Die perfekte Diabetikerin

Laura sagt: Die perfekte Diabetikerin bin ich nicht und die gibt es für mich auch (nicht) mehr. Sie verabschiedet sich von ihren unerfüllbaren Erwartungen an sich selbst und teilt den Schritt mit euch.

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Vor ungefähr einem Monat war mein Diabetes mal wieder völlig außer Kontrolle und ich am Boden zerstört. Meine Gedanken kreisten pausenlos um meine Blutzuckerwerte, Kohlenhydrate, Bewegung, Stress und den nächsten Arzttermin. Immer wieder fragte ich mich: „Was habe ich denn diesmal falsch gemacht?“ und „Wieso können meine Werte nicht einfach perfekt sein?“

Da machte es in meinem Kopf plötzlich „klick“ und ein Gedanke ploppte auf: Wer zur Hölle ist eigentlich diese „perfekte“ Diabetikerin, die ich die ganze Zeit sein will?

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Ich kann es euch verraten.

So sieht meine „perfekte“ Diabetikerin aus

Meine „perfekte“ Diabetikerin ist 24/7 in ihrem Zielbereich.

Sie geht morgens mindestens 60 Minuten Joggen.

Isst pro Mahlzeit nie mehr als 30 KHE und hat einen HbA1c-Wert von 5,0 %.

Die „perfekte“ Diabetikerin schafft es auch an ihrem monatlichen Cheat Day, die fette Pizza richtig zu berechnen, und hat die Wörter Hypoglykämie und Hyperglykämie aus ihrem Sprachgebrauch gestrichen.

Bei ihr gibt es keine defekten Sensoren oder abgeknickte Kanülen.

In der Nacht schläft sie wie ein Baby und morgens ist sie ausgeruht und fit.

Die „perfekte“ Diabetikerin ist völlig Stress-resistent, immer gut gelaunt und hat selbst während ihrer Monatsblutung die besten Werte.

Denn meine „perfekte“ Diabetikerin mag keinen Kuchen, geht nie bis spät in die Nacht mit ihren Freunden trinken und raucht nicht.

Meine „perfekte“ Diabetikerin lebt für ihre guten Werte, nicht für sich.

Deswegen bin ich nicht sie.

Darum bin ich nicht die „perfekte“ Diabetikerin

Denn ich liebe Kuchen und esse öfter Pizza, als ich sollte.

Ich gehe gern aus und trinke und rauche dann auch viel zu viel.

Ich unterzuckere gern mal in der Nacht und habe morgens dicke Augenringe und bin die meisten Tage alles andere als ausgeschlafen.

Ich gehe in die Uni und auf Arbeit und bin davon manchmal gestresst.

Ich mache nicht jeden Tag Sport und vor allem nie eine ganze Stunde.

Ich esse oft mehr als 30 KHE pro Mahlzeit und liege danach gern auf der Couch.

Ich habe nicht immer gute Laune und mein Diabetes ist dann genauso zickig wie ich.

An manchen Tagen denke ich nicht über meine Werte nach und esse das, was ich will.

Ich habe unheimliche Angst vor Spätfolgen und dem nächsten Arzttermin.

Aber ich strenge mich jeden Tag an, mein Bestes zu geben. Versuche, den Diabetes im Zaum zu halten. Manchmal, da habe ich gute Wochen, und manchmal schlechte.

#wirsindviele

Und ich weiß, ich bin damit nicht allein. Da draußen sind viele wunderbare Typ-1-Diabetikerinnen und -Diabetiker, die jeden Tag mit ihrer Krankheit kämpfen. Wir alle verlieren ab und zu mal und müssen uns dann geschlagen geben. Aber nur für den Moment. Am nächsten Tag geben wir wieder unser Bestes. Wir alle sind eben nicht nur Diabetiker, sondern auch ganz normale Menschen – Mütter, Väter, Freunde, Studenten, Kinder, Teenager. Unser Leben wird nicht ausschließlich vom Diabetes bestimmt, obwohl er ein großer Teil davon ist. Auch wenn es Ärzte gibt, die versuchen, uns zu erzählen, dass wir „perfekt“ sein müssen, um gut leben zu können.

Man muss seine persönliche Mitte finden zwischen dem Diabetes-Leben und dem ganz normalen Alltag. Oft sind unsere Erwartungen höher, als es die Realität zulässt. Wir streben Ziele an, die manchmal nur schwer erreichbar sind, und das wirft uns zurück. So sollte das nicht sein, so sollte man mit einer Krankheit nicht umgehen, allein weil es der mentalen Gesundheit schadet.

Quelle: Laura Krugenberg

Ich habe Spaß am Leben!

Ich will gar nicht perfekt sein, denn ich bin die meiste Zeit eigentlich ganz zufrieden. Ich habe eine Menge Spaß am Leben, egal ob meine Werte gut oder schlecht sind. Ich versuche, mich weniger über schlechte Werte zu ärgern und mehr über gute Werte zu freuen.

Mein Diabetes wird mich mein ganzes Leben noch begleiten. Wenn ich mir vorstelle, mir bei jedem schlechten Tag ewig den Kopf zu zerbrechen, dann glaube ich nicht, langfristig glücklich zu sein und meine realistischen Ziele zu erreichen. Ein schlechter Tag oder eine schlechte Woche macht noch keine Spätfolge.

Ich bin keine „perfekte“ Diabetikerin und werde auch nie eine sein.

Ich bin einfach nur eine Diabetikerin, die jeden Tag kleine Kämpfe gewinnt oder verliert.

Ich bin eine Diabetikerin, die mit ihrer Krankheit lebt und nicht für sie.


Vom Perfektionismus getrieben kam auch Steffi immer tiefer in eine Abwärtsspirale. Über ihren Weg und die psychische Belastung schreibt sie in dem Beitrag Steffis Notizbuch – Psyche, Sucht und Diabetes

10 Kommentare zu “Die perfekte Diabetikerin

  1. 30 KHE? Wow – schaffe ich nicht…das sind:
    – 3L Cola
    – 2,5 Pizzen (ohne FPE)
    – 1kg / ~2l Eis
    – 6,5 Würfel Dextro
    – 400g Gummibärchen

    Nope – schaffe ich nicht…obwohl Gummibärchen klingt machbar 🙂

    1. Oh da hat sich wohl der Fehlerteufel eingeschlichen. Gemeint sind natürlich 30 Kohlenhydrate also 3 KHE. 🙂

    1. Haha ja, mir geht es halt genau so. 🙂 Nur ich bekomme halt ständig von Ärzten zu hören, dass man als Diabetiker nicht mehr als 3 BE pro Mahlzeit essen sollte…. Aber zum Glück mache ich mir da jetzt nicht mehr so große Gedanken. Da wird halt eben mehr Insulin gespritzt. 🙂

  2. Hallo Laura,
    Ein Urgestein von Diabetes ,49 Jahre, meldet sich bei Dir. Es ist ein Mist, dass die Forschung noch nicht weiter ist….nur der Freestyle bringt was. Aber ich stehe stündlich im Dauerstress, hoch /tief, da kommt meine Diabeteshundspürnase, ein weisser Zwergschnauzer, kaum mit. Aber mit lowcarb und 90% Gemüse ,Bewegung , komme ich mit wenig Insulin aus und das verringert die Hypos. Es geht immer irgendwie……

    1. Liebe Renate,
      danke für den Kommentar. Es hilft mir immer sehr, wenn mir erfahrene Diabetiker schreiben. Da beruhigt einfach. Ich setze mich einfach noch zu sehr unter Druck. Aber ich finde ich hab schon gute Fortschritte gemacht und sehe manche Sachen schon weitaus lockerer. Gelassenheit muss halt auch gelernt sein. 🙂

  3. Liebe Laura.
    Das was du da schreibst, hätte auch ich schrieben können. Es ist so real. Und ich denke, dass genau das der richtige Weg für Diabeter/-innen ist.
    Sei herzlichst gegrüßt
    Nadine aus Thüringen

  4. Hallo Laura,
    deinen Artikel finde ich Spitze, aber
    dieses Zitat verstehe ich überhaupt nicht!
    „Nur ich bekomme halt ständig von Ärzten zu hören, dass man als Diabetiker nicht mehr als 3 BE pro Mahlzeit essen sollte….“
    Oder ist das sarkastisch gemeint?
    Warum nur 3 BE??
    Ich berechne mein Essen und spritze mein Insulin danach.
    Also das Gericht hat 10 Be.
    Insulin auch 10 Einheiten.
    Oder bist du Diabetikerin Typ 2?

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