Wissenswertes über die Insulinrezeptoren beim Diabetes

Heute schreibt Matthias, wie das Insulin wirkt, welche Rolle die Insulinrezeptoren dabei spielen und in welchem Zusammenhang dabei die Insulinempfindlichkeit steht. Grundlage sind seine eigenen Erfahrungen.

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Disclaimer:
Das Folgende beschreibt die Erfahrungen mit meiner Diabetes-Therapie und stellt in keiner Weise eine Therapieempfehlung dar.

Ihr habt euch bestimmt oft schon gefragt, warum das Insulin nicht so wirkt, wie ihr es erwartet. Ich gebe hier Antworten aufgrund meiner Erfahrungen und erkläre das anhand von Beispielen.

Wie wirkt Insulin überhaupt?

Die Kohlenhydrate werden im Dünndarm aufgespalten und „schwimmen“ in Form von Traubenzucker (Glukose) im Blut.

Das Insulin kann man sich wie einen Schlüssel vorstellen. Es schließt die Zelle auf, damit die Glukose in das Innere der Zelle zur Energiegewinnung gelangen kann.

Das Schloss dazu heißt Insulinrezeptor. Das Insulin „dockt“ also an einem Insulinrezeptor an. Nach dem Andocken „versinkt“ der Insulinrezeptor in das Innere der Zelle und steht für eine kurze Zeit nicht mehr für weiteres Insulin zur Verfügung.

Erst nach einem „Recycling“ steht der Insulinrezeptor wieder als Andockstelle für weiteres Insulin bereit.

So nimmt die Gesamtanzahl der Insulinrezeptoren für eine kurze Zeit ab. Das hält sich i.d.R. im Gleichgewicht, d.h. für eine bestimmte Menge an Insulin stehen Insulinrezeptoren als Empfangsstelle bereit.

Die Anzahl der Insulinrezeptoren verändert sich

Dieses Verhältnis kann aber durchaus aus dem Gleichgewicht geraten. Die Anzahl der Insulinrezeptoren kann zu- oder abnehmen.  Wenn die Anzahl der Insulinrezeptoren abnimmt, spricht man von einer sogenannten „Insulinrezeptor-Down-Regulation“ (kurz: Down). Die Anzahl geht runter, also „Down“.

Bei einer Erhöhung der Insulinrezeptoren nennt man das „Insulinrezeptor-Up-Regulation“. Die Anzahl geht hoch, also „Up“ (kurz: Up). Siehe „Dr. Teupe: Die Logik meines Diabetes“, Seite 417ff.

Die Auswirkungen kennt jeder von euch und man stellt sich verzweifelt folgende Fragen:

  • Mein Insulin wirkt kaum noch. Ich muss immer mehr Insulin spritzen, aber mein Blutzucker geht immer nur in eine Richtung, und zwar nach oben?
  • Schon geringe Insulinmengen „schießen“ mich in eine Unterzuckerung?

Immer mehr Insulin – es wirkt kaum noch

Die Anzahl der Insulinrezeptoren, an die das Insulin „andockt“, ist begrenzt. Es stellt sich nun die Frage, was passiert, wenn man dauerhaft über die Stränge schlägt und sich ein Vielfaches der normalen Insulinmenge spritzt. Antwort: Es ändert sich die TDD (Total Daily Dose, also Insulin-Gesamtdosis) pro Tag erheblich.

Ein Bespiel aus dem Leben gegriffen: Wenn man mal nur einen gut belegten Hamburger mit einer mittleren Portion Pommes betrachtet, ist zu sehen, es braucht schon ein Vielfaches eines normalen Mahlzeitenbolus.

Quelle: pixabay

Nimmt man Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett (also BE und FPE) zusammen, kommt man gut und gerne auf 18 Insulineinheiten (sofort/verlängert) bei einem BE-Faktor von 1,5.

Das Insulin wirkt kaum noch? Was ist hier passiert?

Aufgrund der erhöhten Mengen von BE/FPE spritzt man sich viel Insulin. Dafür gibt es nicht genügend Insulinrezeptoren. Somit gibt es ein Überangebot von Insulin, das nicht „andocken“ kann. Die Insulinrezeptoren sind „Down“. Dazu kann u.U. auch eine Fehleinschätzung von BE/FPE das Ganze verstärken, denn bei einer Blutzucker-Korrektur ist immer mehr Insulin notwendig. Man ist weniger insulinempfindlich und steckt in einer Insulinresistenz. Ein Teufelskreis beginnt.

Mal ganz ehrlich: Wer denkt schon daran, für „nur“ einen Hamburger mit Pommes 18 Insulineinheiten zu spritzen? Das soll nun nicht der erhobene Zeigefinger sein „kein Fast-Food essen“. Es ist doch völlig normal, so etwas zu essen. Alles andere wäre auch an der Realität vorbei. Man möchte ja auch „leben“, aber in Maßen und nicht jeden Tag.

Umfangreiche Mahlzeiten zu den Festtagen – was nun?

Weihnachten ist hier ein Klassiker für die „Down“-Regulation. Mehrere Tage mit umfangreichen Mahlzeiten und u.U. weniger Bewegung als sonst. Oft sind es soziale Anforderungen mitzuessen (z.B. umfangreiche „Kuchen-Schlachten“). Auch hier besteht die Gefahr, dass man sich beim Abschätzen der Festtagsmahlzeiten verschätzt. Zu wenig Insulin sorgt für steile Blutzucker-Anstiege und das benötigte Korrektur-Insulin übersteigt das Vielfache der anfänglich benötigten Dosis.

Quelle: pixabay

Kann man eine „Down“-Regulation im Vorfeld verhindern?

Man könnte natürlich sagen: „Weihnachten mit dem leckeren Essen lasse ich ausfallen, dann komme ich überhaupt nicht in solche Situationen.“ Klare Antwort: Nein!

Den goldenen Mittelweg nehmen wäre die richtige Antwort. Es wird schon mal sehr viel helfen, umfangreiche Mahlzeiten wie an den Weihnachtstagen gut abzuschätzen, insbesondere hier die Gabe von Insulin an Fett und Eiweiß (FPE) ausreichend anzupassen. Wenn einem das einigermaßen gut gelingt, muss man dem Zug nicht hinterherrennen, also eine Korrektur mit einer vielfachen Menge an Insulin.

Eine weitere Möglichkeit, ob das nun praktikabel ist zu Weihnachten, bleibt dahingestellt, ist es noch, im Wirkmaximum des Insulins sich zu bewegen. Körperliche Aktivität bewirkt eine gesteigerte Insulinempfindlichkeit. Somit kann mehr Glukose in die Zelle gelangen.

Gut ist es, nach dem Essen nicht in der Couch zu versinken. Einfach Hausarbeit, wie das Abräumen vom Tisch, ist eine gute Möglichkeit, auch hier die Insulinempfindlichkeit zu verbessern.

Somit ist es wie immer, ein guter Kompromiss kann viel bewirken.

Insulinresistenz – wie komme ich aus dem Teufelskreis wieder raus?

Die angeschlagenen Insulinrezeptoren brauchen „Urlaub“ und müssen sich erholen. Denn der Körper ist stark insulinunempfindlich („Down“) geworden. Das kann neben „Fressorgien“ aber auch durch Krankheit oder Medikamente (Kortison) ausgelöst werden. Um aus dieser Resistenzspirale rauszukommen, gilt es ab nun, die TDD massiv zu senken. Nur so kann der Körper wieder besser auf das Insulin reagieren.

  • Das Auslassen einer Mahlzeit, vorzugsweise das Frühstück, weil man aufgrund von Hormonen (z.B. Cortisol), die dem Insulin entgegenwirken, morgens mehr Insulin benötigt.
  • „Low-Carb“-Mahlzeiten bevorzugen, benötigen weniger Insulin.
  • 50% Bolus zur Mahlzeit und im Wirkmaximum des Insulins Bewegung einplanen. Durch die Bewegung spricht der Körper besser auf das Insulin an. Man wird insulinempfindlicher.

Sehr wichtig ist es, man sollte sich seine TDD jeden Tag notieren. Bei der Benutzung einer Insulinpumpe ist das kein Problem. Hier kann man die Insulingesamtmenge pro Tag gut auslesen.

Um aus der „Down“-Regulation herauszukommen, reduziert sich die TDD durch den „Insulinentzug“, die Insulinrezeptoren erholen sich und deren Anzahl steigt an.

Bei weiterem „Insulinentzug“ kann eine Unterzuckerung drohen

Sobald sich die TDD wieder dem Normalwert annähert (deshalb ist das tägliche Notieren der TDD so wichtig), muss man rechtzeitig seine Basalrate reduzieren, sonst droht eine „Up“-Spirale, da nun wieder mehr Insulinrezeptoren zur Verfügung stehen, wo das Insulin „andocken“ kann. Oft ist es so, ab dem dritten Tag, an dem die TDD runtergeht, der Blutzuckerwert am Morgen niedriger wird, muss die Basalrate vorsichtig reduziert werden, sonst droht eine „Hypo“. Ziel ist es, letztendlich wieder eine normale TDD zu erreichen.

Die „Erholung“ der Insulinrezeptoren kann durchaus viele Tage benötigen, aber mit Geduld und ein wenig Disziplin schafft das jeder.

Das genaue Gegenteil – die „Up“-Regulation, man unterzuckert ständig

Es kann passieren, dass die Anzahl der Insulinrezeptoren sich erhöht. Das Insulin kann an mehr Insulinrezeptoren „andocken“. Der Körper ist wesentlich insulinempfindlicher geworden. Das kann bei geringen Insulinmengen ständige Unterzuckerungen hervorrufen. Was sind nun die Gründe dafür?

  • Mehr sportliche Aktivitäten bzw. mehr Bewegung im Tagesablauf. Das passiert gerne im Frühjahr, neue Vorsätze zu Silvester, mehr Sport zu treiben. Im Urlaub ist man durch mehr Bewegung auch mehr „Up-gefährdet“.
  • Änderung von Essgewohnheiten. Man isst weniger Kohlenhydrate und ernährt sich „Low-Carb“.
  • Mehrtägige Basalraten-Tests durch Auslassen von Mahlzeiten.

Unter der ständigen TDD-Beobachtung ist es nun wichtig, die Basalrate vorsichtig zu reduzieren. Sollte das nicht ausreichen, man unterzuckert weiterhin, muss der BE- und der Empfindlichkeites-Faktor angepasst werden.

Quelle: pixabay

Kennst du eigentlich das Diabetes-Lexikon von Diabetes-Online.de? Dort werden u.a. Begriffe wie „Insulinresistenz“ noch einmal genau erklärt.

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