AndroidAPS vs. iOS-Loop – Vergleich zweier DIY-Loop-Systeme

Matthias ist der 36. DIY-Looper weltweit und kennt alle Loop-Systeme sehr gut. Seit über einem Jahr therapiert er sich mit „AndroidAPS“. Er ist immer sehr neugierig und schaut für euch über den Tellerrand hinaus, weshalb er sich zum Testen „iOS-Loop“ gebaut hat. Im folgenden Bericht vergleicht er beide Systeme.

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[Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Markennennung.]

Disclaimer:

Der folgende Bericht beschreibt meine persönlichen Erfahrungen mit meinem Diabetes Typ 1 unter Verwendung zweier DIY-Loop-Systeme im Vergleich. Das ist zum einen das „AndroidAPS“ (kurz AAPS) auf Basis von Android und zum anderen „iOS-Loop“ auf Basis von iOS. Das Beschriebene stellt in keiner Weise eine Therapieempfehlung dar und sollte nicht nachgemacht werden. Sämtliche Ausführungen zur Verwendung eines DIY-Loop-Systems dienen nur der Information.

Seit Beginn der DIY-Loop-Szene, vor über drei Jahren, bin ich engagiert dabei. Angefangen habe ich mit dem OpenAPS-Loop, welcher auf Linux basiert. Dieses System werde ich in diesem Bericht nicht berücksichtigen, da die Komplexität sehr hoch ist. Weiterhin gibt es keine einheitliche DIY-App zur Steuerung und Überwachung.

Eine grundlegende Erklärung von AAPS und iOS-Loop soll nicht der Gegenstand meines Berichtes sein und würde den Umfang um ein Vielfaches überschreiten. Hier geht es rein um meine Erfahrungen und den Vergleich beider Systeme. 

Android vs. iOS – die Aufteilung in zwei Lager

Auf dem Smartphone-Markt gibt es bekanntlich zwei Lager: Android und iOS. Mir kommt es so vor, dass die Benutzer sehr eingeschworen auf ein System sind und das jeweilig andere nicht mögen. Ich selbst präferiere das System mit den für mich besten Loop-Funktionen.

AndroidAPS – Voraussetzungen

  • einfaches Android-Handy (z.B. „Moto G1“, gebraucht ca. 30€)
  • loopfähige Pumpe (z.B. „Accu-Chek Combo“)
  • Installation von „Android Studio“ (kostenfrei) auf dem PC für Erstellen der AAPS-App

iOS-Loop – Voraussetzungen

  • RileyLink, ca. 135€ (150$ USD)
  • iPhone (z.B. „iPhone 5s“, gebraucht ca. 70€)
  • loopfähige Pumpe (z.B. „MiniMed Veo 522“)
  • iOS Mac (oder alternativ Mac in einer virtuellen Maschine)
  • Installation von „Xcode“ (kostenfrei) auf dem Mac für das App-Erstellen von iOS-Loop
  • Entwickler-Lizenz, Kosten ca. 88€ (99$ USD) pro Jahr (oder alternativ die freie Version; die App läuft dann aber nur 7 Tage und muss dann neu kompiliert werden)
Quelle: Matthias Momm – Mac als virtuelle Maschine (läuft auf dem PC)

Das Erstellen der DIY-App fürs Loopen

Die App muss bei AAPS und iOS-Loop selbst erstellt werden. Es handelt sich bei beiden Apps um eine DIY-Version, d.h. diese ist nicht im „Play Store“ (Android) oder „Apple Store“ (iOS) verfügbar. Jeder muss das Erstellen auf eigene Verantwortung und Risiko selbst durchführen.

Sie muss nicht selbst programmiert werden. Lediglich der Programmcode muss in eine lauffähige App „übersetzt“ werden. Der ITler nennt diesen Vorgang „kompilieren“, welcher für AAPS und iOS-Loop sehr gut in den jeweiligen Dokumentationen erklärt ist.

Bei der Erstellung der AAPS-App wird eine sogenannte „apk-Datei“ erstellt, welche anschließend auf dem Handy installiert wird. Dazu muss das Handy nicht am PC angeschlossen sein.

Beim iOS-Loop funktionieren das Kompilieren und die Erstellung der App nur mit angeschlossenem iPhone am Mac. Das macht es etwas unflexibel, da unter Android jeder PC mit einem installierten „Android Studio“ verwendet werden kann.

Quelle: Matthias Momm – Android Studio

Quelle: Matthias Momm – Xcode

Entscheidet die Optik der App über die Qualität eines Loop-Systems?

Wenn man das UI (User Interface) von AAPS und iOS vergleicht, fällt sofort der sehr technisch anmutende Stil von AAPS auf. Viele Benutzer sprechen hier sogar von einer „Zumutung“ im Vergleich zum sehr gelungenen UI von iOS-Loop. Meiner Meinung ist die optische Erscheinung und die Bedienbarkeit der App sekundär, denn die App bedient man nicht permanent. Meiner Meinung nach ausschlaggebend für die Entscheidung eines Loop-Systems sollte die reine Loop-Funktionalität sein.

Quelle: Matthias Momm – „User Interface“ von AAPS (links) und iOS-Loop (rechts)

Verbindung zwischen Handy und Pumpe 

Bevor es jedoch losgehen kann, muss die Loop-Pumpe mit der App verbunden werden. Bei AAPS wird das ausschließlich über die Bluetooth-Koppelung vorgenommen. Das ist einfach und geht schnell.

Der iOS-Loop erfordert zusätzlich den RileyLink (unten links im Bild ohne Abdeckung). Dieser fungiert als „Bridge“ zwischen der Veo-Pumpe und dem iPhone. Das ist notwendig, da die Veo-Pumpen keine Bluetooth-Schnittstelle implementiert haben. Die Kommunikation erfolgt im 868-Mhz-Band. Der RileyLink transferiert dieses proprietäre Signal zu Bluetooth. Die Bluetooth-Koppelung wird einmalig mit dem RileyLink durchgeführt.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass jede zusätzliche Loop-Komponente eine weitere Fehlerquelle im Gesamtsystem darstellen kann. Während meines iOS-Loop-Tests ist das auch des Öfteren passiert, sodass ich den RileyLink oder/und das iPhone neu starten musste.

Weiterhin muss der RileyLink-Akku täglich geladen werden. Da die iOS-Loop-App keine Kapazitätsanzeige implementiert hat, weiß man nie genau, wann der Akku vom RileyLink leer ist und aufgeladen werden muss.

Damit es nicht zu Signalabbrüchen während der Kommunikation mit der Veo-Pumpe kommt, ist stets darauf zu achten, dass sich der RileyLink in der Nähe der Veo-Pumpe befindet. Die Signalqualität der Veo-Pumpen ist grundsätzlich schlecht. Die Kommunikation erfolgte früher über den sog. „Carelink“-USB-Stick zum Auslesen der Pumpendaten in eine PC-Software. 

Quelle: Matthias Momm – RileyLink (links) mit Pumpe und Handy

Gewebezucker als Eingabewerte für den Loop

Die wichtigste Grundlage für eine Loop-Regelung ist der gemessene Gewebezucker auf Basis eines rtCGM-Systems.

AAPS lässt hier eine Vielzahl von „BG-Sources“ zu:  xDrip, Nightscout, Glimp-App, Dexcom G5/G6, Eversense. Bei dem iOS-Loop sind das Enlite und Dexcom G4/G5/G6.

Definition relevanter Parameter für den Loop

Weiter geht es mit der Einrichtung der relevanten Loop-Parameter. Diese sollten ziemlich genau vorher bestimmt werden, damit die Loop-Regelung optimal arbeiten kann. Ein Loop kann auch „schräge“ Parameter ausgleichen. Es ist aber besser, wenn die Parameter gleich von Anfang an stimmig sind.

  • Basalraten-Segmente (u.U. vorher einen Basalraten-Test durchführen)
  • CR (Carb Ratio), auch bekannt als BE-Faktor oder KH-Faktor
  • ISF (Insulin Sensitivity Faktor), auch bekannt als Insulinempfindlichkeit
  • Korrektur-Zielbereich („Target“, wohin der Loop korrigieren soll)

Alles eingerichtet – geht’s dann los mit dem „Loopen“?

Bei AAPS muss man viele „Lernphasen“ absolvieren. Das nimmt einige Tage in Anspruch, bevor man „den Loop schließen“ kann.

Ich finde das aus Sicht der DIY-Programmierung von AAPS sehr vernünftig. Der Benutzer muss sich sehr intensiv mit den Loop-Grundlagen beschäftigen und versteht in dieser Zeit, wie der Loop-Algorithmus (Loop-Regelung) funktioniert.

Beim iOS-Loop gibt es zwar den Modus „Open Loop“, aber man kann einen Schieberegler in der App auf „Closed Loop“ stellen und schon ist der Loop „scharf“ geschaltet.

Aus meiner Sicht besteht für Loop-Anfänger beim iOS-Loop die Gefahr, dass man ohne Loop-Grundlagen das Loopen beginnt. Das gleicht in gewisser Weise einem Russisch-Roulette, wenn man die Loop-Regelung nicht kennt und sich darauf verlässt, „es wird schon klappen“. Das ist aus meiner Sicht ein hohes Risiko. Man muss sich immer im Klaren sein, dass es sich hier um ein DIY-Loop-System handelt, welches keine medizinische Zulassung hat.

Die Oberfläche von AAPS und iOS-Loop

Das Bedienen der iOS-Loop-App macht sofort Spaß. Sämtliche Elemente sind logisch und einfach aufgebaut und sofort verständlich. Bei der Benutzung der AAPS-App passiert es mir selbst heute noch, dass ich einige Menüpunkte nicht spontan finde. Das ist aber dem Umstand geschuldet, dass man jeden Parameter bis ins kleinste Detail konfigurieren kann. Viele Parameter und Funktionen vermisse ich leider sehr beim iOS-Loop, aber hier gibt es einen anderen Ansatz („keep it simple“).

Quelle: Matthias Momm – das iOS-Loop-Benutzerinterface

Quelle: Matthias Momm – AAPS-Benutzerinterface

Gewebezucker-Werte „hochladen“ zur weiteren Verwendung

Bei AAPS lade ich meine Gewebezucker-Werte per xdrip „Upload“ zu Nightscout und parallel über die Dexcom-App zu Clarity hoch. Die Werte in Nightscout werden lückenlos hochgeladen, selbst wenn mal keine Internet-Verbindung besteht (xdrip puffert die Werte und lädt sie später hoch).

Beim iOS-Loop werden die Gewebezucker-Werte ebenso von der Dexcom-App zu Clarity hochgeladen. Für einen lückenlosen Verlauf der Werte in Nightscout ist eine permanente Internetverbindung notwendig. Der iOS-Loop puffert keine Werte, d.h. bei einer fehlenden Internetverbindung (z.B. in der U-Bahn) entstehen u.U. große Lücken im Verlauf.

Quelle: Matthias Momm – Lücken beim Nightscout Upload (iOS-Loop)

Grundlegende Loop-Feature fehlen mir beim iOS-Loop

Beim iOS-Loop fehlen mir essenzielle Loop-Features, die für mich ganz klar die Stärken von AAPS ausmachen. Damit ist es möglich, AAPS sehr “aggressiv” laufen zu lassen, insbesondere in Grenzsituationen, siehe meine Kortison-Therapie. Ohne diese Features wäre es mir niemals gelungen “unter Kortison” eine 5-wöchige Therapie erfolgreich zu absolvieren (HbA1c während dieser Zeit 5.3%).

Fazit: AAPS ist für mich ein klarer Sieger

An dieser Stelle möchte ich nochmal erwähnen, dass es sich bei diesem Vergleich um meine persönliche Meinung handelt. Die Vorteile einer gelungenen iOS-Loop Benutzeroberfläche können meine empfundenen Nachteile gegenüber AAPS nicht wettmachen.

Leider unterstützt der iOS-Loop z.Zt. nur ur-alte Veo-Pumpen. Diese sind i.d.R. älter als 10 Jahre und haben horrende Preise auf dem Gebrauchtmarkt. Aufgrund des hohen Alters kann eine Veo-Pumpe schnell kaputt gehen, gerade wenn man an mechanisch Belastungen denkt (z.B. Motor, Gewindestange etc.).

Die Gesamtkosten für einen iOS-Loop sind im Vergleich zu AAPS extrem hoch. Hier kommen schnell mehrere Hundert Euro zusammen.

Der Batterieverbrauch der Veo-Pumpen ist hoch. Eine Alkaline-Batterie hält maximal drei Tage; Lithium ca. 10 Tage.  Bei AAPS integrierten Loop-Pumpen sind das gerne vier bis sechs Wochen Batterielaufzeit.

iOS-Loop hat einen anderen Ansatz, der heißt “keep it simple”. Das amerikanische Unternehmen Tidepool wird die iOS-App möglicherweise in zwei bis vier Jahren offiziell in den Apple-Store integrieren. Dann wird man sicherlich nicht mehr von 500 oder 1000 Loopern reden, sondern von vielen Tausenden. Das geht sicherlich nicht mit einer hoch komplexen, nicht “aufgeräumten” Benutzeroberfläche von  AAPS.

Man muss aber auch sagen, dass DIY-Programmierung sehr dynamisch sein kann. Vieles verändert sich in kurzer Zeit. Ich gehe davon aus, dass man die AAPS-Oberfläche einer “Renovierung” unterziehen wird. Lassen wir uns überraschen.

Jedes System hat Vor- und Nachteile.  Das ist bei Insulinpumpen und rtCGM-Systemen wie auch hier bei DIY-Loop-Systemen der Fall. Deshalb muss jeder für sich selbst die beste Wahl treffen und definieren, welches Ziel erreicht werden soll und was dafür in Kauf genommen wird.


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6 Kommentare zu “AndroidAPS vs. iOS-Loop – Vergleich zweier DIY-Loop-Systeme

  1. Ein sehr gut geschriebener Artikel, der einen guten Überblick für Starter gibt.
    Ich sehe mich eher auf der iOS Seite, sehe aber auch die gleichen Nachteile, die Du geschrieben hast.
    Mal sehen was die Zeit noch bringt.

  2. Vielen Dank @capunkt

    Meine Absicht ist es, niemanden zu “missionieren” oder zu überreden und soweit wie möglich objektiv zu bleiben, glaube, das ist ganz gut gelungen hier 🙂

    Im Netz wird ja schon der Omnipod-Loop “angekündigt”. Hier muss aber klar gesagt werden, es ist noch nichts für verfügbar für die Allgemeinheit.

    Es wird in absehbarer Zeit (wann, das weiß nur das Entwickler-Team) eine Version “dev” erscheinen für die weitere öffentliche Entwicklung und das Testen.

    Da werde ich dabei sein, soweit es mir als “Nicht-Pod” User geklingt so viel wie möglich Pods “einzusammeln” (man braucht keinen PDM).

    Da es sich bei einer “dev” Version um eine “highly experimental” Version handelt, die Bugs enthalten kann (und wird), kann man nur warnen, dass unerfahrene Leute auf diesen Zug aufspringen. Eine “dev” Version ist und bleibt riskant.

    1. Hab heute die Versandbestätigung für meinen Omnipod RileyLink gekriegt – ich werde berichten 😉 Bin bisher eingefleischter Android User – Danke für den Hinweis mit der virtuellen Maschine – war schon dran und drauf mir irgendwo einen Mac zu organisieren… IPhone liegt schon bereit – bin aber schon gespannt wie sehr ich XDrip vermissen werde und nachdem ich deinen Bericht jetzt gelesen habe etwas nervös: Ich dachte ich würde für den Loop die Blutzucker Daten aus der Spike App verwenden können… Ich hab keinen Dexcom, sondern einen Libre… Mal sehen – sonst gibts einen RikeyLink günstig abzugeben und ich warte auf die Android APS Omnipod Lösung 🙂

  3. Schön geschrieben, ich nutze den IOS loop am iPhone, und ja bei mir reicht das ausgleichen der Basalrate oft nicht ganz aus, da hier bei 4 Einheiten schluss ist. Hier wünscht man sich etwas mehr Flexibilität, der loop stop wenn man manuell den verlängerten Bolus startet, Angezeigt wird er richtig im Anschluss. Ansonsten bin ich recht zufrieden, auch mit der Apple Watch als Anzeige.

  4. Jens, Dankeschön für das Kompliment!

    Mal schauen, was sich an der Omni Loop-Front tut…wenn das so funktioniert wie ich mir das vorstelle, wäre das Loop Nr. 4 (OpenAPS, AAPS, iOS-Loop, Omni Loop) inkl. Bericht in der #BSLounge, schauen wir mal….

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