Stark sein trotz Krise

Divya fragt sich, was überhaupt Krisen im Allgemeinen und #Diabeteskrisen im Speziellen sind. Sie sortiert ihre Gedanken zu dem Thema und lässt uns daran teilhaben.

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Ehrlich gesagt muss ich zu dem Thema Diabetes und Krisen erst einmal meine Gedanken ordnen. In meinem Kopf herrscht gerade ein riesiges Wirrwarr. Ich versuche mal, anhand dieses Beitrags meinen Kopf zu sortieren und euch an den herumschwirrenden Themen teilhaben zu lassen. Fangen wir mal an:

Ab wann ist eine Krise eine Krise?

Ich glaube, das ist gar nicht so festgelegt. Es kommt drauf an: Wer erlebt die Krise, wie weit nimmt mich die Krise emotional und körperlich mit und, ganz klar, wie gehe ich mit der Krise um? Sind Krisen eine Steigerung von Problemen? Ich weiß es nicht. Um ehrlich zu sein, stelle ich mir gerade die Frage, ob ich schon einmal eine Krise hatte!? Muss ich so richtig in ein Tief gefallen sein, um eine Krise erlebt zu haben?

„Ich krieg’ die Krise“ – Ja, diesen Spruch kennt sicherlich jeder. Egal ob er ihn selber benutzt oder nur mal so aufgegriffen hat. Ich muss gestehen, ich verwende den Spruch ziemlich oft. Aber in welchen Momenten? Ich brauche gar nicht weiter nachzudenken, mir schießen schon unzählige Situationen in den Kopf, in denen ich fluche, schreie, sage, brülle…: „Ich krieg’ die Krise.“ Es sind Momente, in denen ich wütend, sauer, genervt, gestresst oder einfach nur überfordert bin. In diesen Momenten ist alles blöd, nichts läuft so, wie es soll, und das Leben ist tatsächlich für mich dann auch sinnlos. Schließlich bin ich ja auch auf dem besten Weg, eine Krise zu bekommen, wenn ich sie nicht schon habe. Ich für mich glaube, dass das oftmals ein Hilfeschrei ist. Ein Hilfeschrei nach jemandem oder etwas, das einen aus diesem Tief wieder rausholt. Aber was mache ich, wenn niemand oder nichts da ist? Wie oft muss man sich an der eigenen Nase packen, sich zusammenreißen und daran glauben, dass es besser wird, wenn ich was dafür mache.

Was: Date ♥, wo: in Divyas Körper, wann: spontan

Pech für mich, denn sie haben bereits Bekanntschaft geschlossen. Der Diabetes und die Krise. Oftmals ist die Krise auch terminlich unterwegs, was für mich kein Grund zur Freude ist. Ihre Babys, die Problemchen, springen gerne ein. Mein Körper bietet wohl eine sehr schöne Atmosphäre für ein Date, gute Nahrung und viel Platz, um sich ausgiebig über Dinge zu unterhalten. Schön, wenn sie Spaß haben, ich finde das eher uncool. Es mag sein, dass mein Tag super beginnt, ich tolle Blutzuckerwerte habe und alles so läuft, wie ich es mir wünsche. Ihr kennt es bestimmt. Dann kommt eine klitzekleine Situation, in der irgendwas nicht passt, und bei mir stellt sich alles auf den Kopf. Die Krise und der Diabetes sind vereint. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, warum meine Werte so hoch sind, warum auf einmal alles so läuft, wie es läuft, und der Teufelskreis mit den W-Fragen hat ebenso begonnen.

Früher vs. heute

Vor 5 Jahren hatte ich solche Gedankengänge noch nicht. Ich weiß nicht, woran das lag. Vielleicht, weil ich noch jünger war? Oder weil ich an einem ganz anderen Punkt in meinem Leben stand? Wer weiß. Ach ja, damals hatte ich ja auch noch keinen Diabetes. Ich möchte jetzt nicht pauschal alles auf den Diabetes schieben, denn sicher ist er nicht an allem schuld. In der Arztpraxis hatte man mir im September 2013 mal gesagt, dass ich jetzt Diabetes habe und ich ja „nur“ mein Essen abwiegen muss und das nötige Insulin dazu spritzen soll. Von all dem, was ich erlebt habe oder was ich oben beschrieben habe, hat niemand auch nur ein Wort gesagt. Für mich klang das am Anfang relativ „simpel“. Naja, ist ja eigentlich schön, wenn alles so bleibt und ich „nur“ abwiegen und spritzen muss. Doch von den Momenten der Überforderung und den Problemen, die auftreten können, hat keiner was gesagt. Aber es ist ja auch ein Stück „normal“, dass wir als Diabetiker anfälliger sind, was die Psyche angeht. Diabetes zu bekommen, heißt für mich also nicht nur Essen abwiegen und Insulin spritzen, sondern…

Diabetes Typ 1

Essen abwiegen ● Insulin spritzen ● mich mit mir auseinandersetzen ● meinen Körper kennen lernen ● den Dingen auf den Grund gehen ● mich gut um mich sorgen ● Essensabstände einhalten ● Krisen durchstehen ● mich um Rezepte kümmern ● die Menschen in meinem engen Umfeld informieren ● schlechte Laune zulassen ● stark sein ● mutig sein ● diszipliniert sein – auch wenn es mal nicht gut läuft ● Schwäche zeigen ● auf meine Gesundheit achten ● Fragen meiner Liebsten zulassen ● Momente zu respektieren, egal wie sie sind ● optimistisch denken ● Arzttermine ausmachen ● plötzlich viele Ärzte an meinem Leben teilhaben lassen ● durch Höhen und Tiefen gehen ● Saft trinken und Traubenzucker essen, auch wenn ich das nicht mehr sehen kann

Die verschiedenen Facetten

Ihr seht, das sind alles Dinge, die sicherlich nicht nur auf einen Diabetiker zutreffen. Aber ich finde es interessant zu sehen, wie facettenreich der Diabetes in meinem Alltag ist. Es ist eben mehr als nur Wiegen und Spritzen. Ich kann ihn nicht wie eine Erkältung nach einer Woche ablegen, er ist 24/7 bei mir und wir stehen auch einige Krisen gemeinsam durch. Ein für mich immens wichtiger Punkt ist doch, wie viele Ärzte auf einmal in meinem Leben präsent sind. Es sind wichtige Termine, die regelmäßig von mir wahrzunehmen sind. Ja, es ist durchaus anders als früher. Trotzdem liebe ich mein Leben. Krisen gehören dazu. Ich denke, dass eine Krise einem auch oft die Augen öffnet. Wir müssen manchmal tief fallen, um Dinge wahrzunehmen und sie uns selber eingestehen zu können. Ich gestehe mir jetzt auch etwas ein. Alles, was in meinem bisherigen Leben als Diabetikerin passiert ist, habe ich größtenteils auf den Diabetes geschoben, aber warum? Ich glaube, dass es oft Momente gab, in denen der Diabetes gar nicht an 1. Stelle stand, sondern der Auslöser etwas ganz anderes war. Wie schnell verurteile ich den Diabetes, weil meine Werte hochschießen und es mir dann schlecht geht, obwohl er in gewisser Weise unschuldig ist. Mir öffnet das gerade die Augen und ich bin super dankbar, diesen Beitrag zu schreiben. Ich habe diesen Beitrag geschrieben, um meinen Kopf zu sortieren, meine Gedanken aufzuschreiben und euch daran teilhaben zu lassen. Jetzt am Ende bin ich noch zu einer für mich sehr wichtigen Erkenntnis gekommen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr in den Kommentaren ein Feedback dalasst, wie es euch mit dem Beitrag ging. Wer von euch kennt meine Gedankengänge? Wie seht ihr die Definiton einer Krise und schiebt ihr den Diabetes auch immer vor?

Fühlt euch ganz herzlich umarmt und habt eine tolle Zeit ♥

2 Kommentare zu “Stark sein trotz Krise

  1. Hi Divya.
    Ja,ich kenne solche Gedankengänge. Im April diesen Jahres wurde bei mir ein Typ 1 Diabetes festgestellt. Ich bin 51!
    Und das zu einem Zeitpunkt, an dem es in meinem Leben eh nicht so besonders gut lief. Ich bin Mutter von 3 Kindern, die ich überwiegend allein großgezogen habe. Also eine Kämpferin. Aber diese Diagnose und das was damit zusammenhängt, hat mich umgeworfen. Allerdings nur fast.
    Jetzt, nach einem halben Jahr nehme ich nicht mehr jeden hohen Zuckerwert als persönliche Niederlage. Hypos erkenne ich recht früh und reagiere sofort. Ich ramme mir totesmutig das Insulin in den Körper. Und will auch meine Enkelkinder noch kennenlernen.
    Um es kurz zusammenzufassen: Es ist scheiße. Aber es könnte noch viel scheißerer sein! In diesem Sinne:
    Gehn wir es an! Liebe Grüße zurück.

  2. Bei einer Krise gibt es instinktiv erstmal nur zwei Reaktionen: Kampf oder Flucht.
    Da steht nun der Säbelzahntiger namens Diabetes plötzlich vor mir armen kleinem Neandertaler. Weglaufen kann ich nicht, also gehe ich instinktiv in den Kampfmodus. Versuche, alleine mit meinen bloßen Händen gegen diesen übermächtigen Gegner anzugehen. Wie würde ein heutiger Mensch als Zuschauer diese Szene kommentieren? “Schalt mal das Hirn ein, das wird so nix!”.
    Und was würde er vorschlagen? “Hol dir Hilfe, alleine kommst Du gegen den Säbelzahntiger nicht an. Informiere dich über die Lebensweise von Säbelzahntigern, damit ihr miteinander leben könnt. Die Zeiten, dass Du dem Säbelzahntiger hilflos ausgesetzt bist, sind ohnehin bald vorbei. Der Säbelzahntiger ist nicht schuld, der will auch nur leben” usw.
    Und doch, in jeder Krise geraten auch wir “moderne Menschen” immer wieder genau in diesen instinktiven Flucht- oder Kampfmodus. Und als DiabetikerIn gerät man, vielleicht öfters als andere, immer wieder in eine größere oder kleinere Krise – und genau das ist “unsere” Chance: Wir können nicht weglaufen, wir müssen uns stellen. Wir wissen, dass die Krise vorübergeht. Wir entwickeln individuelle Bewältigungsstrategien, die wir (zwangsweise) immer wieder verbessern, einüben, anwenden.
    Im besten Fall kommen wir dadurch, auch bei anderen Krisen, immer schneller vom Neandertalermodus in den Denkermodus und handeln überlegt statt instinktiv. Der Diabetes kann uns also resilienter machen. Wir müssen ihn nur nicht als Schuldigen, als Täter, als unbesiegbaren Säbelzahntiger sehen, sondern als Chance begreifen, sich mit uns selber (auch mit Hilfe von anderen, auch mit professioneller Hilfe) auseinanderzusetzen. Ich finde es großartig, das so offen zu tun, andere an deinen Gedankengängen teilhaben zu lassen, liebe Divya, denn damit hilfst du nicht nur dir, sondern auch anderen.
    Leider bleiben manche DiabetikerInnen auch heute noch in der Kampf- oder Depressionsphase der Krisenbewältigung hängen. Weil sie denken, dass sie mit ihrer Krise alleine sind. Weil sie glauben, immer stark sein zu müssen. Weil sie nicht an eine friedliche Koexistenz zwischen Säbelzahntiger und Neandertaler glauben. Dabei muss das echt nicht (mehr) sein. Vielen Dank für deine Anregungen!
    PS: Das mit dem Säbelzahntiger und dem Neandertaler ist natürlich nur ein Bild, dass es historisch so nicht belegbar ist, weiß ich auch!

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