DIY – Pimp Your Diabetes (Teil 2)

Seit Anfang der „DIY-Loop“-Bewegung ist Matthias als Loop-Pionier dabei. Heute erzählt er euch, wie alles vor vier Jahren anfing und was er alles machen musste, um als Looper (weltweit) Nr. 36 zu „loopen“.

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[Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Markennennung.]

Disclaimer:

Der folgende Bericht beschreibt meine persönlichen Erfahrungen mit meinem Diabetes Typ 1 unter Verwendung von DIY-Closed-Loop. Das Beschriebene stellt in keiner Weise eine Therapieempfehlung dar und sollte nicht nachgemacht werden. Meine Ausführungen zur Verwendung eines DIY-Closed-Loop dienen nur der Information. Sämtliche Herstellergeräte wurden in keiner Weise in ihrem Original verändert.

So fing alles 2015 an

Im Jahr 2015 las ich in einem Diabetesforum das erste Mal etwas über „APS“. Unter dieser Abkürzung konnte ich mir zunächst gar nichts vorstellen. Eher hätte ich gedacht, das sei etwas Neues zum Essen (ich koche gerne).

Die Abkürzung steht für Artificial Pancreas System, also „künstliche Bauchspeicheldrüse“.

Das fand ich schon mal sehr spannend, aber konnte mir den Zusammenhang zu DIY (do-it-yourself) nicht vorstellen. Ein APS „selbst bauen“, wie sollte das denn gehen?

Viele Informationen über DIY-APS fand ich nach ausführlicher Internetrecherche nicht. Erst als ich auf einen amerikanischen Entwickler-Channel namens „Gitter“ stieß, wurde es interessanter.

Also registrierte ich mich dort und fing an, mir einen Überblick zu verschaffen. Das war schwierig, denn es gab keinen roten Faden mit Anfang und Ende, sprich eine gute Dokumentation. Aber das Thema machte mich sehr neugierig und motivierte mich, am Ball zu bleiben.

So stellte ich die ersten Fragen, schlug aber schnell unsanft auf dem Boden der Realität auf. Meine Fragen wurden mit Antworten wie „suche im Channel, das wurde  schon mal erwähnt“ beantwortet.

Ich ließ mich nicht einschüchtern und hielt durch. Irgendwann fand ich eine rudimentäre Dokumentation. Mit viel Fantasie verstand ich, wie diese selbst „gebastelte“ künstliche Bauchspeicheldrüse funktionierte.

Durch die Zeitverschiebung zu den USA legte ich etliche Nachtschichten ein. Nur so konnte man „live“ chatten, denn es gab von meiner Seite unendlich viele Fragen.

Mit der Zeit lernte man sich kennen. Nun wurden auch Fragen beantwortet. Es gab unter den ersten 15-20 Loopern interessante Diskussionen, die mich weiterbrachten. Ich verstand immer mehr rund um das Thema DIY-Loop. Das Puzzle wurde langsam zu einem Bild.

#WeAreNotWaiting – nicht mehr auf leere Versprechungen warten

Dana M. Lewis und ihr Ehemann Scott Leibrand aus den USA trotzten den leeren Versprechungen der Industrie, ein kommerzielles APS im Markt zu etablieren, und nahmen die Sache selbst in die Hand.

Einfacher Gedanke: Insulinpumpe plus rtCGM – beide Geräte miteinander „reden“ lassen

Dana und Scott machten sich intensiv Gedanken, ob es nicht möglich sei, mit einer selbst programmierten Software beide Geräte miteinander „reden“ zu lassen.

Ziel war es, einen Regelkreis zu bauen, sodass die Insulinpumpe automatisch Insulin auf Basis des gemessenen Gewebezuckers abgibt und den Blutzucker in einem Zielbereich hält.

So entstand „OpenAPS“

„Open“ wurde „APS“ vorangestellt. Es handelt sich um eine sog. „Open Source“-Lösung. So entstand der Name des ersten DIY-Loop, nämlich „OpenAPS“.

Der Programm-Code war öffentlich zugänglich, sodass jeder mit guten Ideen zur Umsetzung „eingeladen“ war, mit zu programmieren oder zu testen (das ist bis zum heutigen Tage so). Immer mit dem Hinweis, das passiert auf eigenes Risiko, da es sich um ein nicht zugelassenes Medizinprodukt handelt.

Dana, Scott und eine Handvoll kluger Köpfe arbeiteten damals wie heute (der DIY-Loop wird ständig weiterentwickelt) in ihrer freien Zeit am Konzept und der Umsetzung dieses Regelkreises (Loop).

Es ging los für mich: lesen, lesen, lesen

Nach langer Zeit des Lesens hatte ich einen Gesamtüberblick. Nun galt es für mich, mir die Loop-Komponenten zu besorgen. Der erste DIY-Loop bestand aus den folgenden Komponenten:

  • Raspberry PI (ein Mini-Computer, kurz: RPI)
  • Powerbank (externe Stromversorgung) für den Betrieb des RPI mit ausreichender Kapazität (10.000 mAh)
  • eine Insulinpumpe, die über einen „DIY-Befehlssatz“ gesteuert werden kann (bei mir eine Medtronic Veo „754 FW 2.4A“ und eine „522“)
  • einen „CareLink USB“-Stick von Medtronic (empfängt die Veo-Signale und „schickt“ diese in den DIY-Loop)
  • Dexcom rtCGM, damals Generation „G4“ (entweder „xdrip“ oder Original-Empfänger)
  • Nightscout zur Überwachung des DIY-Loops
Quelle: Matthias Momm (erster DIY-Loop)

Alles lag auf dem Tisch, was nun?

Erst einmal galt es, meine Linux-Kenntnisse etwas aufzufrischen, denn das Betriebssystem des RPI war ein Linux-Derivat (Version). Ohne gute Linux-Kenntnisse war es nicht möglich, die OpenAPS-Software zu installieren, geschweige denn, Fehler zu beheben. „Troubleshooting“ war damals mein tägliches Brot, bis ich es schaffte, dass der DIY-Loop fehlerfrei lief. Das dauerte ungefähr sechs Wochen.

Die erste Loop-Nacht

Der Loop lief tagsüber ohne Fehler, also ging es in die erste Nacht mit dem Loop. Ich stellte mir zur Kontrolle Handy-Alarme ein, um meinen Loop nachts zu kontrollieren. Der Gedanke, die Kontrolle meiner Insulinpumpe, einem selbst gebastelten DIY-Loop zu übergeben, war schon etwas unheimlich.
Die Handy-Alarme waren nicht notwendig, denn ich war so aufgeregt, dass ich kaum schlafen konnte. Die Nacht lief phänomenal gut. Die Anzeige meines Gewebezuckers auf dem rtCGM-Display war konstant glatt. Der DIY-Loop machte einen tollen Job und hielt die Werte im Zielbereich. Von diesem Tag an „loopte“ ich jede Nacht. Es dauerte gut eine Woche, bis sich meine Aufregung legte, sodass ich nun auch wirklich entspannt schlafen konnte.

Der Loop-Algorithmus steckte damals noch in den Anfängen. Mahlzeiten wurden erst später berücksichtigt. Primäres Ziel war es, den Gewebezucker in der Nacht konstant zu halten. Es traten keine Hypoglykämien mehr auf. Mein Schlaf war sehr erholsam.

Am Tag war ich mit dieser Bauchtasche unterwegs, hatte etwas von einer Kontrolleur-Tasche.

Quelle: Matthias Momm (Loop-Bauchtasche)

Der Loop wurde kleiner

Die Loop-Komponenten wurden allmählich kleiner. Der große Kasten (Raspberry Pi) wich dem kleinen „Edison“-Computer.

Quelle: Matthias Momm (Edison Mini-Computer)

Es musste auch eine Lösung gefunden werden, den sog. „CareLink USB“-Stick zu ersetzen, denn meistens musste ich sogar den Stick mit einem Gummiband mit der MiniMed Veo verbinden, sonst kam es zu  Funkabbrüchen. Die Reichweite war sehr gering.

Auf der Suche nach einer Alternative fanden die DIY-Entwickler den sog. ERF-Chip, schön klein und günstig, aber es gab einen Haken: Da der Chiphersteller die Produktion weltweit eingestellt hatte, waren nur noch wenige ERF-Chips verfügbar in irgendwelchen Internet-Shops. Ich hatte Glück und konnte zwei Stück ergattern (ein Backup ist immer gut).

ERF-Funk-Chip per „flashen“

Erst durch das Flashen, das Installieren einer Firmware auf dem ERF-Chip, wurde diesem Leben eingehaucht. Pete Schwamb (der „RileyLink“-Entwickler des iOS-Loop) programmierte damals die Firmware. Das Flashen musste jeder selbst durchführen. Hier könnt ihr den Edison-Mini-Computer und ERF-Chip sehen, beides verkabelt und vorbereitet für das Flashen. Das zweite Bild zeigt das Flashen (die Firmware wird auf den ERF-Chip übertragen).

Quelle: Matthias Momm (Edison/ERF-Chip)
Quelle: Matthias Momm (ERF-Chipf, Flashvorgang)

Möglichst kleines Loop-Gehäuse suchen

Nachdem ich den ERF-Chip mit der Firmware erfolgreich geflasht hatte, suchte ich ein passendes Gehäuse und baute sämtliche Komponenten ein. Im Gehäuse-Deckel fand ein flacher Handy-Akku seinen Platz.

Quelle: Matthias Momm (Edison-Mini-Loop im Gehäuse)

Unten der Größenvergleich mit meiner MiniMed Veo 754 zeigt gut, dass im Vergleich zu meinem ersten „Monster-Loop“ das Ganze wesentlich kleiner gelungen war.

Quelle: Matthias Momm (Edison-Mini-Loop und MiniMed Veo 754)

Es ging noch mehr rein in die Kiste

Zu den Zeiten von Dexcom G4 und xdrip galt es für mich, die perfekte Lösung in einer Box zu finden und die xdrip-Hardware im gleichen Loop-Gehäuse zu integrieren. Es wurde zwar immer enger, aber es klappte.

Loopen heute mit AndroidAPS und einer Accu-Chek Spirit Combo

Rechtzeitig hatte ich mir Gedanken über eine Loop-Alternative gemacht. Meine MiniMed-Veo-Pumpen waren nämlich bis zu 15 Jahre alt.

Ich besorgte mir auf dem Gebrauchtmarkt in England eine „Accu-Chek Spirit Combo“-Insulinpumpe für 60€. Das war im Vergleich zu den stein-alten MiniMed-Veo-Pumpen (diese werden zwischen 300 und 800€ gehandelt) ein sehr fairer Preis.

Bei „AndroidAPS“ läuft der Loop-Algorithmus auf dem Handy. Alles (wie z.B. die Eingabe von KHs) wird per App bedient. Der DIY-Loop besteht somit nur aus meiner Accu-Chek-Spirit-Combo-Insulinpumpe und meinem Handy. Es ist keine zusätzliche Hardware notwendig.


In Teil 1 seiner “DIY – Pimp your Diabetes”-Reihe erklärte Matthias, wie er damals das Dexcom G4 zusammen mit der xDrip-App zum Laufen bekommen hat: DIY – Pimp Your Diabetes (Teil 1)

4 Kommentare zu “DIY – Pimp Your Diabetes (Teil 2)

  1. Hallo Mathias,
    vielen Dank für deinen übersichtlichen Artikel. Ich selbst komme von der OpenAPS Seite, nutze Medtronic 712 mit einem Raspberry Pi und dem Explorer-Hat von Enhanced Radio Devices. Letzteres ist teuer und fehleranfällig (verträgt die Hitze nicht, die der Raspberry abgibt, vor allem, wenn alles in einem BAG ist). Jedenfalls möchte ich auf Android APS umsteigen und spekuliere darauf, dass Riley Link mit Medtronic 712 funktioniert. Weißt Du da bereits Bescheid, ich habe mich noch nicht so tief in die Gitter Seiten eingearbeitet.
    Grüße aus Köln
    Bernd

    1. Hallo Bernd, Dankeschön!
      ich habe auch eine Veo 712. Diese ist ja nur “eingeschränkt” loopfähig. Unter OpenAPS ist das mit “Anpassungen” möglich. Unter “Loop” geht die 712 nicht. Ich vermute, die vielen Features von AAPS, damit wird die 712 nicht kompatibel sein.
      Gruß, Matthias

  2. hallo, ich bin neu hier. und brauche Hilfe bei dem Zusammenbau und installieren eines OpenAPS Systems. ich habe mir eine gebrauchte Medtronic paradgim 712 gekauft. ich besitze den Dexcom G6. und möchte versuchen nachts mit OpenAPS zu loopen. nun fehlen mir noch die nötigen Komponenten wie Raspberry usw.
    ich bin mir nicht sicher was genau ich für mein System kaufen muss. auch vor der Installation habe ich etwas angst. könnt ihr mir helfen? ich suche schon die ganze zeit jemand der mir hierbei helfen kann. ich nutze derzeit noch aaps mit einer 640g Medtronic pumpe im openloop modus. und möchte endlich umsteigen auf ein closed loop System dass mir hilft meinen diabetes zu bändigen.

    viele liebe grüße
    Angela

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