Familie Typ F: Umgang mit Diabetes, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte

Simone beschreibt Euch ihre Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Typ-F-Diabetes-Typen in ihrer Familie in Bezug auf den Diabetes ihres Mannes Matthias.

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Diabetes, ja und?

Mein jüngerer Bruder, mittlerweile auch Familienvater, hat im Teenageralter von 15 Jahren mitbekommen, dass mein Mann (damals Freund) plötzlich Diabetes bekam. Für ihn war und bin immer nur ich, seine Schwester, erstmal die Betroffene.

Zu Beginn konnte er mit der Krankheit nicht viel anfangen. Klar, wenn man gerade voll in seiner Pubertät gefangen ist, hat man auch ganz andere, wichtigere Interessen. Damals bekam er zwar das Abwiegen, Spritzen usw. mit, doch richtig bewusst wurde ihm die Krankheit erst mit der ersten schweren „Hypo“ meines Mannes. Da stand er mir durch Gespräche über meine Ängste bei und versuchte, mich psychisch zu unterstützen. Heute spricht er über das Thema Diabetes eigentlich nur, wenn z.B. jemand aus seinem Bekanntenkreis dazu eine Frage hat. Ansonsten ist das kein Thema zwischen uns. Für ihn ist Matthias ein Mensch wie jeder andere.

Oje, kannst Du das überhaupt essen?

Meine Mutter hingegen fragt am Kaffeetisch, auch nach über 20 Jahren, noch immer, ob Matthias den Kuchen überhaupt essen darf. Sie ist die liebevoll mitleidige Typ-F-Diabetikerin. Seit der Diagnose bemitleidet sie nicht nur ihn, sondern auch mich und projiziert dann das Leid auf sich. Das führte bei den schwereren „Hypos“ von meinem Mann dann immer wieder dazu, dass sie vor Mitleid zerfloss.

Quelle: Simone Momm

Ich hätte jedoch damals eher eine Mutter gebraucht, die mich aufmuntert und mir mit Stärke unter die Arme greift. Nicht jemand, den ich auch noch beruhigen muss. Ja, sie hört zu, wenn wir ihr z.B. etwas über Neuerungen in Bezug auf den Diabetes berichten. Aber wirklich verstehen kann sie es nicht, das übersteigt einfach ihre Vorstellungen. Für meine Mutter ist das eine schlimme Krankheit, die sie jedoch nur wahrnimmt, wenn mein Mann sich anders als die anderen verhält, z.B. beim Kuchenessen.

Bin ich froh, dass ich so gesund bin!

Mein Schwiegervater ist ein ganz anderes Kaliber. Als man ihm die Diagnose Diabetes seines einzigen Sohnes mitteilte, fand er es schlimm, war aber gleichzeitig froh, dass es ihm selbst gesundheitlich gut ging.

Mit ihm über den Diabetes oder für Matthias positive Neuerungen, wie rtCGM, zu reden, ist schwierig. Er hat sich bis heute mit dem Thema Diabetes kaum befasst. Lediglich den Kontakt zu einer Reha-Klinik für Diabetes gab er an seinen Sohn damals weiter.

Gestern: Papa, nimm Traubenzucker!

Mein Sohn Moritz ist mit dem Diabetes seines Papas aufgewachsen. Dieses Thema begleitet ihn sein Leben lang. Schon als Kleinkind wurde er immer mal wieder in den Finger gepikst, um seinen Blutzucker zu testen. Natürlich zum einen aus Angst, er könnte es auch bekommen, und manchmal auch einfach, wenn er z.B. extrem viel trank. Er hat schon als kleiner Kerl angefangen, auf seinen Papa achtzugeben. So sagte er dann seinem Vater immer wieder, wenn dieser unterzuckert war, dass er sich jetzt mal hinsetzen solle und Traubenzucker nehmen muss.

Quelle: Simone Momm

Mit 5 Jahren hat Moritz seinen Papa dann während einer Unterzuckerung mit Bewusstlosigkeit im Wohnzimmer gefunden. Er kam dann zu mir gelaufen und meinte nur, dem Papa gehe es nicht gut, er würde nicht mehr antworten. Er hat das alles, was ein Glück, gut weggesteckt. Dieses Erlebnis hinterließ bei meinem Sohn keine negativen Ängste. Allerdings erklärten wir ihm danach, was er tun soll, wenn das nochmal passiert und die Mama nicht da ist. Ab diesem Tag wusste er, wo die Notfallspritze lag und dass er Hilfe holen soll. Seit er mit seinem Papa auch mal alleine unterwegs ist, z.B. im Wald Holzmachen oder Radfahren, weiß er auch, wie er mit der GlucaGen-Spritze umgehen muss.

Heute: Ich kann es nicht mehr hören, Papa!

Mit dem Beginn des Loopens durch seinen Vater war er, als Teenager, ziemlich genervt bezüglich des Themas Diabetes. Denn zu dieser Zeit – über einen sehr langen Zeitraum – war das ausschließliche Gesprächsthema seines Papas der Diabetes. Moritz sieht den Diabetes als zweite Vollzeitbeschäftigung seines Vaters, gerade in Bezug auf seine ganze Social-Media-Tätigkeit.

Quelle: Simone Momm

Er ist nach wie vor achtsam in Bezug auf seinen Vater, gerade wenn er allein mit ihm unterwegs ist, und hört sich auch interessiert Neuerungen in Sachen Diabetes an. Für ihn gehört der Diabetes seines Papas einfach dazu. Darüber hinaus will er aber nicht mehr von ihm mit „Diabetes-Kram“ zugetextet werden. Dies äußert er auch ganz deutlich.


Auch Manuela hat aus Sicht der Partnerin eines Typ-1-Diabetikers (und #BSLounge-Autors) erzählt, wie sich ihr Leben damit gestaltet: Von Blutzucker, Basal und einer Bitch

3 Kommentare zu “Familie Typ F: Umgang mit Diabetes, wie er unterschiedlicher nicht sein könnte

  1. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Premieren-Artikel liebe Simone :+1

    Die unterschiedlichen Reaktionen der Typ F’ler sind wunderbar beschrieben. In meinem Umfeld gab es noch den Typ F, der sich meines Diabetes bediente, um sich selber wichtig zu machen.

    Ich freue mich auf deine nächsten Artikel!

    LG Felicitas

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