Kontaktallergien und Hautreaktionen: Sind die Acrylate im Kleber schuld?

Immer mehr Nutzer von Systemen zur kontinuierlichen Glukosemessung, also FGM und CGM, reagieren mit Hautproblemen und Kontaktallergien auf Sensoren und Pflasterkleber. Der Hamburger Diabetologe Dr. Jens Kröger berichtete beim T1Day in Berlin über das Problem und seine möglichen Lösungen. Antje weiß mehr…

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Genaue Zahlen darüber, wie viele Menschen in Deutschland das Messsystem FreeStyle Libre zur kontinuierlichen Glukosemessung nutzen, gibt es nicht. Der Hersteller Abbott hält sich bedeckt, aber Dr. Jens Kröger schätzt, dass es etwa 50.000 sein müssten. Für ihn ist es deshalb nicht weiter verwunderlich, dass mit der Verbreitung des FreeStyle Libre auch die Zahl der Fälle von Hautirritationen zunimmt: Schließlich bleiben die Sensoren mit 14 Tagen Liegedauer deutlich länger auf der Haut als die Pflaster beispielsweise von Pumpenkathetern. Für mich ein sehr interessantes Thema, denn schließlich bin ich in einem früheren Beitrag schon einmal der Frage nachgegangen, ob möglicherweise der Hersteller für diese Hautreaktionen haftbar gemacht werden kann.

Beschwerden beginnen oft erst nach einigen Monaten

„Je länger die Liegezeit, desto höher ist das Risiko für Hautreaktionen“, erklärte Kröger beim T1Day  in Berlin. Er bombadierte die Zuhörer dann mit Fachbegriffen wie Irritationsdermatitis, Erysipel sowie Hyper- und Hypopigmentierungen und Urtikaria. Gemeint sind Hautrötungen, Entzündungen, Quaddeln und Farbveränderungen der Haut. Häufig treten die Beschwerden erst nach etlichen Monaten auf, nachdem der Patient bereits etliche Sensoren getragen hat. Eine solche Sensibilisierung lässt sich nicht wieder rückgängig machen, darüber hinaus kommt es in der Folge gelegentlich auch zu Kreuzallergien. „Dann bereitet auf einmal auch der Pflasterkleber des Pumpenkatheters Probleme, der nur zwei bis drei Tage liegt und zuvor problemlos vertragen wurde“, berichtete Dr. Kröger. Wer die Diskussionen in den einschlägigen Facebook-Gruppen verfolgt, kann das bestätigen: Dort berichten viele Anwender, dass die Probleme erst ab Sensor Nummer 8 oder 10 begannen.

Acrylate wurden 2012 als „Kontaktallergen des Jahres“ ausgezeichnet

Als mögliche Verursacher der Hautreaktionen nannte Kröger das Kunststoffgehäuse des Sensors, die Sensornadel bzw. den Sensorfaden und die Zwischenklebeschicht. Hauptverdächtige sind aber die in den Klebstoffen enthaltenen Acrylate. „Sie bergen ein hohes Potenzial für Nebenwirkungen. Man kennt Acrylharze aus Nagelstudios. Für Mitarbeiterinnen von Nagelstudios ist eine Allergie auf Acrylate längst als Berufskrankheit anerkannt.“ Die amerikanische Gesellschaft für Kontaktallergien hat Acrylaten 2012 daher den unrühmlichen Titel „Kontaktallergen des Jahres“ verliehen.

Zusammensetzung der Pflasterklebstoffe ist bei jedem Hersteller anders

Obwohl all dies lange bekannt ist, werden Acrylharze gern für Pflaster verwendet. Die zentralen Argumente lauten: Sie kleben außergewöhnlich gut und sind zudem kostengünstig verfügbar. Alle in der Diabetesindustrie verwendeten Pflasterklebstoffe bestehen aus Acrylatpolymeren. „Das Problem ist, dass die Zusammensetzung der Klebstoffe bei jedem Pflasterhersteller anders ist und von den Herstellern auch nicht herausgegeben wird“, kritisierte Dr. Kröger. Daher könne man auch nicht mit einem Standard-Epikutantest beim Hautarzt feststellen, ob man auf einen bestimmten Klebstoff allergisch reagiert oder nicht. Eine zuverlässige Allergiediagnostik sei nur möglich, wenn beim Pricktest eine Probe des tatsächlich konkret eingesetzten Klebstoffs als Einzelsubstanz verwendet wird – doch die lässt sich beim Hersteller nicht ohne Weiteres beschaffen.

Heidi-Methode, Rocktape, Hydrotape, Blasenpflaster – was hilft?

Betroffene, die trotz der massiven Hautreaktionen nicht auf die neuen Möglichkeiten der kontinuierlichen Glukosemessung durch FGM- oder CGM-Systeme verzichten möchten, sind daher längst selbst aktiv geworden. Sie tauschen sich in besagten Facebook-Gruppen intensiv darüber aus, wie man den direkten Kontakt des Klebers mit der Haut durch eine effektive Barriere verhindern kann. Sascha Stiefeling hat auf seinem Blog Sugartweaks einmal ganz heldenhaft sämtliche kursierenden Methoden ausprobiert und bewertet – darunter die vielgepriesene „Heidi-Methode“, Rocktape und Hydrotape, Blasenpflaster, die „Handschuh-Methode“ und seine selbst entwickelte „Beyonce-Methode“.

Nicht nur bei Facebook diskutieren, sondern den Hersteller informieren!

Der Diabetologe Dr. Kröger schien vertraut mit Saschas Ausführungen zu sein: „Da kursieren die abenteuerlichsten Empfehlungen! Da wird einem als Arzt angst und bange!“ Doch auch er rät Betroffenen, mechanische Barrieren zwischen Haut und Sensor zu platzieren. Dies könnten Hautschutzprodukte wie Cavillon, Schutzpflaster wie Tegaderm, Silikonpflaster oder Blasenpflaster sein. Auch Schutzplatten, wie sie Stomaträger verwenden (Stomahesive) eigneten sich unter Umständen. Eine wichtige Bitte hatte Dr. Kröger zum Schluss an alle betroffenen Typ-1-Diabetiker im Publikum: „Das Entscheidende ist, dass Sie als Anwender diese Probleme nicht nur bei Facebook diskutieren, sondern den Hersteller darüber informieren und auf Herausgabe der exakten Zusammensetzung des Pflasterklebers drängen. Sonst bleibt es dabei, dass die Hersteller immer weiter nur die Rate der Hautreaktionen in den Zulassungsstudien zitieren, obwohl es mittlerweile viel mehr Fälle mit Hautirritationen gibt.“

 

Die FGM-Sticker gibt es u.a. hier.

11 Kommentare zu “Kontaktallergien und Hautreaktionen: Sind die Acrylate im Kleber schuld?

  1. Hmm….Das Problem habe ich mit meine Omnipods. Am Anfang war alles problemlos, ab der ca. 10 Woche kamm es dann zu Hautreaktionen. Jetzt verwende ich Blasenpflaster. Der Vertreter von Ypsomed versicherte mir, dass die Klebstoffzusammenstzung nicht geändert wurde.

  2. Ich finde dies ein sehr Beitrag und den sollte man sich öfters einmaml durchlesen. Finde auch schön das mit Bildern gearbeitet wir. Mach weiter so

  3. Hallo,
    den ganzen Leidensweg habe ich mit FreeStyle Libre durchgemacht, bis einschließlich dem Austausch des Pflasters durch eine Eigenkontruktion mit Teppichklebeband und Fixomull stretch. Danach hatte ich keine Hautreaktion mehr unter dem Sensor, aber an der Einstichstelle der Nadel in etwa Stecknadelkopfgröße. Das bedeutet jetzt das Ende der Fahnenstange.
    Die Firma Abbott reagiert auf die Nachfrage mit einem Formbrief, der in keiner Weise auf das Problem eingeht.
    Hat jemand Erfahrung mit dem DEXCOM-G5-System?

  4. Hallo Katrin, was meinst du mit Hautreinigung? Wenn du heftige Hautreaktionen auf den Freestyle Libre hast, dann solltest du damit zum Arzt gehen und sie behandeln lassen. Manchmal kann man mit Barrierepflastern den Kleber von der Haut fernhalten, aber in manchen Fällen führt kein Weg daran vorbei und man muss sich von dem Sensor verabschieden. Besprich das unbedingt mit deinem Arzt, denn nur der kann die Schwere der Hautreaktion fachkundig einschätzen. Alles Gute für dich!

  5. Ich habe seit ca. 4 Monaten erhebliche Ausschläge jeweils links und rechts an den seitlichen Oberarmen. Anfangs waren es’nur ‚ punktuelle Stellen die sich nach und nach großflächig ausgebreitet hanen. Auch Blasenpflaster oder ähnlicher Ersatz schaffen keine Abhilfe. Bin jetzt ratlos und teste wieder blutig damit die Haut sich vielleicht wieder erholt. Schade um die verschwendeten Sensoren und das Geld wenn Abott sich nicht endlich um Abhilfe bemüht.

  6. Seit 8 Monaten versuche ich die Hautreaktionen irgendwie in den Griff zu bekommen. Blasenpflaster waren im Grunde die beste Lösung, haben zum Schluss aber trotzdem zu Jucken und Rötungen geführt.

    Seit einer Woche habe ich nun den Dexcom G6. Etwas dicker als der Libre, bisher aber ohne Hautprobleme. Dass sich der Sensor von alleine meldet, finde ich super.

  7. Hallo,bin seit nunmehr 38jahren Typ 1und bekam vor 1jahr den Freestyle libre.was für eine Erleichterung…bis,ja meine Haut verrückt spielte.ich zum Hautarzt,der wusste aber auch keinen Rat.Bei Freestyle half mir auch keiner weiter.also alle noch vorhandenen Sensoren in den Kasten und auf ein Wunder warten.und auf das warte ich und warte ich und warte ich…

  8. Ich hatte das gleiche Problem nach ca 1.5 Jahren Freestyle Libre. Nach einem halben Jahr Sensorpause habe ich jetzt den Dexcom G6, aber bei ihm nach 48h die gleiche allergische Reaktion. Ist zwar ein super System zum Monitoring aber nun auch nur über Hilfestellungen mit Ersatzpflaster verwendbar. Cavillonspray hatte bei mir keinen unterstützenden Effekt. Auf dieser Seite wird (leider nur in Englisch) ausführlich auf das Thema eingegangen: https://forum.fudiabetes.org/t/how-to-deal-with-a-dexcom-allergy/2138/15 . Sprecht unbedingt mit euren behandelnden Ärzten bevor ihr rumexperimentiert. Viel Erfolg

  9. Hallo habe genau das gleiche Problem nach Jahren bekommen, meine Frage macht ihr in dem Hautschutzpflaster (Duschpflaster)vorher ein Loch für den Sensorfaden oder schießt ihr durch das Pflaster? Lieben Dank

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