Schwimmen und Diabetes – geht das gut?

Matthias geht ins Schwimmbad. Was er dabei beachten muss, um seinen Diabetes in Schach zu halten, beschreibt er Euch heute. Eines ist nämlich klar: Im Wasser zu unterzuckern, das kann lebensgefährlich sein.

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In Sachen Sport bin ich ein fauler Mensch. Wenn die Hosen zu eng werden, ist es dringend an der Zeit, etwas zu unternehmen, denn neue Hosen kaufen kommt nicht in die Tüte. Habe ich es einmal geschafft, meinen inneren Schweinehund zu überwinden, gehe ich gerne ins Schwimmbad und ziehe dort meine Bahnen. Das sind i.d.R. 1000 Meter. Eine Bahn „Brust“ und die Bahn zurück im Kraulstil. Beides kann ich gut, nur an meiner Kondition muss ich noch arbeiten.

Quelle: Pixabay

Ich nehme Euch heute mit ins Schwimmbad und erzähle, wie ich mich im  Wasser mit meinem Diabetes „arrangiere“, damit es nicht zu einer lebensgefährlichen „Hypo“ im Wasser kommt. Beim Schwimmen ist es leider bei mir so, dass ich nahezu keine Körperwahrnehmung in Bezug auf meinen Diabetes habe.

„Sport-BE“ als Puffer

Beim Sport, insbesondere beim Schwimmen, brauche ich gut eine Stunde Vorlauf, um meinen Blutzucker in eine sichere Region zu heben.

Um kein Risiko einzugehen, fühle ich mich mit einem Wert von gut 200 mg/dl (11,1 mmol/l) sicher. Die Kombination aus „schnellen“ und „langsamen“ Kohlenhydraten ist bei mir ein perfekter Mix.

So „pushe“ ich meinen Blutzucker z.B. mit 2 BE Traubenzucker (schnell) und stabilisiere mich mit knapp 1 BE Schokolade (langsam). Meinen Gewebezucker habe ich mit dem rtCGM gut im Blick und entscheide mich, ins Schwimmbad zu fahren, sobald der Wert steigend 140 mg/dl (7,8 mmol/l) erreicht hat.

Quelle: Matthias Momm

Bis ich im Schwimmbad bin, vergehen noch gut 30 Minuten (inkl. Umkleide), dann passt das i.d.R. gut mit dem von mir angestrebten Wert von 200 mg/dl (11,1 mmol/l). Damit der Blutzucker nicht weitersteigt, gilt es nun aber, loszulegen und meine Bahnen zu ziehen.

rtCGM-Sensormessung im Wasser?

Bedingt durch das Medium „Wasser“, werden beim rtCGM keine Gewebezuckerwerte zum Empfangsgerät übertragen. Dazu kommt, dass das Empfangsgerät nicht wasserdicht ist.

Mein Dexcom-rtCGM speichert zwar die Gewebezuckerwerte im Transmitter, aber für eine Anzeige der Werte muss ich aus dem Wasser in Empfangsnähe gehen und mindestens 5 Minuten warten, bis die fehlenden Werte übertragen werden. Da die Bluetooth-Verbindung Transmitter/Sensor gerne mal „hängt“, kann das auch mal 10 Minuten dauern, bis Werte auf dem Display zu sehen sind. Für mich ergibt das keinen Sinn, denn eine Pause darf bei einer sportlichen Betätigung nicht zu lange andauern.

Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass beim Schwimmen die rtCGM-Gewebezuckerwerte absolut unstimmig zur blutigen Messung sind – vermutlich hinken die Gewebezuckerwerte durch den „time lag“ beim schnellen Glukoseabfall durch das Schwimmen ziemlich hinterher. Ich habe schon Abweichungen von bis zu 50 mg/dl (2,8 mmol/l) festgestellt. Gerade beim Schwimmen ist es mir aber sehr wichtig, dass ich die aktuellen Blutzuckerwerte kenne. Deshalb bestimme ich meinen Zuckerwert „blutig“ während des Aufenthaltes im Schwimmbad.

Es geht los – mein Blutzucker kurz vor dem Schwimmen

Huch, was ist denn da passiert? Habe ich meinen Blutzucker durch die „Sport-BE“ zu weit nach oben „geschossen“? Eine Korrektur mit Insulin ist mir gerade vor dem Schwimmen zu riskant, also schnell ins Wasser und schwimmen.

Quelle: Matthias Momm

Bei einem Ausgangswert von 251 mg/dl (13,9 mmol/l) denke ich mir, die 1000 Meter kann ich wagen, ohne eine Pause einzulegen, um den Blutzucker erneut zu bestimmen.

… nach 800 Meter Schwimmen

Da ich großen Respekt vor „Hypos“ im Wasser habe, gehe ich kurz vor dem Erreichen der 1000 Meter aus dem Wasser und messe meinen Blutzucker. Wow, denke ich mir, in gut 40 Minuten knapp 100 mg/dl (5,6 mmol/l) „abgearbeitet“. Es freut mich, dass ich von dem hohen Ausgangswert durch das Schwimmen runtergekommen bin. Auf der anderen Seite bin ich erstaunt,  wie schnell der Blutzucker gefallen ist.

Quelle: Matthias Momm

Gut, da ist noch „Luft“ nach unten, denke ich mir. Also noch mal für weitere 10 Minuten ins Wasser und weiterschwimmen. Soweit die Theorie, aber das Schwimmen bringt meinen Blutzucker im Vergleich zu anderen Sportarten wirklich rasant nach unten.

Nach dem Verlassen des Schwimmbades lege ich meine Insulinpumpe wieder an und messe 105 mg/dl (5,8 mmol/l). Das klingt „komfortabel”, aber wenn man an den sog. Muskelauffülleffekt denkt, könnte das nach unten knapp werden. Also esse ich 1 BE Traubenzucker zur Sicherheit und fahre nach Hause.

Quelle: Matthias Momm

Mein Zucker während des Schwimmens

Die Punkte A bis D zeigen die  „blutigen“ Messungen mit dem Blutzuckermessgerät. Unten ist der Verlauf meines Gewebezuckers zu sehen.

  • A: vor dem Schwimmen, 251 mg/dl (13,9 mmol/l)
  • B: 40 Minuten im Wasser (Brust- und Kraulschwimmen), 160 mg/dl (8,9 mmol/l)
  • C: nach weiteren 10 Minuten – 137 md/dl (7,6 mmol/l)
  • D: nach dem Verlassen des Schwimmbades – 105 mg/dl (5,8 mmol/l)
Quelle: Matthias Momm

Fazit

Vor dem Schwimmen darf man als Mensch mit Diabetes keine Angst haben, aber es sollte einem immer bewusst sein, dass es durchaus möglich ist, dass die mit Sensortechnik (in meinem Fall rtCGM) gemessenen Glukosewerte den Blutzuckerwerten hinterherhinken. Zur Sicherheit sollte der Blutzucker vor dem Schwimmen lieber zu hoch „gepusht“ werden, damit es zu keiner kritischen „Hypo“ kommt. Das Schwimmen kann, wie bei mir, zu rasantem Abfall des Blutzuckers in kürzester Zeit führen.


Auch Olli hat Erfahrungen damit, wenn einen eine Unterzuckerung erwischt, wenn es so gar nicht passt. Ihre Tipps und Erfahrungen teilt sie in dem Beitrag „Hypos in den unpassendsten Situationen! – Was tun? (Teil #1)“

12 Kommentare zu “Schwimmen und Diabetes – geht das gut?

  1. Halli Hallo Matthias!

    Das Schwimmen habe ich schon immer geliebt, jedoch war ich seit der Diagnose nicht mehr im Wasser. Ich hoffe, dass ich im Juli noch ein paar Bahnen ziehen kann, bevor es dann auf die Reise geht.

    Dass es dabei Probleme mit dem rtCGM gibt, war mir gar nicht bewusst! Ich werde mich langsam ran tasten und vorsichtig sein – am besten inkl Aufpasser im Schwimmbad. Irgendwann wird auch hier mein Gefühl besser 🙂

    Ebenfalls erstaunlich, wie schnell das Schwimmen den Blutzucker nach unten zieht! Wow!

    Großes Dankeschön für deine Erfahrungen, sie helfen mir auf jeden Fall weiter!

    Liebe Grüße
    Nathalie

    1. Dankeschön Natalie!
      Jeder der mich kennt, weiß ich lebe nach meinem Motto “die Welt gehört den Mutigen” aber beim Schwimmen ist das wirklich ganz anders, da habe ich großen Respekt.
      Lieben Gruß, Matthias

  2. Danke Matthias für deinen Bericht.
    Wenn ich im Einer über den See rudere, habe ähnliche Sorgen. Bei Schwindel kippe ich in den Teich.
    Wenn ich allerdings mit Werten bei 200 Sport treibe, geht der BZ eindeutig nach oben, weil meine Leber wohl Glukagon. oä. ausschüttet.
    Ich nehme jetzt mein Smartphone in einem wasserdichten Beutel mit. Leider traue ich mich nicht an niedrige Werte, weil es blöd ist mit UZ noch 500m vom Steg weg zu sein. Von 250 spritze ich dann nach dem Sport herunter.

  3. Hallo Matthias, ich nutze den FreeStyle Sensor und bevorzuge auch einen Wert zwischen 200 – 250 md/dl um auf der sicheren Seite zu sein für ca. 30 – 40 Minuten schwimmen im Wasser. Was ich definitiv nicht mache und auch nichts davon halte ist den Wert mit Traubenzucker hoch zu pushen, dadurch steigt der BZ genauso schnell wie er wieder abfällt. Es sind leere Kalorien, Einfachzucker der keine dauerhafte Energie liefern. Bei mir haben sich Bananen bewährt, sie sind eine perfekte Sportlernahrung, gesund, kalorienarm, leicht verdaulich vor dem Sport und vitaminreich. Eine Banane hat durchschnittlich 2BE und einen mittleren glykämischen Index, ist natürlich verpackt und einfach mitzunehmen. Mit 90 cal. Vitamin C, Kalium und Calcium bei wenig Fett immer vor dem Sport bestens geeignet. Es kommt für den Wert vor dem schwimmen natürlich auch an was du vorher alles gegessen hast und natürlich muss man nach dem Sport auch dann die Werte im Auge behalten, das ist klar. Aber besser als Traubenzucker sind Bananen definitiv, probiers mal aus. Viele Grüße, Gabriela

    1. Hallo Gabriela,
      Danke für deinen Kommentar!
      Wie ich geschrieben hatte, die Kombi aus “langsam” und “schnell” ist für mich eine gute Lösung, also Traubenzucker um den BZ schnell zu heben und Schoki um ihn oben zu halten. Vielen Dank für den Hinweis mit den Bananen. Ist mir nicht neu, aber top für den Sport und gesund. Leider habe ich nicht immer Bananen Zuhause (werden so schnell schlecht…) somit nehme ich Schoki und Co. Beim nächsten Schwimmen werde ich mal bewusst den BZ mit einer Banane stabilisieren. Nochmal “Danke” und viele Grüße, Matthias

  4. Ich nutze seit fünf Monaten die App „PREDICTBGL“. Wenn die eigenen Daten gut eingegeben wurden ist es möglich weitestgehend in die Zukunft zu sehen, d.h. Was passiert mit meinem BZ wenn ich eine bestimmte Zeit Sport treibe oder spazieren gehe. Dazu kann ich testen wieviele BE nötig sind um nicht zu tief zu kommen, oder zu hoch.

    Ich bin recht zufrieden und häufig erstaunt über die Genauigkeit der Vorhersage, hat mir schon einige UZ erspart.

  5. Hallo Matthias,
    ich schwimme seit langem regelmäßig einmal die Woche (20 Min. Brust, 20 Min Kraultraining und 20 Min Kraulen). Ich bin froh, dass es inzwischen wasserdichte Pumpen gibt (Aquapac ist umständlich und sperrig), denn ich muss mit Pumpe schwimmen.
    Manchmal gehen die Werte ein wenig runter, manchmal gehen sie ein wenig rauf (hab wohl ab und an Stress…). Deshalb muss ich immer über meine Werte direkt Bescheid wissen. Am besten funktioniert der Freestyle im Wasser, denn ich habe, bzw. hatte das Lesegerät im Aquapac am Beckenrand und halte es im, bzw. unter Wasser an den Sensor. NFC ist das einizige System, das im Wasser überträgt. Zurzeit trage ich die 640G und schnüre die mit “Straps” (am bein) unterm Badeanzug direkt auf den Sensor und siehe da, im direkten Kontakt liest auch Bluetooth im Wasser.
    Soviel nur zu meinen Erfahrungen mit dem Schwimmen.
    Danke für Deinen Bericht. Grüße UTA

    1. Hallo Uta, Dankeschön für deine Erfahrungen!
      Ich werde ab August “offiziell” auf den Omnipod umsteigen, dann stört kein Schlauch und die Pumpe sowieso nicht. Somit, Insulin reduziert, bin ich beim Schwimmen auch mit Insulin versorgt. Bin schon gespannt, aber zuerst muss der “Schweinhund” überwunden werden, aber im Sommer, ganz früh morgens Freibad geht das i.d.R. besser”
      Viele Grüße, Matthias

  6. Es ist hart zu hören, welchen Aufwand Du für einen Besuch im Schwimmbad benötigst. Ich kann verstehen, wie unsicher man wird, wenn man eine Hypo mit Bewusstlosigkeit befürchten muss. Gibt es denn gar keine Möglichkeit, Dein Körpergefühl wieder zu aktivieren? Hast Du es schon mit Hypo-Wahrnehmungstraining versucht?

    LG Martin

    1. Hallo Martin,
      ich habe ein sehr gutes Hypogefühl, nur beim sehr sportlichen Bahnenziehen “versagt” die Zuverlässigkeit. Lieber betreibe ich “hohen” Aufwand im Schwimmbad, denn im Wasser kann es durchaus sehr gefährlich werden.
      Gruß Matthias

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