40 Jahre Wartezimmer – Teil 2

Nach den Wartezimmertrends der 70er, 80er und 90er, erinnert sich Thomas heute an die Ausstattungen es jungen, neuen Jahrtausends. Mit dabei: Mr. Bean!

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Hallo Leute,

in dem ersten Teil meines Artikels über Wartezimmer habe ich die 70er, 80er und 90er Jahre und meine Eindrücke beschrieben. Aber meine Wartezimmer-Erfahrungen haben sich natürlich in diesem Jahrtausend fortgesetzt, so dass ich heute das erste und zweite Jahrzehnt dieses Jahrtausends aufgreife. Es hat sich viel getan.

Das neue Jahrtausend, die ersten zehn Jahre: Modern Times. Der Trend der 90er Jahre setzte sich fort.

Die Wartezimmer waren zumeist in Weiß gehalten, klar und übersichtlich mit der Tendenz, wie ein Krankenhaus auszusehen. Es war nichts Überflüssiges mehr vorhanden. Die Ausstattung und das Design waren solide, aber kostenoptimiert. Die Praxen wiesen viele Räume auf und so entstand aus manch einer Einzelpraxis eine Gemeinschaftspraxis. Kleine Ein-Mann-Praxen wurden selten.

Es wurde nun mehr Wert auf die diabetischen Füße gelegt. Für mich eine Konsequenz aus der St.-Vincent-Deklaration gut 10 Jahre zuvor. In Vertragspraxen der AOK wurde ein Behandlungszimmer mit Fußstühlen eingerichtet. Dort konnten dann offene Beine eingehender behandelt werden.

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Es kam der Trend auf, Fragebögen in den Wartebereichen auszulegen, die von den Patienten ausgefüllt werden konnten. Diese Fragebögen führten auch zu Ergebnissen. So wurden zahlreiche Wartezimmer mit Fernsehern ausgestattet. Man konnte in dem ein oder anderen Wartezimmer Mr. Bean sehen oder einen Film über die Natur. Das Film-Angebot hielt sich jedoch im überschaubaren, bescheidenen Rahmen. Ich möchte es mal als doch langweilig einstufen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass für solche öffentlichen Vorführungen gesonderte Gebühren von der GEMA erhoben werden und das Budget für Fernseher in den Praxen wohl klein war. In der Regel war der Fernseher eh ausgeschaltet. Er ist schnell wieder aus der Mode gekommen und wurde vom Fortschritt überrollt.

Das neue Jahrtausend – das zweite Jahrzehnt

Heute ist der Fernseher in den Wartezimmern out of time. Er ist nicht mehr zeitgemäß. Zum Warten habe ich, wie fast jeder Patient, mein Smartphone. Da viele Smartphone-Verträge eine Begrenzung des zu übertragenden Datenvolumens und der Übertragungsgeschwindigkeit aufweisen, ist ein neuer Trend entstanden. Es werden Hotspots in dem Wartezimmer eingerichtet. So kann ich mich in dem ein oder anderen Wartezimmer über WLAN einwählen. Vor den Behandlungstüren hängen nun Spender mit Desinfektionsmitteln. Diese Hygienemaßnahme verhindert die Ausbreitung von Viren und Bakterien.

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Aus den Gemeinschaftspraxen wurden große Ärztezentren mit vielen Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen. Neubauten entstanden und entstehen, die zum Teil das Ausmaß eines kleinen Krankenhauses annehmen. Ob Diabetes oder orthopädische Operationen. Es ist nun alles in einem Haus. Es gibt viele Wartebereiche und kleinere Drei-Stühle-Warteinseln vor jedem Behandlungszimmer.

Von JAVA gelernt

Der ein oder andere von Euch kennt bestimmt die Programmiersprache JAVA. Sie wurde in den 90ern entwickelt und hat um die Jahrtausendwende zu einem EDV-Boom geführt. Aber nicht allein die Programmiersprache JAVA hat den Boom ausgelöst. Es waren vier Herren, die sich dann liebevoll Gang of Four genannt haben, die ganz unbemerkt die Welt aus den Angeln hoben. So wurden ganz unbewusst auch das Gesundheitswesen und die Arztpraxen revolutioniert. Software besteht aus sehr komplexen Abläufen. Um die Abläufe vor der Erstellung erst einmal zu verstehen und zu notieren, hat die Gang of Four eine Beschreibungsmöglichkeit gefunden, eine Modeling Language – UML. Mit Diagrammen ist es nun möglich, komplexe Abläufe aus vielen Blickwinkeln zu erfassen und darzustellen. Zur Software-Entwicklung erfunden, aber für die Welt gemacht. Nicht nur Software besteht aus komplexen Abläufen. Das ganze Leben besteht aus solchen Routinen und so haben sich die Wirtschaft und viele Unternehmen dieser Methode bedient, um Zusammenhänge und interne Abläufe zu verstehen und zu optimieren. Und ja, auch das Gesundheitswesen nutzt diese Sicht. Alle Abläufe können so erfasst strukturiert und optimiert werden. Gesundheitsprogramme, DMPs, wurden für unterschiedliche Krankheitsbilder aufgelegt. Die Behandlung kann strukturiert werden und dazu passend auch die Arztpraxen und deren Abläufe.

Bei dem Neubau eines Arztzentrums werden die dort vorgesehenen Behandlungsabläufe realisiert. Vor dem Bau eines Zentrums werden erst einmal alle dort stattfindenden Behandlungen aus der Sicht des Patienten, der Ärzte und Angestellten sowie der Krankenkassen durchgespielt. Dies kann sehr gut mit dem De-facto-Standard UML gemacht werden. So optimiert wird das Zentrum dann gebaut und wir Patienten werden von einer Station zur anderen geführt.

Die kleinen Drei-Stuhl-Sitzgruppen haben ihre Herkunft auch aus der Informatik, dort bekannt als Cache-Speicher (Puffer-Speicher) zur Steigerung des Durchsatzes an jeder Bearbeitungsstation.

Aber ein so neu strukturiertes Zentrum ist gewöhnungsbedürftig, und es dauert ein wenig, bis alle Abläufe eingespielt sind. Als ich mich das erste Mal in einem solchen neu entstandenen Zentrum behandeln ließ, habe ich nur sehr kurz gewartet. Zügig landete ich in einem Behandlungszimmer. Dort sollte die klassische diabetologische Untersuchung, Beine, Nerven und Herz, gemacht werden. Ich machte, wie gewünscht, meinen Körper frei und wartete. Ich wartete und wartete. Nach einer halben Stunde schaute ein Arzt herein, stellte fest, dass das Zimmer wohl belegt sei, und verschwand wieder. Nach einer dreiviertel Stunde dann hatte ich die Idee. Ich rief mit meinem Handy im Empfang an und fragte mal nach. Okay, es bedurfte einiger Erklärungsanläufe von mir, bis ich verstanden wurde. Es scheint nicht häufig vorzukommen, dass der Patient vor Ort anruft. Aber dann war schnell der behandelnde Arzt bei mir. Er hatte mich gesucht, nicht gefunden und dachte, ich sei nicht gekommen. Aber schon beim nächsten Besuch waren die kleinen Ablauffehler behoben.

Soweit meine Erlebnisse in Wartezimmern und Arztpraxen aus jetzt fast 42 Jahren Diabetes. Ich bin gespannt, was mich als Patient in Zukunft erwartet.

 

Viele Grüße Euer

Thomas

 

Links dazu:

http://www.allgemeinmedizin.med.uni-goettingen.de/de/media/2012_kerstin_modellierung_anford_routine.pdf

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