Mehr Proteine statt Kohlenhydrate essen: Spricht eigentlich irgendetwas dagegen?

„Bloß nicht zu viel Eiweiß, das schädigt doch die Nieren!“ Solche Sätze bekommen Diabetiker häufig zu hören, wenn sie sich als Anhänger einer wie auch immer gearteten Low-Carb- und High-Protein-Ernährung outen. Doch was ist wirklich dran an dieser Warnung?

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Mit dem Thema kohlenhydratreduzierte Ernährung beschäftige ich mich schon seit einer ganzen Weile. Bereits bevor ich im Frühjahr 2010 die Diagnose Typ-1-Diabetes erhielt, hatte ich das Standardwerk zur LOGI-Ernährung studiert und über die Zusammensetzung meiner Nahrung nachgedacht. Mit der Diagnose nahm dieses Nachdenken naturgemäß noch breiteren Raum ein. Außerdem konnte ich ganz hautnah beobachten, was Stoffwechselgesunde nie wirklich mitbekommen: Große Mengen Kohlenhydrate können den Blutzucker ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen – selbst wenn man ihre Menge richtig eingeschätzt und die korrekte Insulindosis dafür gespritzt hat. Ganz einfach deshalb, weil es sehr schwer ist, genau den richtigen Zeitpunkt für die Insulingabe zu treffen. Komplexe Kohlenhydrate oder Kohlenhydrate in Verbindung mit Fett und Eiweiß brauchen viel länger, bis sie verstoffwechselt werden und den Blutzucker ansteigen lassen. Einfache Kohlenhydrate ohne solche Begleiter wiederum schießen schneller ins Blut, als selbst das modernste Turboinsulin wirken kann.

Weniger Kohlenhydrate – zugunsten von mehr Fett und Eiweiß

Meinen persönlichen Aha-Effekt erlebte ich, als ich irgendwann einmal auf die Aussage stieß, dass es nur essenzielle Fettsäuren und essenzielle Aminosäuren (Eiweiße) gibt, aber keine essenziellen Kohlenhydrate. Sprich: Der Körper ist zwingend auf die Zufuhr von Fett und Eiweiß von außen angewiesen, nicht aber auf die Zufuhr von Kohlenhydraten. Denn die Glukose, die von den Organen, den Muskeln und dem Gehirn als Brennstoff benötigt wird, kann der Körper auch aus Eiweiß oder Fett selbst herstellen. Mit dieser Erkenntnis war für mich dann endgültig klar, dass ich den Kohlenhydratanteil in meiner Nahrung senken möchte – zugunsten von mehr Fett und Eiweiß. Dass Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hartnäckig weiter empfehlen, eine vollwertige Ernährung solle aus wenig Fett und mindestens 50 Prozent Kohlenhydraten bestehen, erscheint mir angesichts der vielen Studien, wonach eine Ernährung nach LOGI sich positiv auf das Körpergewicht, das Blutzuckerprofil und auch die Blutfettwerte auswirkt, ziemlich anachronistisch.

 

Protein hält lange satt – das schützt vor Heißhungerattacken

Umso neugieriger war ich, als ich im Programm des diesjährigen Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 15. Mai 2015 in Berlin eine Sitzung zum Thema „Ernährung bei Diabetes“ entdeckte, in der es in einigen Vorträgen ganz explizit um die Vorteile und Risiken einer proteinbasierten Ernährung bei Diabetes gehen sollte. Was also sagen die Diabetes-Experten, was sagen aktuelle Studien? Gibt es wirklich einen Grund, sich um die bei Diabetikern ohnehin gefährdeten Nieren zu sorgen, die durch mehr Eiweiß in der Nahrung über Gebühr belastet werden? Die erste positive Erkenntnis in der Sitzung vermittelte mir Priv.-Doz. Dr. Thomas Skurk von der Technischen Universität München, der sagte: „Die positiven Effekte einer eiweißbasierten Diät auf das Körpergewicht sind gut belegt.“ Protein macht nachhaltig satt, so dass man weniger rasch wieder hungrig wird und damit am Ende mehr isst, als man eigentlich müsste. Diesen Effekt kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen: Besonders lange bin ich morgens nach dem Frühstück satt, wenn ich die zweite Scheibe Brot durch eine ordentliche Portion Quark mit Obst ersetze. Ich komme dann definitiv nicht vor dem Mittagessen auf die Idee, wieder etwas zu essen.

Meine Protein-Gerichte

„Sagen Sie mal, nehmen Sie eigentlich Cholesterinsenker?“

„Auch eine Reihe klinischer Parameter wie Insulin- und Blutglukosespiegel, Blutfette sowie der Blutdruck und der HbA1c-Wert verbessern sich nachweislich unter einer Hoch-Protein-Diät“, erklärte Dr. Skurk weiter. Nun, mein Blutdruck ist seit jeher eher niedrig, und meinen Blutzuckerwerten bekommt es ganz hervorragend, wenn ich Kohlenhydrate durch Protein ersetze. Und das wirkt sich natürlich auch positiv auf den HbA1c-Wert aus. Was die Blutfette angeht, fragte mich vor einer Weile mein Hausarzt mit Blick auf meine offenbar recht niedrigen Cholesterinwerte tatsächlich einmal, ob ich Cholesterinsenker einnehme. Auch den positiven Effekt auf die gängigen Laborwerte kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus also bestätigen.

Schaden Proteine den Nieren? Oder sind die Blutzuckerwerte die wahren Schuldigen?

Die logische Frage in Sachen Protein lautet also: „Warum sollte es nicht ein bisschen mehr sein?“ Ganz einfach: Bei Diabetikern haben Ärzte schnell Angst um deren Nierenfunktion. An diesem Punkt lieferte Dr. Skurk mir die zweite wichtige Erkenntnis der Sitzung: „Durch den Austausch von Kohlenhydraten durch Protein verbessern sich die Blutzuckerwerte. Ein verbessertes Blutzuckerprofil wiederum beeinflusst häufig auch die Nierenfunktion positiv. Bei Patienten mit einer schlechten Blutzuckereinstellung kann eine proteinreiche Ernährung aber zu einer Verschlechterung der Nierenfunktion führen.“ Im Klartext heißt das: Letztlich weiß man gar nicht genau, ob es wirklich die vermehrte Eiweißaufnahme ist, die bei Diabetikern zu Nierenschäden führt, oder die schlechte Blutzuckereinstellung! Bei Patienten mit guter Blutzuckereinstellung ohne Vorschäden an den Nieren ließen sich in Studien jedenfalls keine negativen Auswirkungen von eiweißreicher Kost auf die Nieren feststellen.

Das sind doch ungemein beruhigende Neuigkeiten für alle Diabetiker, die sich ebenso wie ich über die DGE-Empfehlungen hinwegsetzen und frei nach LOGI die Ernährungspyramide ein wenig auf den Kopf gestellt haben.

 

3 Kommentare zu “Mehr Proteine statt Kohlenhydrate essen: Spricht eigentlich irgendetwas dagegen?

  1. Hallo Antje,

    Ich mache gerade einen Selbsttest. Nicht zuletzt angeregt
    durch deine Informationen im Blog.

    Schon immer habe ich mit postprandialen BZ Spitzen zu kämpfen und egal was ich bis jetzt versucht habe, nichts war wirklich erfolgreich. Selbst deutlicher Vollkornanteil in der Nahrung, den ich vor einiger Zeit auf meinem Blog noch empfohlen habe, konnte auf Dauer keine wirklich reproduzierbaren und nachhaltigen Verbesserungen bringen, so dass ich mittlerweile zumindest für mich behaupten kann, dass Vollkorn in Bezug auf meinen BZ absolut überbwertet wird. Bei anderen mag das anders sein.

    Außerdem hatte ich trotz Sport und zurückhaltender Ernährung, dass Problem, dass mein Gewicht langsam aber stetig geklettert ist. Vor einiger Zeit habe ich dann die Notbremse gezogen.

    Zunächst habe ich mit Logi begonnen, dann aufgrund einer
    Krebserkrankung im Familienkreis auf das Thema ketogene Ernährung gestoßen, habe ich Erfahrungsberichte von Typ 1 Diabetikern gelesen, die mich noch tiefer in die Materie einsteigen ließen. Danach habe ich mich etwas mehr an LCHF orientiert.

    Seit einigen Wochen ernähre ich mich nun, sagen wir mal nach einer Kombination von Logi und LCHF, also kaum KH, ca. 15% Protein und der größte Energieanteil kommt aus geeigneten Fetten.

    Da ich ein CGMS trage kann ich die Auswirkungen explizit sehen :

    Sehr stabile Blutzuckerverläufe ohne postprandiale Spitzen, einfache normnahe Einstellung der BZ Werte, selbst niedrige BZ Werte sind stabil,
    der Bolus-Insulinbedarf geht zurück, dadurch steigt die Insulinempfindlichkeit,
    was wiederum die Folge hat, dass auch der Basalbedarf sinkt. Spritz-Ess-Abstand brauche ich keinen mehr. Natürlich muss man sich etwas mit FPE Berechnung beschäftigen und man muss nicht nur den KH Gehalt der Nahrungsmittel sondern auch noch den Fett und Protein Gehalt kennen.

    Zudem sinkt mein Gewicht obwohl ich immer satt bin, ich habe keine
    Hungerattacken mehr, mein Süßhunger ist komplett verschwunden. Ich esse insgesamt weniger ohne dabei das Gefühl zu haben nicht genug gegessen zu haben.

    Mein HbA1c ist von 6.8% auf 6.1% gefallen und ich erwarte, dass er weiter sinkt ohne dass ich Angst vor zu tiefen Werten habe. Der BZ ist einfach ungewohnt stabil und ich habe Tage, da verläßt die BZ Kurve nicht meinen Zielbereich, den ich zwischen 80-140 mg/dl festgelegt habe. Das ist quasi so wie bei Stoffwechselgesunden.
    Diese Ergebnisse sind für mich so unglaublich, dass ich absolut ernsthaft überlege, mir diese Ernährungsform dauerhaft zu eigen zu machen.

    Es erfordert ein gehöriges Umdenken und es macht auch etwas mehr Arbeit, weil unsere Gesellschaft einfach auf KH-Konsum gepolt ist. Ausserdem muss man sich daran gewöhnen, dass alle Welt versucht einen von dieser “ungesunden” Ernährung abzubringen.

    Nun bin ich noch auf die Laborwerte beim nächsten Quartalstermin gespannt. Da aber alles darauf hinweist, dass durch diese Art der Ernährung diesbezüglich eher ein Verbesserung zu erwarten ist, sehe ich dem ganz gelassen entgegen.

    LG Stefan

    1. Hi Stefan, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und herzlichen Glückwunsch zu deinem tollen Erfolg! Mich würde interessieren, wie dein Diabetologe deine Ernährungsform bewertet – viele sind da ja eher skeptisch, wenn man die KH drastisch runterfahren will. LG Antje

    2. Hi Antje,
      also ich glaube ich habe mit meiner Diabetologin echt Glück. Sie ist da absolut offen. Aber was soll sie auch sagen. Die Doku aus Pumpenprotokoll und CGMS hat für sich gesprochen und war absolut überzeugend. Aus ihrer Sicht gibt es an der Therapie nichts Wesentliches mehr zu verbessern. Insofern soll ich mich ruhig weiter an diese Ernährung halten, wenn ich damit gut klarkomme.
      LG Stefan

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