Sharons Schüleraustausch mit Typ-1-Diabetes hat sie schon vor viele Aufgaben gestellt, die sie alle mit Bravour gemeistert hat. Doch am Ende steht nun doch der frühzeitige Abschied aus Ungarn. Sie erzählt hier, wie es dazu kam.
Nach Teil 1 und Teil 2 der Reihe „Schüleraustausch mit Diabetes“ geht es jetzt weiter: Auch in der Schule angekommen, war der Diabetes überhaupt kein Problem. Ich wurde nicht komisch angeguckt und es wurde akzeptiert. Als normal angesehen.
Ausnahmen für die Gastschülerin, nicht für die Diabetikerin
Mein Gastvater hat mir vorgeschlagen, mich vom Sport zu befreien und als Begründung meinen Diabetes anzugeben, da ich sonst einmal die Woche bereits um 5 Uhr mit dem Bus zur Schule hätte fahren müssen. Ich erklärte ihm jedoch, dass ich meinen Diabetes nicht als Ausrede nutzen möchte. Ebenso mussten Gelder für Ausflüge, ein Konzert etc. gezahlt werden. Auch dies galt nicht für mich. Außerdem gibt es eine weitere Regelung an den Schulen. Im Krankheitsfall können Eltern ihre Kinder im gesamten Schuljahr 3 Tage krankmelden. Für alle anderen Tage braucht man eine Krankschreibung vom Arzt.
Regelung für Krankheitstage
Dort habe ich wegen der Regelung bezüglich der Krankheitstage mit meinem Klassenlehrer geredet. Gott sei Dank konnte er Deutsch. Ich habe ihn also gefragt, ob diese Regel auch für mich gilt. Denn, so habe ich es ihm erklärt, ein Hausarzt kann mir nichts sagen, was ich nicht schon weiß, und mir nicht helfen, wenn ich den ganzen Tag niedrige oder hohe Werte habe. Eher ist es ggf. kontraproduktiv, mich eine Stunde in dessen Wartezimmer zu setzen. Wie selbstverständlich versicherte er mir, dass meine Gastmutter nur in der Schule Bescheid geben muss, dass ich den Tag zuhause bleibe. Aber das wäre wohl auch bereits so abgesprochen gewesen. Etwas verdutzt habe ich es zuhause meinem Gastvater erzählt. Meine Gastmutter saß dabei. Ich habe ihnen das Gespräch mit meinem Klassenlehrer geschildert und auf einmal wird mein Gastvater laut und sauer. Er sagt, er müsse dann immer mit zuhause bleiben, weil er mich nicht alleine zuhause lassen könne. Es könne ja etwas passieren. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen, die Notfallspritze lag im Kühlschrank und ich konnte ihm auch versichern, Unterzuckerungen rechtzeitig zu spüren und mit hohen Werten noch nie solch starke Probleme gehabt zu haben. Daraufhin hat er mich mit seiner Oma vor 20 Jahren verglichen. Auch da habe ich ihm erklärt, dass es nicht zu vergleichen ist. Zum einen wegen des Zeitalters, zum anderen wahrscheinlich wegen des Diabetestyps. Das alles jedoch hat ihn nicht interessiert. Er sagte, wer bis 12 Uhr schlafen kann, kann auch zur Schule gehen (im Fall von Krankheit und daraus resultierenden hohen Werten). Man muss auch dazu sagen, dass ich nach 2,5 Jahren Diabetes in gewissen Dingen (wie langfristig hohen Werten) noch viel vorsichtiger, oft wahrscheinlich zu vorsichtig, gehandelt habe. Er diskutierte weiter und weiter und irgendwann sagte ich ihm, dass ich über meine Krankheit nicht diskutiere und deshalb das Gespräch beenden möchte. Er bestätigte diese Aussage mit einem „O.K.“ und ich ging in mein Zimmer, wo dann meine Gastmutter reinplatzte. Sie schrie mich auf Ungarisch an. Ihr war egal, dass ich sie nicht verstehen konnte, und ich weinte irgendwann nur. Dann kam mein Gastvater dazu und sagte, ich soll meinen Vater anrufen. Dies tat ich auch.
Die Organisation, mein Vater und mein Gastvater
Als er auflegte, telefonierte er mit der Organisation und drückte mir dann das Telefon in die Hand. Nun musste ich der Dame von der Organisation die Situation in meinem gebrochenen Englisch schildern. Es war nicht so einfach. Vor allem nicht, weil die Dame mir nicht glauben wollte. Sie wollte die Aussage meines Lehrers am nächsten Tag selber überprüfen. Und mein Gastvater wollte, dass mein Vater mich abholte. Ich verstehe ehrlich gesagt bis heute nicht so ganz, warum. Am nächsten Mittag trafen mein Vater und ich uns an der Schule. Wir konnten uns spontan mit meiner Schulleitung zusammensetzen und meine Deutschlehrerin diente uns netterweise als Dolmetscherin. Die Schule verstand mein Problem auf Anhieb und versicherte mir, dass ich im Falle einer Änderung dieser Situation, wie selbstverständlich am nächsten Tag zur Schule kommen könne. Für den Fall, dass alles so bliebe, wünschten sie mir alles Gute.Der Abschied von der Schule
Ich wurde also mit einem herzlichen Gefühl ums Herz von dieser Schule verabschiedet, von meiner Klasse ganz besonders. Obwohl dieser Abschied so unglaublich spontan war, haben sie mir im Unterricht Abschiedskarten gestaltet und zwei meiner Mitschüler sind im Unterricht spontan los, um mir typisch ungarisches Essen zu kaufen. In der Deutschstunde – die letzte Unterrichtsstunde, die ich besucht habe – haben sich dann all meine Mitschüler verteilt und mir ihr Geschenk überreicht. Eine von ihnen (diejenige, die mich quasi angeleitet hat) musste sogar beim Abschied weinen, obwohl sie mich nur wenige Wochen kannte und viele Freunde in der Klasse hatte. Nach all diesen traurigen, aber besonders herzlichen Abschieden führten mein Vater und ich unzählige Telefonate mit den Organisationen vor Ort und in Deutschland. Die in Deutschland war sehr kooperativ und versicherte mir, dass ich die Gastfamilie natürlich sofort wechseln könne. Die Organisation aus Ungarn hingegen sagte, dass ich frühestens in 4-6 Wochen wechseln könne, da sie keine Gastfamilie frei haben. Außerdem zeigten sie im Allgemeinen nur wenig Verständnis. Da meinen Eltern und mir das Vertrauen zu meiner Gastfamilie gefehlt hat und dieses Vertrauen in unseren Augen besonders bei Diabetes wichtig ist, haben wir das Angebot – die Familie in ein paar Wochen zu wechseln – abgelehnt. Denn wäre in diesen Wochen doch etwas gewaltig schiefgelaufen, hätten wir nicht darauf vertrauen können, dass mir sachgemäß geholfen würde. Also haben mein Vater und ich meine Sachen abgeholt und sind nach Hause gefahren.