Ich bin (k)ein Roboter!

Mit den sich wandelnden Therapie-Methoden, verändern sich auch die Erwartungen von Diabetikern und ihrem Umfeld. Carolin fragt sich, wie man damit klarkommen soll.

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Jährlich erreicht uns Diabetiker neues, medizinisches Material. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich sehr viel zugunsten unserer Therapie verändert. Von Metallspritzen zu intelligenten Pens, von koffergroßen Insulinpumpen zu Streichholzschachtelgröße. Blutzuckermessungen funktionieren mittlerweile ohne literweise Blut – seit einiger Zeit gibt es Zuckermessungen sogar ohne einen einzigen Tropfen davon. Statt punktueller Messungen können wir nun unseren gesamten Glukoseverlauf sehen.

Durch diese vielen Neuerungen haben natürlich auch die Informationen und das Wissen über unsere Krankheit und ihre Therapie zugenommen. Damit steigen jedoch auch irgendwie immer die Anforderungen – von Ärzten und Krankenkassen, aber vor allem von uns selbst. Der Pfeil nach oben, der anzeigt, dass unser Zucker trotz lang zurückliegender Mahlzeit immer noch steigt, macht uns hibbelig, die Durchschnittserrechnung der letzten 14 Tage im Blutzuckermessgerät treibt uns den Schweiß auf die Stirn – unsere Daten, unsere Krankheit waren noch nie zuvor so transparent wie jetzt. Das bringt natürlich auch seine Tücken mit sich. Wir müssen dazulernen, neu denken und verstehen lernen. Ein CGM-System mit einer Pumpe, die vor einer Hypoglykämie abschaltet, ist eben (noch) kein Heilmittel und erfordert eher noch mehr Disziplin und Ausdauer als mit der ursprünglicheren Form der Therapie (ICT).

 

Auch ich musste lernen, dass meine Hoffnungen auf eine bessere Therapie nicht automatisch mit einem neuen Gerät erfüllt werden können. Denn trotz aller Gerätschaften sitzt noch immer ein Mensch dahinter, der sie auswählen, kennenlernen und richtig benutzen muss, um dann auch hin und wieder festzustellen, dass weder wir unfehlbar sind noch die Technik an sich es ist. Sich außerdem in diesem Dschungel aus Möglichkeiten zum Therapiemanagement zurechtzufinden, das Richtige für sich zu entdecken und dann auch noch vor der Krankenkasse verteidigen zu können, sind Probleme, vor denen jetzt so viel mehr Diabetiker stehen als zuvor. Die Krankenkasse und auch mancher Arzt ist misstrauisch, sehen keinen „Benefit“ darin oder können die Technik selbst nicht richtig verstehen und nutzen und lehnen sie deshalb kategorisch ab.

Oder auch umgekehrt: Schafft man es als Diabetiker, seine Wunschpumpe, ein CGM, das FreeStyle Libre oder andere Hilfsmittel zu nutzen, erwartet das Umfeld manchmal so etwas wie eine Heilung. „Du hast doch eine Pumpe – wie kannst du da denn jetzt so einen schlechten Wert haben? Die macht doch eh alles selbst!“ – Ja, auch im Thema Aufklärung müssen wir trotz (oder gerade wegen?) der neuen technischen Möglichkeiten weiter arbeiten. Denn auch wenn ich Tag und Nacht piepe, klingle und vibriere, bin ich noch lange kein Roboter! Auch mit High-Tech-Geräten am Körper fluche auch ich jeden Tag, ärgere mich über Hypo- und Hyperglykämien und würde manchmal am liebsten alles von mir reißen – um meine Erwartungen nicht täglich enttäuscht zu sehen, um die Zweifel und manchmal auch Überforderung mit den zahllosen Möglichkeiten und Informationen beiseitezuschieben und vielleicht auch, um mir selbst zu beweisen: Es geht auch ohne!

Für welchen Weg auch immer man sich entscheidet, wir sollten eins im Hinterkopf behalten: Wir sind alle nur Menschen – und Menschen sind nicht perfekt. Wir leben mit einer Krankheit, die nicht immer berechenbar ist. Die aus so vielen Faktoren besteht, dass auch die Wissenschaft nicht alle Phänomene erklären kann, und die sehr viel Disziplin und Ehrgeiz fordert. Wir sollten uns also nicht einschüchtern lassen, unsere Erwartungen vielleicht manchmal ein wenig runterschrauben und generell weniger kritisch mit uns sein… Denn einen „guten“ oder „schlechten“ Diabetiker oder eine „Einstellung“ des Diabetes gibt es nicht!

4 Kommentare zu “Ich bin (k)ein Roboter!

  1. Hallo Carolin,

    ich finde Du hast treffgenau zusammengefasst, was einem so manchmal durch den Kopf geht. Und ein wunderbares Schlußplädoyer an das man denken sollte, wenn man sich mal wieder ärgert weil der BZ aus der Reihe tanzt und einen ratlos zurücklässt ; )!

    Toller Blog!

    Schöne Grüße,
    Petra

  2. Guter Kommentar. Wie sagte es doch Carsten Benesch auf dem T1Day 2016 (sinngemäß): Es war überraschend, wie unterschiedlich die ( anscheinend optimalen) Tagesprofile der verschiedenen Studienteilnehmer waren und zudem jeden Tag anders.
    Also kann das “Optimum” bei Jedem doch sehr unterschiedlich sein. Gelassenheit ist gefragt.

  3. “Wir leben mit einer Krankheit, die nicht immer berechenbar ist.”
    Genau, das ist für mich ein wesentlicher Satz.
    Aber gerade deshalb sind die neuen, technischen Hilfmittel so wertvoll, weil man flexibel bzw. flexibler auf die ‘Unberechenbarkeit’ reagieren muss.
    Dass man ständig reagieren und korrigieren muss, das IST gerade die ‘Krankheit’ bzw. ein wesentlicher – wenn nicht sogar DER wesentlichste Aspekt an DM Ty1.
    Danke für den Artikel.

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