Technik im Diabetesmanagement – Dmitri Katz im Interview

Forschen für Diabetiker – das hat sich Dmitri Katz zur Aufgabe gemacht. Was kann Technik, was muss sie können? Das sind zwei der Fragen, die sich der Forscher, der selbst Typ-1-Diabetes hat, stellt. Anne hat ihn interviewt.

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Anne Seubert: Dmitri, seit wann bist du Diabetiker und warum hast du dich entschieden, dich auch beruflich mit dem Thema zu beschäftigen?

Dmitri Katz: Diabetes Typ 1 wurde bei mir im Alter von 13 Jahren diagnostiziert. Mein erstes Messgerät musste noch an die Wand gesteckt werden und hatte Streifen, die mit Wasser gewaschen werden mussten. Eingeweihte ahnen, wie lange das bereits her ist (grinst).

Erst vor ein paar Jahren habe ich mich allerdings entschieden, selbst beruflich in die Diabetesforschung einzusteigen. Bislang hatte ich mein Geld mit kommerzieller Werbung verdient, jetzt sehnte ich mich danach, etwas Sinnstiftendes zu tun. Dazu kamen einige beunruhigende Labor-Ergebnisse und ich überlegte, wie ich im Bereich des Diabetes-Managements die Welt ein wenig besser machen könnte. Seit vor ein paar Wochen bei meiner 12-jährigen Tochter auch Diabetes Typ 1 diagnostiziert wurde, hat sich meine Motivation deutlich verstärkt und fokussiert: Ich möchte wirkungsvolle Werkzeuge entwickeln, um unseren Alltag mit Diabetes zu erleichtern.

Foto Katz
Dmitri Katz

Seubert: Wie sieht dein Alltag mit Diabetes aus? Welche (technischen) Hilfsmittel nutzt du?

Katz: Ich spritze weiterhin mit Pens, für mein schnellwirksames mit einem digitalen, und brauche zwischen 6 und 10 Schüsse pro Tag. Zum Messen nutze ich den FreeStyle Libre und weiß es sehr zu schätzen, dass ich hier mehr erfahre als meinen aktuellen Blutzuckerwert: Ich habe ein viel detaillierteres Bild, was, wie und wie schnell sich mein Blutzuckerspiegel bewegt, und kann so viel besser reagieren. Davon abgesehen beobachte ich den Markt sehr genau und finde die Ideen rund um Open- und Closed-Loop-Systeme, die insbesondere Startups entwickeln, sehr spannend.

Seubert: Die Digitalisierung im Healthcare-Bereich nimmt insgesamt zu. Und so sehr sie hilft, so sehr verunsichert sie auch den einen oder anderen Diabetiker. Hast du Tipps für Diabetiker wie mich, die ich so wenige Apps wie nötig nutze? Welche Trends sind wirklich vielversprechend? Und wo sollte man vorsichtig sein, Stichwort Datensicherheit?

Das größte Potenzial sehe ich in der Verzahnung von CGM-Messgeräten und Insulinabgabe. Da gibt es einige interessante App-Projekte, patienteninitiiert. Bislang werden diese allerdings von wenigen Patienten genutzt, aber auch im kommerziellen Bereich sind einige Projekte auf dem Weg.

Was hier Privatsphäre und Sicherheit angeht, wäre es idealistisch, davon auszugehen, dass das primäre Ziel von Diabetesmanagementsystemen dem Patienten und nicht dem Geschäftsmodell dienen soll.

Auf der anderen Seite begrenzt die Sicherheit des Datenschutzes Funktionalität, so wird es immer ein Kompromiss bleiben. Das ist übrigens ein Aspekt, den ich im Rahmen meiner Forschung untersuche.

Seubert: Du bist selbst Forscher in diesem Gebiet, das vielen Menschen eher Angst macht: die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Kannst du kurz erklären, warum du diese Schnittstelle gewählt hast und was genau du untersuchst?

Nun, ich schulde mein Leben der Technik, ohne Blutzuckermessgeräte oder CGM wäre meine, unsere Lebensqualität miserabel, und das gilt natürlich auch jenseits des Diabetes für den Alltag und die Weiterentwicklung der Menschheit an sich. Grundsätzlich kann jedes Werkzeug benutzt oder missbraucht werden, und wir als Forscher und Designer tragen eine soziale Verantwortung für alle weiteren Werkzeuge, die wir entwickeln.

Unter anderem ist der Zeitpunkt, an dem Benutzeranforderungen in die Software-Architektur integriert werden, entscheidend. Sobald ein System entwickelt wurde, ist es viel schwieriger, es später zu ändern. Dabei haben Projekte, die von Patienten und ihren Bedürfnissen aus entwickelt werden, einen klaren Vorteil gegenüber den meisten kommerziell entwickelten Projekten.

Technik-Abhängigkeit ist ein weiterer Bereich, in dem ich forsche, und das nicht ohne Sorge.

Seubert: Woran arbeitest du aktuell und wie könnten dir die Mitglieder der Blood Sugar Lounge dabei helfen?

  1. Grundsätzlich finde ich den Austausch mit anderen Patienten über Technologien und Innovationen spannend und hilfreich für meine Arbeit. Als Doktorand habe ich mehrere Projekte. Ein Projekt hat zwei Hauptziele: (1) das Verständnis der Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre und der Sicherheit von Patienten mit verbundenen Diabetesmanagementsystemen und (2) das Verständnis des Potenzials von Systemen, die den Menschen bei ihrem Diabetesmanagement unterstützen.

Was wir aktuell brauchen, sind Freiwillige, die diabetesrelevante Tracking-Geräte für 30 Tage ausprobieren. Da wir automatisierte Systeme untersuchen, ist keinerlei Datenerfassung notwendig. An Zeitaufwand ist nur zu Beginn und am Ende der Studie mit etwa 30 Minuten für eine Einführung bzw. ein kleines Interview zu den Erfahrungen mit den Systemen zu rechnen.

KONTAKT:
Wer interessiert ist, kontaktiert Dmitri Katz am besten direkt über Dmitri.katz@open.ac.uk!

 

 

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