das Ganze lief ab dem dritten Tag phänomenal gut, ISF von 6 und die hohe eCarb-Menge über die 10 Stunden lieferten sagenhafte Gewebezucker-Verläufe.

Quelle: Screenshot / Matthias Momm

Hier kann man gut die eCarbs-„Häppchen“ sehen, alle 15 min „trifft“ der Loop auf 4 g und gibt kleine Mengen Insulin (SMBs) ab.

Ich konnte es kaum glauben, aber mein Setup funktionierte einwandfrei, allerdings mit großen Mengen Insulin. Meine TDD veränderte sich von ca. 45 auf 90, also eine Verdoppelung, und das ohne KH, schon etwas gruselig.

Woche 2 – 30 mg Kortison (Prednisolon)

Die erste Woche mit 40 mg verlief nach dem holprigen Start einwandfrei. Nun galt es, die Loop-Parameter für eine verringerte Dosis neu zu definieren. Die 30-mg-Woche war aber immer noch hochdosiert und so verhielt sich das Ganze auch wie in der ersten Woche.

Beim Versuch, den Loop weniger aggressiv laufen zu lassen, lief das ganze Gewebezucker-Niveau etwas höher, sodass ich mich entschloss, 30 mg genauso zu betrachten wie die 40 mg der ersten Woche. Weiterhin war ich mehr als zufrieden, aber für mich war klar, das geht nur mit hoher Disziplin und Aufmerksamkeit.

Bedingt durch den absoluten Verzicht auf KH ab 09:00 Uhr bis zum Folgetag am Morgen, wurde ich oft mitten in der Nacht wach und hatte großen Hunger. Das war für mich in Ordnung, denn ich wusste, dass nicht ausreichend Insulinrezeptoren zum Andocken des Insulins vorhanden waren.

Der folgende Gewebezucker-Verlauf zeigt sehr beeindruckend, wie gut die Nächte verliefen und der Loop den Gewebezucker-Verlauf stabilisiert hat. Ebenso gut zu erkennen sind die 70 g KH (Haferflocken, Obst, Quark, Joghurt, Milch) gegen 05:00 Uhr.

Quelle: Screenshot / Matthias Momm

 

Woche 3 – 20 mg Kortison (Prednisolon)

Mit dem Start in die dritte Woche war mir klar, wenn ich mit dem bisherigen Loop-Setup so weiterlaufen würde, könnte das Gewebezucker-Niveau tendenziell zu tief sein, also musste ich mir Gedanken machen, wie ISF und eCarbs für die 20-mg-Woche neu definiert werden müssen.

Da ich bezüglich meiner Diabetes-Therapie stets ein gutes „Händchen“ hatte, definierte ich eCarbs auf 100 g (weiterhin mit Laufzeit 10 Stunden) und ISF auf 14. Vorher waren eCarbs mit 160 g und ISF mit 6 definiert (40/30 mg).

Der folgende Gewebezucker-Verlauf zeigt, wie gut meine Wahl war, und somit waren die neuen Loop-Parameter für diese Woche gefunden.

Ich selbst fand es genial, aber auch ein wenig unheimlich, wie viel Insulin hier lief ohne nur ein einziges Gramm an KH. Das Ganze hat mich mental von Tag zu Tag immer mehr gestärkt.

Woche 4 – 10 mg Kortison (Prednisolon)

Drei Wochen liefen nun zu meiner vollsten Zufriedenheit. Mit der Woche 4 und 10 mg musste der Loop weiter „entschärft“ werden. eCarbs auf 70 g mit 10 Stunden Laufzeit und ISF 20 (normal 35).

Da ich das Ganze auch als Experiment betrachtete, dachte ich nun langsam wieder daran, KH in den „Regelkreis“ aufzunehmen. Der folgende Gewebezucker-Verlauf zeigt, wie beeindruckend der Loop diese Veränderung „flat“ gemeistert hat.

Quelle: Screenshot / Matthias Momm

Woche 5 – 5 mg Kortison (Prednisolon)

Mein Orthopäde definierte die Kortison-Therapie von 40 mg bis 10 mg, sodass ich eigentlich erfolgreich das Ende erreicht hatte, aber in Absprache mit meinem Hausarzt hängte ich die Woche 5 mit 5 mg hinten dran, weil ich noch „schleichender“ das Kortison absetzen wollte, damit der Körper wieder eigenes Kortison herstellen kann.

Mit der Woche 5 wirkten die 5 mg kaum noch, aber die Insulinrezeptoren waren „angeschlagen“, was ich weiterhin an einer erhöhten TDD feststellen musste. Mein Setup für die letzte Woche: BR auf 120%, ISF 25, keine eCarbs. Langsam kehrte die Normalität zurück, aber für eine „Erholung“ der Insulinrezeptoren habe ich „High Carb“ vermieden, also weiterhin nur KH in gemäßigter Menge.

Fazit: 5 Wochen unter Kortison phänomenal mit einem HbA1c von 5,3% absolviert

Ich hatte es geschafft, fünf Wochen im „Kortison-Labor“ unter Verwendung von Closed Loop waren zu Ende und ich überglücklich. Es war schon mehr surreal zu sehen, dass mein Diabetes besser gelaufen ist als ohne Kortison, zeigt aber auch, ohne diese harte Disziplin des fast kompletten Verzichts auf KH und den Mut zur Abgabe sehr hoher Insulindosen hätte das nicht so geklappt.

Ich nutze den Closed Loop fast drei Jahre und habe ein konstantes HbA1c zwischen 5,5 und 5,8% ohne nennenswerte Hypoglykämien.

Abschließend kann ich für mich sagen, alles richtig gemacht zu haben. Das Kortison fing mit 40 mg schon am nächsten Tag an zu wirken, meiner Schulter ging es merklich besser. Begleitend hatte ich für meine Schulter Physiotherapie. Heute ist meine Schulter zu 95% wieder in Ordnung.

Meine Statistik der 5-wöchigen Kortison-Therapie (31.05. bis 05.07.2018):

  • Zielbereich: 65-160 mg/dl (3,6-8,9 mmol/l)
  • Mittelwert: 103 mg/dl (5,7 mmol/l)
  • im Zielbereich: 92%
  • Standardabweichung: 29 mg/dl (1,6 mmol/l)
  • HbA1c: 5,3% (ohne nennenswerte Hypoglykämien)

 

Quelle: Screenshot / Matthias Momm

 

Quelle: Screenshot / Matthias Momm

 

Ein Kommentar zu “Diabetes Typ 1 und Kortison-Therapie – war da was? (Teil 2)

  1. Ein Treppensturz hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt!
    Als Dunkelziffer-Diabetikerin bekam ich Ende 2003 vom Orthopäden mehrere Cortison-Spritzen.

    Am 04.02.2004 fuhr ich mit dem Auto im Überzucker in den Gegenverkehr und hätte fast mich und andere umgebracht!
    Die Zahl der Dunkelzifferdiabetiker steigt ständig und dazu gehörte ich bis zu dem Unfall auch. https://www.diabetesde.org/gesund_leben_mit_diabetes/geschichten_von_menschen_mit_diabetes/gudrun_j_53_cortisonopfer

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