„Siesta“ vom Diabetes

Matthias ist stets ein hochmotivierter Diabetiker mit viel Disziplin. Aber auch ihm geht mal die Luft aus. Dann ist dringend eine Pause vom Diabetes notwendig.

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Viele von Euch kennen meine kerzengeraden Gewebezucker-Kurven. Man könnte meinen: „Das läuft doch.“ Also wozu eine Pause vom Diabetes einlegen? Auf der einen Seite sind gute Werte auf lange Sicht wichtig, denn das Thema „Spätschäden“ kann man leider nicht wegdiskutieren. Auf der anderen Seite muss ich mich jedoch nicht immer von perfekten Werten geißeln lassen. Deshalb ist es ebenso wichtig, einfach mal die Seele baumeln zu lassen und eine „Siesta“ vom Diabetesalltag zu machen.

Im folgenden Bericht erzähle ich anhand von drei Beispielen, wie ich vom Diabetes eine Auszeit nehme.

Quelle: pixabay

Wer von Euch kann sich etwas unter „Club-5“ vorstellen? Gemeint ist hier ein HbA1c-Wert von „Fünf-Komma-x“. Als ich vor ein paar Jahren als Pioneer mit der Nummer 36 mit dem Loopen anfing, konnte ich mir kaum vorstellen, in meinem Leben jemals wieder einen HbA1c-Wert von 5,x zu haben.

Auszeit vom „Club-5“

Dieser Traum wurde „unter Loop“ aber zur Realität. Eine Handvoll Looper und ich machten es sich damals zum „Sport“, den besten HbA1c-Wert zu „loopen“. Jeder wollte den niedrigsten Wert haben und nahezu täglich wurden in Chaträumen 5,x-HbA1c-Werte gepostet. Wir feuerten uns untereinander an. Ein HbA1c-Wert von 6,x war damals kaum akzetabel. Ich war gut dreieinhalb Jahre mit einem HbA1c-Wert von 5,5-5,8 % „unterwegs“.

Das Loopen, wenn man es richtig versteht und nutzt, bringt das fast schon von alleine mit sich. Um aber noch besser zu sein, habe ich mich schon sehr angestrengt. Aus heutiger Sicht war das total verrückt und hatte fast neurotische Züge. Für mich war irgendwann klar, dass das so nicht weitergehen konnte. Ein HbA1c-Wert im unteren 6,x-Bereich ist mehr als einwandfrei. Jeder meiner Diabetologen sagt mir immer: „Was wollen Sie eigentlich noch…?“

Quelle: Matthias Momm

Ein nettes Andenken an diese Zeit war ein Geschenk aus der Community, diese Schürze (ich koche und grille gerne) mit dem Symbol einer Fünf („Club-5“) und  #36 für meine Loopnummer.

Mein aktueller HbA1c-Wert liegt aktuell bei 6,1 % und, man glaubt es kaum, ich habe mich über die sechs vor dem Komma sogar gefreut. Ich lasse nun vieles wesentlich entspannter angehen.

Auszeit von der Technik

Auch wenn ich das Loopen als die für mich präferierte Therapie sehe, nehme ich mir ab und zu eine Auszeit von der Technik. Pumpe, Schlauch, Katheter und das Loop-Handy stören mich hin und wieder, insbesondere im Sommer während des Badeurlaubs. Wenn ich spontan ins Wasser gehe, muss ich aufpassen, dass ich mit dem Schlauch nirgends hängen bleibe und mir dann den Katheter rausreiße bzw. sogar die Pumpe abreiße. Ich bin dann nicht so frei, auch mal Wasserspiele, Wettschwimmen und dergleichen mit meinem Sohn zu machen. Eine kleine Auszeit von der Technik nehme ich mir auch, wenn ich einen Tag in der Sauna-Landschaft verbringe, um meinen Akku aufzuladen.

Quelle: Matthias Momm

Eine Auszeit vom rtCGM kommt für mich jedoch niemals in Frage, denn die Sensortechnik ist für mich die Basis meiner Diabetestherapie. Mein rtCGM gibt mir sehr viel Sicherheit, sodass es hoffentlich nie mehr in meinem Leben zu schweren „Hypos“ mit Bewusstlosigkeit kommt.

Natürlich könnte ich mir auch beim Schwimmen, aufgrund von Unachtsamkeit, meinen Sensor herausreißen, weshalb ich mir diesen zum Schutz komplett mit Kinesiotape überklebe.

Auszeit von perfekten Blutzuckerwerten

Wer kennt das nicht: Der Blutzucker passt vor dem Essen nicht optimal und liegt nicht um die 80 mg/dl (4,4 mmol/l), sondern eher bei 160 mg/dl (8,9 mmol/l) oder sogar höher. Oft fehlt mir die Zeit, einen Spritz-Ess-Abstand (SEA) einzuhalten. Aber was nun: Das Essen auslassen oder kalt werden lassen?

Generell versuche ich schon, meinen Blutzucker vor dem Essen einigermaßen anzupassen. Manchmal klappt es aber einfach nicht. Dann nehme ich eine Auszeit von perfekten Werten, auch auf die Gefahr hin, dass es nach dem Essen zu einer „Explosion“ des Blutzuckers kommt. Das akzeptiere ich und korrigiere meinen Blutzucker später.

Beim Essen im Restaurant spritze ich kein Insulin vorher. Einen Bolus „ins Blaue“ abzugeben, nur um einen SEA einzuhalten, kann sogar sehr riskant sein, gerade wenn das Essen nicht zeitnah serviert wird. Wird das Essen endlich serviert, schätze ich schnell die Kohlenhydrate und die FPE. Dann schnell rein mit dem Bolus.

Für mich zählt in diesem Moment, das leckere Essen genießen zu können.

Quelle: Matthias Momm

Fazit

Ganz abschalten vom Diabetes kann ich nicht, was auch schwierig ist bei einer chronischen Krankheit, die rund um die Uhr einfach präsent ist.

Im Laufe der Zeit habe ich aber gelernt, dass es überhaupt kein Abbruch ist, wenn ich es mal nicht ganz so genau nehme und meine Gewebezuckerwerte insgesamt trotzdem einwandfrei sind, fast egal welche Therapie ich „fahre“.

Quelle: Matthias Momm

Ich bin zufrieden. Das ist auch das Wichtigste: Jeder muss für sich zufrieden sein, ob das nun Pen, Pumpe oder Loop ist.


Mehr zum Thema Zufriedenheit, eigenen Ansprüchen und dem Erreichen von (gesunden) Zielen gibt es von Stefanie in ihrem Beitrag „Erkenne und erreiche deine Ziele in 4 Schritten – oder: Wie du lernst, nach den Sternen zu greifen

8 Kommentare zu “„Siesta“ vom Diabetes

  1. Hi Matthias,

    Ich musste bei dem Teil über den 5,x Club kurz an ein Buch denken, in dem es um Essstörungen ging. Dort versuchten sich die Mädchen auch zu unterbieten – nur mit anderen Werten (den Kilos). Ich weiß, das sind zwei paar Schuhe, denn du hast ja brav und gut gegessen! Dennoch ist das Verhalten, wie du es auch gut beschreibst, irgendwie dasselbe. Schon gruselig 🙁 umso besser, dass du endlich einen gesunden Weg gefunden hast.

    Es ist wichtig, dass man auf seinen Diabetes achtet. Er sollte allerdings nicht unser Leben im Griff haben.
    Wie meine Diafee am Anfang direkt sagte: Wir passen den Diabetes unserem Leben an, nicht umgekehrt!

    Ich warte auf den Zeitpunkt, an dem ich dich einmal unterbiete (einmal reicht mir!): aktuell 6,1% – ich bin nah dran!

    Liebe Grüße 😀

    1. Danke Nathalie, das trifft es auf den Punkt mit “Wir passen den Diabetes unserem Leben an, nicht umgekehrt!”

      Sonst, wie ich ja auch geschrieben hatte, für mich ist der HbA1c-Wert eine Zahl, wenn sie eine 5.x geloopt ergibt, gut, wenn nicht auch Okay.

      Auf jeden Fall ist die “Ich bin immer besser” Zeit vorbei und ich fühle mich sau-wohl.

      Lieben Gruß, Matthias

  2. Lieber Matthias,
    viele deiner Aussagen und vor allem dein Fazit kann ich für mich sehr gut nachvollziehen und sozusagen “unterschreiben”. Bis vor kurzem gehörte ich auch dem “Club 5” an und wetteiferte mit. Zum Glück wurde mir Einhalt empfohlen und ich bin dem Rat gefolgt. Mein aktueller HbA1c ist 6,0, er wurde mir mit den Worten präsentiert: “Ich weiß, Sie sind jetzt enttäuscht und unzufrieden…”. Da wurde mir nochmal richtig bewusst, wie sehr ich mich in der Vergangenheit selber unter Druck gesetzt habe.
    Geil, 6,0 und mir geht es richtig gut dabei. Denn ich lebe nicht mehr für den Diabetes, nein er lebt mit mir.

  3. Wenn ich deine Zeilen so lese, dann hält meine Siesta vom Diabetes nun schon mehr als 4 Jahrzehnte an – und ich habe sie immer geliebt, die Freiheiten, die mit dieser Siesta einhergehen.

    LG Marty

  4. Hallo Matthias,
    schön, wieder einen Beitrag von Dir zu lesen. Ich teile Deine Ansichten in so vielen Dingen, bis auf Pumpe ablegen, dazu kann ich mich nicht hinreißen.

    Worauf ich ebenfalls nicht mehr verzichten möchte ist das rtCGM. Früher sind nächtlich, starke Unterzuckerungen, trotz Anpassung der Basalrate immer wieder vorgekommen. Ich konnte sie manchmal lediglich durch permanenter Blutzuckermessungen/Scannen der Glucosewerte abfangen (jeden Tag um 2 Uhr morgens den Wecker gestellt), manchmal auch nicht – die Unterzuckerungen entsprechen – auch heute – keiner Regel. Dieser Ungewissheit konnte ich letztendlich nur mit dem rtCGM entgegenwirken und das lässt mich wesentlich ruhiger schlafen als zuvor.

    Die Aussage vom Arzt „Was wollen Sie eigentlich …?“ kenne ich nur zu gut. Einerseits wird mir dann wieder bewusst, dass es doch Mitstreiter gibt, die mit größeren Problemen zu kämpfen haben, unabhängig von der Intensität des Selbstmanagements und Wissen über die mit größeren Problemen zu kämpfen haben, unabhängig von der Intensität des Selbstmanagements und Wissen über die Erkrankung. Anderseits hab ich aber auch Themen, die ich zu lösen versuche und manchmal einen fachlichen Rat benötige, trotz dass mein TIR über 80 % liegt. Es geht ja dabei um mich und wie ich mich wohl fühle, ob mit einem HbA1C von 5,8 % oder 6,3 % spielt dabei weniger eine Rolle.

    Alles Gute und bis bald.

    Emma

    1. Hallo Emma,

      ja so sieht es aus, das rtCGM ist die “Revolution”.

      Man könnte mir alles wegnehmen, ne fiese Glasspritze in die Hand drücken (hatte ich übrigens nie), aber das rtCGM muss einfach als Therapiegrundlage vorhanden sein und kann einem im Worst Case echt den Arsch retten (um es mal so zu sagen 🙂 )

      LG Matthias

  5. Hallo Matthias,
    toller Beitrag und so wichtig, damit wir uns bewusst machen, dass es noch ein Leben neben dem Diabetes gibt. Manchmal braucht man diese Auszeit eben einfach, denn der Stress den es kostet, die Werte immer perfekt zu halten, könnte uns an anderer Stelle wohl genauso schaden, wie ein “schlechterer” HbA1c. Ich lebe gut mit 6,2 % – weiter runter möchte ich auch derzeit gar nicht. Manchmal ist die Pasta eben einfach wichtiger, als die anschließenden Werte 🙂

    LG
    Sara

  6. Leute…Leute…

    Wie herrlich ist es nichts zu tun
    und dann vom Diabetes (Nichtstun) auszuruhn.

    Ihr schenk eurem Diabetes viel zuviel Aufmerksamkeit!

    Es ist Sommer (endlich) es lebe die Weiss-Bier-Zeit…:-))

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