Plötzlich Typ-F – wie sich mein Leben verändert hat

Simone berichtet hier, wie sich für sie das Leben durch die plötzliche Diagnose „Diabetes“ ihres Mannes (damals noch Freundes) schlagartig veränderte.

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Ich war gerade 24 Jahre, also in dem Alter, wo man noch feiern gehen möchte, spontan sein möchte, als mein damaliger Freund (heute mein Mann) plötzlich die Diagnose „Diabetes Typ 1“ verkündet bekam. Mit dem Feierngehen – was man in dem Alter halt so macht – und Spontansein war es damit vorbei. Schlagartig hatte ich nun einen chronisch kranken Freund.

Diagnose Diabetes

Die Diagnose war nicht nur für meinen Mann wie ein Vorschlaghammer, nein, auch für mich war es ein Schock. Doch es kam mir nie in den Sinn, ihn deshalb womöglich zu verlassen. Ich habe darüber nie nachgedacht. Im Gegenteil, ich hatte den Drang, ihn voll zu unterstützen und eben nicht alleine mit der Krankheit zu lassen.

Quelle: Simone Momm

Da diese Krankheit für mich völlig neu war, begann ich, mich darüber zu informieren. Im Vergleich zu heute mit Social Media war dies damals echt mühsam. Außerdem hatte ich immer die Erzählungen meiner Oma und Mutter im Kopf, wie meine Uroma, die auch Diabetes hatte, ihre Fußzehen wegen dieser Krankheit verlor. Also sprich, zunächst war da die Unsicherheit vor dem Unbekannten. Wie würde es weitergehen? Aber auch Hoffnung, dass alles gut gehen würde.

Wie ging’s nun weiter?

Ich beschloss für mich, auch eine Verantwortung zu übernehmen. Man könnte auch sagen, dass ich ihn zu Beginn kontrollieren wollte. So z.B. bei Ausflügen immer fragte, ob er alles Notwendige dabeihatte, oder ihn ständig nach seinen Blutzuckerwerten fragte.

Das Einkaufen und Kochen wurde für mich nun zu einer „Rechenaufgabe“, da ich versuchte, natürlich leckere Nahrung mit weniger Kohlenhydraten auf den Tisch zu bekommen. Es war nun nicht mehr möglich, einfach zu kochen und dann gleich zu essen. Nein, erst musste alles genau abgewogen werden und berechnet werden. Und gerade bei kohlenhydrathaltigen Speisen musste vorher immer noch abgeklärt werden, ob denn jetzt auch der richtige Zeitpunkt zum Kochen sei oder lieber noch etwas gewartet werden sollte, weil der Blutzucker noch zu hoch war.

Quelle: Simone Momm

Dies machte Restaurantbesuche zunächst unmöglich, da mein Mann ein ungutes Gefühl dabei hatte. Nicht nur wegen der Einschätzung möglicher Kohlenhydrate, sondern auch, da er zu dieser Zeit nicht wollte, dass jemand mitbekam, wie er sich spritzte. Es dauerte lange, bis er zu seiner Krankheit stand und auch mit anderen darüber offen sprach. Somit wurde das Thema Diabetes erstmal, soweit möglich, verschwiegen.

Für mich war dies nicht nachvollziehbar, denn es war ja nichts, wofür man sich schämen musste.

Die „Hypo“ und ihre Folgen

Dann kam irgendwann die Zeit, in der mein Mann weniger vorsichtig im Umgang mit seinen Blutzuckerwerten wurde, und prompt bekam er eine schwere „Hypo mit Bewusstlosigkeit und als Folge einen komplizierten operierten Oberarmbruch.

Dies versetzte mich zum ersten Mal richtig in Angst in Bezug auf diese Krankheit. Es dauerte Monate, bis ich nicht mehr bei jedem kleinsten Geräusch, wenn ich schlief, aufschreckte, um zu checken, ob er wieder eine „Hypo“ hatte. Die Sorge um ihn war mein ständiger Begleiter. Ich bekam große Verlustängste – was, wenn er wieder eine schwere „Hypo“ bekam und dabei starb? Mein kleiner Sohn würde dann seinen Papa verlieren und ich meinen geliebten Mann. Erst ein Gespräch mit seinem Diabetologen beruhigte mich, dass er nicht gleich sterben würde.

Quelle: Simone Momm

Nichtsdestotrotz machte mich diese „Hypo“ selbst krank. Mein Körper schrie irgendwann aufgrund dieser enormen psychischen Belastung nach „Hilfe“.

Dies äußerte sich in so starken Rückenschmerzen, rein durch eine dauerhaft unglaublich stark angespannte Muskulatur, dass ich sogar in die Schmerzklinik musste. Dadurch wurde meinem Mann zum ersten Mal klar, wie sehr auch ich unter der ganzen Verantwortung für ihn, aufgrund des Diabetes, litt.

Ein paar Jahre später wurde mein Mann dann wieder weniger achtsam mit dem Diabetes und „kassierte“ die zweite „Hypo“ mit Bewusstlosigkeit. Diesmal überwog die Wut über die Angst, da er einfach bewusst unachtsam gewesen war.

Heute ist es leichter für mich

Bis zum Zeitpunkt des rtCGM war ich somit ständig in Sorge um ihn, hatte teilweise wenig Vertrauen in ihn und war immer achtsam. Im Grunde übernahm ich so eine Art „Überwacherfunktion“ ihm gegenüber.

Seit er nun das rtCGM hat, fühle ich mich wieder weniger beschwert. Der Niedrig-Alarm macht mich sicherer, da ich weiß, dass er dadurch auch sicherer ist, gerade in Bezug auf „Hypos“. Ich habe heute keine Angst mehr, kann wieder schlafen, ohne ständig aufzuschrecken. Außerdem habe ich auch die mir selbst aufgebürdete Verantwortung für ihn und seinen Diabetes abgelegt. Dies ist sicherlich auch der Tatsache geschuldet, dass er sich seit einigen Jahren intensiv mit dem Diabetes und den technischen Möglichkeiten beschäftigt, so dass sein Blutzucker sehr gut läuft.

Quelle: Simone Momm

Alles ist gut…

Für mich, als Typ-F-Diabetikerin, ist das rtCGM die bislang beste Erfindung, um die Ängste abzulegen und die Verantwortung über den Diabetes an den eigentlich Betroffenen wieder zurückzugeben.


Diabetes Typ F: Unterstützung? Firlefanz? Oder eher ein großes Missverständnis? – Ramonas Sicht auf das Thema „Typ-F-Diabetes“.

Ein Kommentar zu “Plötzlich Typ-F – wie sich mein Leben verändert hat

  1. Liebe Simone, den Einblick, den du ihn dein Leben und deine Gefühle als Typ-F’lerin gewährst, finde ich sehr gut. Als Typ 1 möchte man grds. niemandem zur Last fallen, kann es auf der anderen Seite aber auch nicht verhindern, dass sich nahe und nächste Angehörigen sorgen.
    Umso mehr freut es mich für dich, dass das rtCGM auf für dich Freiheit gebracht hat.

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