Praktikumsbericht #2: Kinder- und Jugend-Diabetologie in Herdecke

Auch im zweiten und letzten Teil ihres Praktikumsberichts, nimmt uns Manu mit in die Kinder- und Jugend-Diabetologie und zieht am Ende ihr persönliches Resümee über ihre Zeit in Herdecke.

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Ambulanz

Dienstag und Donnerstag ist Ambulanztag. Das bedeutet: Von morgens 9.00 Uhr bis abends um 18.00 Uhr ist Sprechstunde für die Patienten, welche nicht im Krankenhaus untergebracht sind. Das waren für mich die spannendsten Tage, da ich auch an den Patientengesprächen teilnehmen durfte. Der Ablauf bei den Kindern und Jugendlichen ist immer der gleiche. Zuerst müssen die Kids eine Urinprobe abgeben, damit Ketone und Glukose getestet werden können. Dann werden Größe und Gewicht festgestellt. Im Anschluss geht es weiter zur Vorbesprechung mit einer Diabetesberaterin. Dort müssen sich die Patienten zuerst einmal in den Finger piksen, um einen Tropfen Blut zur Bestimmung des HbA1c-Wertes zu gewinnen. Der Wert wird von einem speziellen Gerät während des Gespräches ermittelt. In der Regel ist immer ein Elternteil dabei. Nur bei den Teenies bleiben die Eltern auch schon einmal draußen. Die Diabetesberaterin fragt die Kinder bzw. die Eltern nach der Anzahl der Hypoglykämien in den letzten Wochen, nach hohen Werten und nach anderen Besonderheiten. Zusätzlich wird bei jedem Kind der Blutdruck gemessen. Dann werden die Spritz- bzw. Kanülenliegestellen und die Füße untersucht. In diesem ausführlichen Vorgespräch wird alles notiert. Diese Notizen erhält zur weiteren Besprechung der behandelnde Arzt, also entweder Frau Dr. Hilgard oder Herr Dr. Thimm. Bei diesen Gesprächen war ich besonders gerne dabei. Mir hat es sehr gut gefallen, wie beide Ärzte auf die Kinder, Jugendlichen und deren Eltern eingehen. Egal wie schlecht der HbA1c-Wert auch war, ich habe nie Vorwürfe und Belehrungen von oben herab gehört. Auf nette Art wurde den Patienten erklärt, was sie gut gemacht haben und was noch besser laufen könnte. Dafür nehmen viele Eltern auch gerne eine weitere Anreise in Kauf. Ein besonders erwähnenswerter Service ist zusätzlich noch das 24-Stunden-Diabetes-Handy. An 365 Tagen im Jahr steht immer jemand vom Diabetesteam in Herdecke für plötzlich auftretende Probleme zur Verfügung!

Wiedersehen nach langer Zeit

Während eines Ambulanztages ging ich über den Flur und warf einen Blick ins Wartezimmer. Dort entdeckte ich eine frühere Schulfreundin von mir. So ein Zufall! Wir haben vor 25 Jahren Abitur gemacht und uns seit dieser Zeit nicht mehr gesehen. Es gab natürlich sehr viel zu erzählen. Christina war mit ihrer 10-jährigen Tochter Lina dort. Lina hat, seit sie drei Jahre alt war, Diabetes. Und da die beiden so zufrieden mit der Behandlung in Herdecke sind, kommen sie gerne alle drei Monate die knapp 50 km von Wuppertal gefahren. Lina trägt eine Insulinpumpe. Damit kann sie schon sehr gut umgehen. In der Schule schafft sie das in der Regel schon alleine. Wenn es ins Restaurant geht oder Lina viele verschiedene Dinge isst, benötigt sie noch ab und zu die Hilfe ihrer Mutter. Außerdem hat Lina ein ganz tolles Hobby. Welches, verrate ich aber heute noch nicht. In Kürze werde ich Euch Lina ausführlicher vorstellen. Ihr dürft gespannt sein! An dieser Stelle möchte ich aber gerne noch Christina zitieren. Mit ihrem Zitat bestätigt sie genau meinen Eindruck vom Diabetesteam Herdecke. „Hier wird man unterstützt und nicht belehrt!“

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Die stationäre Arbeit

Neben der Ambulanz findet natürlich auch noch die stationäre Versorgung der Kinder und Jugendlichen statt. Jeden Morgen besprechen die Ärzte und Diabetesberaterinnen die Aufzeichnungen der Krankenschwestern und Nachtwachen von den stationär aufgenommenen Patienten. Für jeden Patienten gibt es ein genaue Auflistung der Blutzuckerwerte und der gegessenen Kohlenhydrate. Bei den Schulungen im Laufe des Tages wird bei Bedarf auch noch zusammen mit den Jugendlichen auf ihre Werte eingegangen und nach Erklärungen und Lösungen zur Optimierung gesucht. Das Diabetesteam führt außerdem Gespräche mit Eltern, deren Kinder gerade aufgenommen wurden oder entlassen werden sollen. Diese Gespräche sind meistens sehr zeitaufwendig, da viele Fragen aufkommen. Das Trösten und Beruhigen von Eltern gehört genauso dazu. Die Eltern sind oft am Rande eines Nervenzusammenbruchs, wenn die pubertierenden Sprösslinge sich um alles kümmern, nur nicht um ihren Diabetes. Viele dieser Jugendlichen bleiben dann für ein bis zwei Wochen auf der Station und werden neu eingestellt. Danach dürfen sie wieder nach Hause. Einige Teenies sind aber auch für längere Zeit in Herdecke. Sie werden auf der Kinder- und Jugendpsychatrie untergebracht. Diese Probleme, welche diese Kids haben, sind sehr umfangreich und können nicht innerhalb von zwei Wochen gelöst werden.

 Resümee

Während meiner Zeit in Herdecke konnte ich die verschiedenen Aspekte des Klinikalltags kennenlernen. Ich habe sehr viel in dieser relativ kurzen Zeit gesehen, da mich das Team wirklich überall mit einbezogen hat. Es ist mir oft nicht leichtgefallen, in den Gesprächen, wo die Eltern anwesend waren, neutral dabeizusitzen. Wenn ein ca. 10 Jahre altes Kind einen Wutanfall bekommt, weil es den Katheterschlauch nicht mit einem Pflaster fixieren möchte, dabei die nagelneue Pumpe der Station runterwirft und kurz danach noch die eigene, ebenfalls neue Pumpe am Schlauch haltend auf den Tisch schleudert, fällt es relativ schwer, nichts zu sagen, besonders wenn das anwesende Elternteil nicht eingreift. Oder wenn die Mutter nach drei Jahren Insulinpumpentherapie nicht weiß, wo sie die Basalrate für ihr Kind höher stellen kann. An dieser Stelle habe ich schon ziemlich fassungslos geguckt und hätte ihr gerne die Pumpe aus der Hand gerissen. Was mich aber wirklich mitgenommen hat, waren die vielen Kinder, die in speziellen Einrichtungen und nicht bei ihren Eltern gewohnt haben. Sie kamen mit ihren Betreuern zur Sprechstunde. Die Schicksale dahinter haben mich zum Teil lange beschäftigt. Für die Kids ist es schon so nicht einfach, mit ihrer Krankheit klarzukommen. Aber ich stelle es mir richtig schwierig vor, wenn dann noch der Rückhalt eines Elternhauses fehlt und man in der Einrichtung nur einer von vielen ist. Sehr traurig, wie ich finde.

Zum Schluss möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei dem Diabetesteam des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke bedanken. Alle haben mich sehr nett aufgenommen und ich habe mich vom ersten Tag an sehr wohlgefühlt. Ein wirklich tolles Team. Ich habe zu Sascha gesagt: „Schade, dass du schon zu alt bist, sonst könntest du demnächst zur Quartalsuntersuchung nach Herdecke fahren.“

 

Hier geht es zum ersten Teil des Praktikumsberichts.

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