Situationen einer Hypo, die nur ein Diabetiker versteht

Angst, Erschöpfung und fehlende Sicherheit – Situationen einer Unterzuckerung, die schwer zu beschreiben und zu verstehen sind. Carolin gibt ihr Bestes, Diabetiker werden sie verstehen, Diabetes-Typ-Fler werden es versuchen.

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#1 (Todes-)Angst

fotolia.com - invisiblehand
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Dein Kopf wird wattig, dein Herz fängt immer schneller an zu schlagen, ein leichtes Gefühl von Übelkeit steigt in dir auf, deine Hände beginnen zu zittern, und während du mit schwerem Blick versuchst, das Traubenzuckerpapierchen aufzupfriemeln, spürst du, wie die Welt vor deinen Augen in merkwürdige Ferne rückt.
Panik steigt in dir auf, während du verzweifelt in deiner Handtasche nach etwas Kohlenhydrathaltigem suchst und versuchst, dich zu erinnern, wo du den letzten Kiosk gesehen hast. Und ganz tief in dir schreit eine Stimme dich an: „Beeil dich! BEEIL DICH!!!“ Während du den klumpig verformten Müsliriegel in dich hineinstopfst, lässt du dich gegen die nächstbeste Hauswand sinken, versuchst blinzelnd, deinen Blick scharf zu stellen und die Blicke der Passanten zu ignorieren, die dich vermutlich für betrunken halten – während du gerade mit jeder Phase deines Körpers darum kämpfst, nicht bewusstlos zu werden. Und während dein Blutzuckerspiegel langsam wieder steigt, wartest du darauf, dass du wieder genug Kraft gesammelt hast, um den Weg nach Hause alleine zu bewältigen.

#2 Erschöpfung

fotolia.com - leszekglasner
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Nachdem du die Hypoglykämie überstanden hast, fühlst du dich erleichtert. Dass du es dieses Mal wieder ohne fremde Hilfe geschafft hast und nichts Schlimmes passiert ist. Und gleichzeitig fühlst du dich unglaublich schlecht. Fast so, als hättest du einen Marathon hinter dir, während du den Kater deines Lebens hast. Deine Muskeln tun dir weh und dein Kopf fühlt sich zermatscht an. Innerlich wappnest du dich bereits für den Arbeitstag, der noch vor dir liegt. Und obwohl du dir alle Mühe gibst, lässt sich während der restlichen Zeit des Tages das Gefühl von tiefer Erschöpfung nicht ganz ablegen – es zehrt an deiner Kraft und deiner Konzentration.
Während du auf dem Heimweg krampfhaft versuchst, dich wach zu halten, überlegst du fieberhaft, wie du der Freundin, mit der du dich heute Abend treffen wolltest, schonend beibringst, dass „so ein Diabetesding“ eure Verabredung zunichtemacht.

#3 Fehlende Sicherheit

fotolia.com - gdarts
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Eine Hypo hinterlässt immer irgendwo ganz tief in dir ein Gefühl von Unsicherheit. Die Tatsache, dass du die letzte Hypo während des Autofahrens nicht bemerkt hast, bis dein Beifahrer dich fragte, weshalb du so merkwürdig fährst. Die Bemühungen deines Freundes, dich in der Nacht zu wecken, damit du die lebenswichtige Glukose zu dir nehmen kannst. Die Angst in den Augen deiner Freundin, die dich anfleht, den Saft zu trinken, während du schreiend, schimpfend, völlig außer dir nicht verstehst, was sie von dir will. Deine eigene, tiefe Angst, dass du, allein zu Hause, die Hypo nicht überstehst, sondern bewusstlos werden wirst.
… all diese Situationen machen Angst. Angst um die eigene Sicherheit, um die deiner Familie und Mitmenschen.

Mit Außenstehenden über diese Gedanken und Gefühle zu sprechen, ist schwierig – wie soll auch jemand diese tief empfundenen Ängste verstehen können, wenn er sie selbst nie erlebt hat? Ich persönlich denke, dass jeder für sich selbst einen Weg finden muss. Mit engen Vertrauten zu sprechen, kann da genauso helfen, wie sich mit seinem Diabetesteam zu besprechen und vielleicht ein CGM oder auch das FreeStyle Libre in Erwägung zu ziehen.

11 Kommentare zu “Situationen einer Hypo, die nur ein Diabetiker versteht

  1. Das erste Mal für mich, dass jemand meine Gefühle und Empfindungen beschreibt! Dieses kann ich meinem Mann auch nach 30 Jahren Ehe nicht vermitteln. Er kennt mich immer nur stark!

  2. Besser könnte ich das auch nicht schreiben. Für mich fühlt sich eine Hypo dabacg so an als, wenn ich von einem Traktor überrollt wurde. _Wenn ich dann verspätet zur Arbeit erscheine, denke die, ich habe die Nacht über gefeiert. Feiern sieht anderns aus.

  3. Da kann ich nur zustimmen, es toll beschrieben wie es einem geht bei einer Hypo,. die wo kein Diabetes haben können es nicht verstehen, auch nicht nach 30 Jahre Ehe wie du sagst Andrea,. mir wurde schon gesagt wo ich Tagsüber in der Stadt ein Hypo,. hatte,. man bist du besoffen,.

  4. Carolin,eine sehr gute Beschreibung.
    Ich habe 30 Jahre meinen Typ 1 Diabetes.
    Ich hoffe sehr auf ein CGM , das Libre konnte ich nicht benutzen,starke Entzündungen.Hoffenlich macht die Krankenkasse mit.Man hat zwar mehr Mühe aber auch mehr Sicherheit.
    Gruß und viel Glück

  5. Hallo!

    Ich würde gerne einmal wissen, bei welchen Werten Ihr bei einer Hypo dann so zu kämpfen habt. Ich fange leicht an zu zittern bei etwa 70 mg/dl, Schwitzen, Beklemmung und leichter Schwindel beginnen bei etwa 65 mg/dl.

    Meine tiefste Hypo war bisher bei 49 mg/dl. Das war beim Radsport und ich habe einfach nichts gemerkt, bis ich abgestiegen bin und mit ziemlich schwammigen Beinen das Rad irgendwo angelehnt habe. Sofort 2 Beutel Dextro-Gel eingeworfen und erst mal hingesetzt. Das Zeugs wirkt zum Glück sehr schnell, so dass ich nach wenigen Minuten schon wieder im Zielbereich war.

    Aber ein Gefühl, dass ich bewußtlos werden könnte hatte ich eigentlich nicht.

    Mittlerweile habe ich zum Glück das FreeStyle Libre und stelle zwar oft genug erst im Nachhinein fest, dass ich mich wieder mal eine Stunde lang im roten Bereich aufgehalten habe, ohne es zu merken (meistens über Nacht). Aber inzwischen weiß ich auch besser, wie ich worauf reagiere und messe lieber einmal zu oft als zu wenig. Tut ja nimmer weh 😉

    Bin ja mal gespannt, mit welchen Hypowerten Ihr so kämpft.

  6. Treffend beschrieben.
    Allerdings werden die Wahrnehmungen einer Hypo mit höherer Diabetesdauer immer schwieriger.
    Ich bin jetzt seit 39 Jahren Typ 1 Diabetiker und merke eine Hypo immer erst wenn es fast schon zu spät ist zu reagieren. Zum Glück ist noch nie etwas Schlimmes passiert, doch die Angst dass etwas passieren könnte ist schon immer dabei

    1. Ich glaube Du solltest einfach mal ne Weile höhere Werte anstreben dann kommt auch die Empfindung für niedrige Werte wieder früher, so war es zumindest bei mir habe selbst 2 mmol nicht gespürt und jetzt merke ich wieder bei 4,5 das was nicht stimmt

  7. Hallo ihr Lieben. Auch ich habe seid 33 Jahren Diabetes Typ 1 ich bemerke meine hypos leider erst wenn ich sprach oder sehstörungen habe und Nachts merke ich es gar nichts wenn ich schlafe und schon sehr oft morgens im klinikum wach geworden bin. Gott sei dank das ich bis jetzt nie allein leben musste und hoffe das ich das nie muss. Dank an meine lieben die sich mit mir damit auseinandersetzen

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