Fest verankert im System

Kennst du das, dass es eine technische Neuheit gibt, du diese aber gar nicht haben möchtest, weil du absolut zufrieden bist mit dem, wie es aktuell ist? Olli kennt das und zwar in Bezug auf ihre technischen Diabetes Hilfsmittel. Wieso sie Probleme damit hat, sich neuen Techniken und Hilfsmitteln aus der Diabetes-Welt anzunehmen, das erfahrt ihr im folgenden Beitrag.

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Manchmal, da frage ich mich, ob ich jetzt schon zu den Personen gehöre, die man „old-school“ nennt? Weil, wenn man meine Diabetes-Ausstattung und mein Equipment so betrachtet, dann empfinde ich mich selber ab und an als ziemlich „old-school“. Eben ein wenig auf der Strecke geblieben, was die neuesten Trends in Sachen Diabetes-Management und Alltag angeht.

 

Festgefahren seit 11 Jahren

Ich habe seit 11 Jahren das gleiche Insulinpumpensystem. Klar, zwischendrin wurde das Gerät mal gegen ein neues in einer anderen Farbe ausgetauscht, aber so an sich blieb alles beim Alten. Okay, das Messgerät, welches sich via Bluetooth mit der Pumpe verbinden kann, kam dann auch noch hinzu (Accu Chek Aviva Combo). Aber mehr gibt es „Geräte-technisch“ in meinem Diabetes-Leben nun wirklich nicht.

Und nicht nur bei meinen heißgeliebten und altbewährten Geräten und Systemen bin ich „old-school“, auch was mein Insulin betrifft. Seit 11 Jahren dasselbe Spiel – NovoRapid. Natürlich könnte man jetzt denken, dass ich entweder abseits der Zivilisation und der heutigen Medien lebe oder dass ich mich einfach so überhaupt nicht für die Weiterentwicklung und den Fortschritt der Krankheit, Diabetes Typ 1 in Bezug auf die Geräte, Techniken und Hilfsmittel, interessiere. Nö. Das ist leider so nicht ganz korrekt. Denn allein schon über die Blood Sugar Lounge, verschiedene Magazine und Kanäle sowie das große weite „world wide web“ setze ich mich genauso auf den neusten Kenntnisstand wie wahrscheinlich die meisten von uns. Also, „up to date“ bin ich schon einmal.

Jetzt steht hier natürlich die Frage im Raum: „Wieso möchtest du denn dann nicht einmal etwas Neues probieren?“ Diese Frage haben mir auch schon verschiedene Diabetologen, meine Eltern, andere Diabetiker und Diabetes-Beraterinnen gestellt. Dieses Große „Wieso denn nicht?“. Bisher und auch momentan konnte und kann ich diese Frage nur immer wieder mit folgenden Worten beantworten: Weil ich es nicht brauche (und nicht möchte).

Die Gründe dafür sind simpel

Jetzt denkt sich bestimmt schon der eine oder andere von euch: Wie kann man etwas Moderneres ablehnen, wenn es einem scheinbar den Lebensalltag erleichtert und die Krankenkasse sogar die Kosten übernimmt?
Das ist ganz einfach, denn ich habe drei Gründe, die meiner Ansicht nach ganz klar überwiegen, alles „beim Alten“ (also so, wie es jetzt ist und schon die letzten 11 Jahre lang war) zu belassen.

Grund Nr. #1:

Ich möchte keine weiteren Geräte, Andockstellen, Stöpsel, Sensoren oder was es noch alles gibt, an mir, in und auf meiner Haut haben. Ich weiß, das klingt im ersten Moment evtl. nicht ganz nachvollziehbar, denn schließlich sind die besagten technischen Hilfsmittel nun ja wirklich nicht sonderlich groß, massiv, schmerzvoll oder störend.

Doch lasst es mich erklären…

Vorab kann ich euch auch schon beruhigen und sagen, dass mir meine Krankheit nicht peinlich ist. Also ich stehe dazu, wenn man meinen Katheter, mein Messgerät oder meine Insulinpumpe sieht. Alles kein Problem! 😉

Aber zurück zum Thema, weitere Diabetes-Hilfsmittelchen in meiner Haut. Ich liebe meine Insulinpumpe und bekam sie schon ein Jahr nach der Diagnose. Seitdem sind wir unzertrennlich, zu 100% eingespielt und ich könnte sie blind bedienen. (Leider Gottes auch mittlerweile unterbewusst im Schlaf. #uncool). Aber diese eine dauerhafte Verbindung zu einem Gerät, welches ich mit mir „herumschleppe“, reicht mir vollkommen aus. Ich möchte keinen Sensor im Arm haben, der zwar meine Fingerkuppen unfassbar schonen würde und mich meine Blutzuckerwerte wahrscheinlich noch besser nachvollziehen lassen würde, aber für mich ist das zu viel. Genauso wie ein mylife OmniPod oder ähnliche Geräte.

Ich freue mich, dass ich nur daran denken muss, meinen Katheter regelmäßig zu wechseln, und ich freue mich, unter der Dusche und im Wasser fast vollkommen „frei“ zu sein. Mein Katheter ist zudem klein und flach. Darauf lässt es sich meistens super sitzen, liegen und schlafen. Komfortabel = zu 95%. Hätte ich jetzt noch einen Sensor im Arm, hätte ich direkt eine Sache mehr, an die ich denken muss, und ein Loch mehr in der Haut. (Ja, ich weiß, im Gegenzug hätte ich mit einem Sensor auch viel weniger Löcher in den Fingern, das ist mir klar.)

Aber ich müsste ebenfalls (z.B. für einen Sensor) das Messgerät wechseln. So wäre meine komfortable Bluetooth Connection zwischen Messgerät und Insulinpumpe hinüber und ich müsste die Pumpe wieder per Hand bedienen anstatt über das Messgerät. Voll doof!

Grund Nr. #2:

Ich habe Angst, mein Gefühl zu verlieren! Nicht jetzt auf zwischenmenschlicher Ebene, das wäre erschreckend, wenn der Diabetes dies beeinträchtigen würde. Nein, viel eher mein Gefühl für meinen Diabetes, für meine Blutzuckerwerte. Ja, ich oute mich als Streber, zumindest manchmal und zumindest in Bezug auf das HbA1c. Für mich muss immer alles perfekt sein. Das heißt, bei einem HbA1c von 6,3% fange ich mich mittlerweile schon an zu fragen, wieso ich denn nicht einen schönen 6,0-Wert geschafft habe. Ich weiß, ich weiß, das ist völliger Humbug und auch ein 6,3-Wert ist absolut in bester Ordnung. Ich möchte jetzt, um Gottes Willen, keine neuen Maßstäbe festlegen. Aber ihr merkt, Olli = kleine Perfektionistin. Bei mir soll es immer gut laufen, so gut wie eben nur möglich, besonders was meine Gesundheit angeht. Das wünsche ich selbstverständlich jedem. Aber wie das wahrscheinlich jeder von uns kennt und weiß, so ist es auch bei mir, die Ansprüche an sein eigenes „Ich“ sind nun einmal immer etwas kritischer als bei anderen Personen.

Doch kommen wir mal wieder zurück zu Grund Nr. #2 und weg von der HbA1c-Debatte. Und zwar zurück zu der Empfindung des Kontrollverlustes oder, wie ich so schön sagte, dem Gefühl, „das Gefühl zu verlieren“. Mittlerweile weiß ich ganz gut, wann ich mit den Blutzuckerwerten auf dem absteigenden Ast bin. Ich könnte sogar aus dem Stehgreif einschätzen, in welchem Bereich sich mein Blutzucker befindet. Das freut mich, denn somit weiß ich, dass ich meinem Gefühl trauen kann. Natürlich verlasse ich mich nicht immer darauf, dafür habe ich ja mein Messgerät. Aber so ein Grundvertrauen ist nun einmal vorhanden. Meiner Ansicht nach geht dieses ein Stück weit verloren mit einem Sensor oder einer anderen Blutzucker- bestimmenden/-beeinflussenden Technik (z.B. Insulinpumpen, die automatisch in den Stopp-Modus schalten bei abfallenden Werten bzw. einer Hypoglykämie).

Aber Achtung, man lasse mich noch einmal genauer erklären:

Ich finde diese Techniken toll, ich bin kein Gegner und ich freue mich für jeden, der diese anwendet und damit gut zurechtkommt. Wirklich!

Aber jetzt sehe ich mich… und ich wache nachts bei einer Hypoglykämie auf. Ich stelle dann evtl. die Basalrate temporär etwas hinab, trinke widerwillig einen Saft und bleibe so lange wach, bis der Wert wieder im grünen Bereich ist. Mit Sensor verlerne ich (und ich weiß, dass ich hier urteile, wobei ich solch ein Gerät nicht einmal besitze) meiner Meinung nach, das Gefühl richtig einzuschätzen. Ich kontrolliere wahrscheinlich viel häufiger am Tag meinen Blutzucker, was gut ist, aber achte auch auf keine Anzeichen mehr. Denn die Hemmschwelle, sich in den Finger zu piksen, um seinen Blutzucker zu checken oder doch lieber vorab einmal auf seine Gefühle und mögliche Anzeichen zu hören und zu achten, gibt es nicht mehr. Man scannt nur noch oder schaut auf das passende Gerät, um herauszufinden, wo sich der Zuckerwert aktuell herumtreibt.

Ob das Herzrasen jetzt wohl vom Sport kommt oder ein aktuelles Anzeichen für eine Hypoglykämie ist, das zählt nicht mehr. Es wird gescannt, festgestellt und eingegriffen oder auch nicht. Das heißt, man nimmt ein Herzrasen als neuestes Hypoanzeichen vielleicht gar nicht mehr wahr. Was natürlich sehr blöd wäre in Bezug auf die eigene Selbstwahrnehmung, jetzt in meinem Beispiel natürlich konkret auf eine Hypoglykämie bezogen. Ja, ich lehne mich hiermit offiziell weit aus dem Fenster, aber das mache ich gewollt und mit Absicht.

Grund Nr. #3:

Ich tue mich schwer mit neuen Techniken. Das fängt bei Handys an und geht bei Insulinpumpen und Messgeräten weiter, bis hin zu Automobil-Techniken (auf deutsch auch Autos genannt). Deswegen habe ich auch nicht das allerneuste Insulinpumpensystem meines Herstellers (Accu-Chek), sondern weiterhin das vorletzte Modell. Ich kann dazu sagen, ich habe das neueste Modell ausprobiert und nach einer Woche „Testen“ darum gebeten, wieder zum „Alten“ umsteigen zu dürfen. Nicht, weil ich mit der neuen Version nicht klarkam (so schwer ist es ja jetzt auch nicht, eine Pumpe, ein neues Handy oder ein moderneres Auto zu bedienen), sondern weil ich mit dem älteren Modell und System so eingespielt war. Und zudem hatte ich auch ganz grundlegend gesagt an dem alten System nichts auszusetzen. So wie bei dieser „Pumpen-Story“ läuft das tatsächlich bei mir mit vielen Geräten ab.

Kennt ihr das, wenn es ein neues Handy gibt, das auch schöner, schneller und bunter ist, ihr aber euer altes gar nicht hergeben möchtet, weil ihr so daran hängt und daran im Grunde genommen auch gar nichts auszusetzen habt? Jap, so bin ich auch!

Das Verlassen der persönlichen Komfortzone

Das sind meine drei Gründe und das ist meine momentane Meinung in Bezug auf die Techniken und Neuheiten in der Diabetes-Welt. Ich denke, ich würde dem Ganzen offener gegenüberstehen, hätte es dies vor Jahren schon für jedermann gegeben. Aber dadurch, das meine Insulinpumpe, mein Messgerät, mein Gefühl der Blutzuckerwert-Einschätzung und ich so ein eingespieltes Team sind, ist es natürlich auch immer schwer, seine Komfortzone zu verlassen. Und das dann auch noch freiwillig…

Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Abgeneigt bin ich nicht, interessant und hilfreich finde ich es allemal. Ich glaube tatsächlich, ich bin diesbezüglich einfach nur ein wenig „old-school“.
Funfact: An neue Insuline traue ich mich mittlerweile sogar schon freiwillig heran. Na, wenn das mal kein Anfang für eine Weltoffenheit gegenüber neuen Techniken ist, dann weiß ich auch nicht. 😉 So, jetzt schreib du mir doch einmal, ob es dir vielleicht genauso geht? Oder kennst du jemanden, dem es ebenfalls so geht wie mir oder der ähnliche Ansichten hat? Eventuell bist du das absolute Gegenteil und liebst es, die ganzen neuen Techniken und Hilfsmittel zu testen, und kannst es kaum abwarten, bis endlich etwas Neues auf den Markt kommt.

Schreib es mir gerne in einem Kommentar unter diesem Beitrag hier, die Community und ich freuen uns, von Dir zu lesen. ☺

5 Kommentare zu “Fest verankert im System

  1. Hallo Olivia,

    habe mit Freude Deinen Beitrag gelesen, „Endlich mal jemand der nicht alles mitmacht“ dachte ich sofort.

    Ich habe seit über 28 Jahren Typ 1 Diabetes und habe die ICT Therapie nie abgelegt.

    Wenn ich eine Pumpe oder ein Blutzuckermessgerät an mir hätte, dann wäre ich krank.

    Ich bin da wohl auch „old-school“, wie Du schreibst, aber das stört mich überhaupt nicht.

    Blutzucker messen und mit dem Pen bei jedem Essen oder hohen Werten zu spritzen (egal wo ich grade bin) das finde ich überhaupt nicht schlimm, aber wenn ich Geräte an mir hätte, die mich in meiner Bewegung einschränken, meine Kleidung beeinträchtigen und jeder sofort sehen kann, das ich krank bin, das wäre so gar nix für mich.

    Alle Menschen in meinem Umfeld, ob nun Familie, Freunde und Kollegen, wissen das ich Diabetes habe. Aber ich spreche eigentlich nie darüber, außer ich werde angesprochen.

    Ich denke, jeder muss selbst entscheiden, wie er am besten mit dem Diabetes umgeht. Viele Pumpenträger können nicht verstehen, das man noch mit dem Pen spritzt.

    Aber es muss einfach akzeptiert werden, das es Menschen gibt, die sich mit technischen Geräten (so toll sie auch sein mögen) nicht wohl fühlen.

    Also eigentlich finde ich mich auch nicht „old-school“, denn wenn ich mich wohlfühle, meine Werte io sind, dann ist doch eigentlich alles ok.

    Für mich wäre die einzige ständige Blutzuckermessung nur möglich, wenn Apple endlich die die iWatch mit Blutzuckermessung rausbringt.

    Denn was Technik sonst betrifft, da bin ich eigentlich immer ganz vorne mit dabei.

    Viele Grüße Andrea

  2. Hallo Olivia,
    schon in jüngeren Jahren “old school” zu sein, finde ich cool. Ich habe auch meine BZ-Messgeräte jeweils so lange benutzt, wie Teststreifen dafür auf dem Markt waren, obwohl dauernd immer neuere und noch bessere angeboten wurden. Auch wehre ich mich erfolgreich seit ca. 30 Jahren gegen eine Pumpe. Kann ich mir nicht vorstellen, dass ich mich damit noch wohlfühlen könnte. Dagegen habe ich mich sofort auf FGM und dann CGM gestürzt, als ich diese Neuerungen zu fassen bekam und möchte diese Technik nicht mehr missen.
    Ich glaube, es kommt darauf an, dass jeder sein eigenes Optimum an technischer Versorgung findet – und dann auch gegen vermeintlich Besserwissende verteidigt (die vielleicht andere Erfahrungen und Vorlieben haben). Als Diabetiker sind wir ohnehin von den tagtäglichen überraschenden Unbeständigkeiten der BZ-Werte gebeutelt – da gibt es vielleicht einen besonderen Hang zu Beständigkeit, wo sie sich einrichten lässt?
    Viele Grüße
    Gabriele

  3. Hallo Olivia,

    Ein Super-Beitrag von dir! Never change a winning team! Wozu auch?

    Wenn du dich als “old school” bezeichnest, dann bin ich vermutlich “stone age based” (Pen und blutige BZ-Messung). Aber was soll’s? Ich hatte bis jetzt 34 gute und spannende Jahre mit dem Diabetes. Hätte ich mich auf die technischen Neuerungen in der Therapie eingelassen, hätte ich meine Lebensträume vergessen müssen.

    Liebe Grüße
    Geri

  4. Hallo Olivia ich erkenne mich wieder bei Deiner Beschreibung. Auch ich habe die Accu Chek Spirit Combo und bin voll zufrieden damit. Ich habe mich auch bewusst für eine Verlängerung für dieses Pumpensystem entschieden. Den einzigen Nachteil, den ich in letzter Zeit bemerkt habe, die Katheter sind nicht mehr immer optimal und ich muss sie öfters sofort wieder auswechseln, wenn ich nicht zu hohe Zuckerwerte haben will. Ich mache mir schon Gedanken auf welches System ich nach Ablauf der Mietzeit wechseln soll. Ich werde mich noch genauer über die Vor und Nachteile der verschiedenen Pumpen informieren. Denn dass es wieder eine Pumpe sein wird ist für mich klar.
    Viele Grüsse Ursula

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