Diabetes zu zweit

Carolin und Janis – beide Typ-1-Diabetiker und ineinander verliebt. Wie das Leben zu „viert“ ist und welche Vor- und Nachteile die Beziehung mit einem Diabetiker hat, erzählt sie euch heute.

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Seit meiner Jugend bin ich Typ-1-Diabetikerin und habe mich nie wirklich allein gefühlt. Meine Familie, meine Freundin und die DeDoc waren immer für mich da und haben mich auch in Sachen Diabetes immer unterstützt. Als ich im Sommer 2014 dann jedoch beim Camp D teilgenommen habe, einem großen Camp für junge Erwachsene mit Diabetes, war ich hin und weg. Plötzlich merkte ich: Mit anderen Diabetikern zusammen zu sein, den Diabetes noch mehr als Nebensache betrachten zu können und einfach immer auf Verständnis zu stoßen, ist Gold wert!

Und nicht zum ersten Mal machte ich mir Gedanken darüber, wie eine „zuckersüße“ Partnerschaft wohl aussehen würde. Ich hatte viel von anderen Diabetikern gelesen, deren gesunde Partner sie mit wenig Verständnis bedachten, wenn es um das Thema Diabetes ging.
Auch ich hatte teilweise ähnliche Erfahrungen in früheren Beziehungen gemacht. Die Unsicherheit ist wohl oft einfach sehr groß – egal, wie sehr man sich bemüht, Hypogefühle, Zukunftsängste und Hyperkater irgendwie zu verstehen.

Unsere Geschichte

Und während ich mir so Gedanken darüber machte (längst wieder zu Hause), klickte ich mich durch einen Beitrag in einer Diabetiker-Facebookgruppe, die zwei Freunde und ich gegründet hatten. Mir sprangen ein paar Zeilen über das Zentrum für jugendliche Diabetiker ins Auge und meine Neugier war geweckt. Ich schrieb den Verfasser an und erkannte: Wir waren uns bereits beim Camp begegnet.

Stunden verbrachte ich in diesem Sommer damit, bis in die Nacht auf der Terrasse zu sitzen und mit Janis zu schreiben. Mir eröffnete sich eine neue Welt. Ich war begeistert von der Diabeteseinrichtung, in der er lebte, und noch viel mehr faszinierte mich der Gedanke, dass so viele Diabetiker auf einem Haufen wohnten. Wenige Wochen später besuchte ich ihn im 300 km entfernten Lüdenscheid – und seitdem trennten uns nur wenige Ausnahmen voneinander.

Das Leben zu „viert“

Leser, die Janis’ Berichte über das Zentrum für jugendliche Diabetiker hier verfolgen, wissen, dass er nicht immer vorbildlich mit seinem Diabetes umging. In seiner Jugend hatte er den Diabetes ignoriert und auch bis kurz vor dem Zeitpunkt, als wir uns kennenlernten, verfiel er immer wieder Mal in alte Muster. (Hier geht’s zu Teil #1  (Die Rettung vor dem “Selbstmord auf Raten”), #2 (Die erste Begegnung#3 (Das Leben im Zentrum für jugendliche Diabetiker) und #4 von Janis’ Serie.)

Ich selbst hatte nie derartige Schwierigkeiten gehabt und für mich stand fest: Entweder wir ziehen zusammen an einem Strang oder wir werden keine Zukunft haben. Und so gaben wir uns das Versprechen, uns immer um unseren Diabetes zu kümmern und bei Ängsten, Zweifeln oder Kein-Bock-Phasen immer ehrlich zueinander zu sein – das funktioniert übrigens bis heute; sonst hätten wir wohl täglich Streit. Zugegebenermaßen: Ab und an müssen wir uns gegenseitig in den Hintern treten – doch genau das macht das Leben mit Diabetes manchmal ganz einfach.

Es ist Alltag bei uns, dass wir zusammen kochen und die BE-Mengen unserer Mahlzeiten gemeinsam schätzen. Dass wir zusammen Neues ausprobieren, um gegen entzündete Katheterstellen oder die Hypoglykämie beim Sport anzugehen. Und dass wir uns selbstverständlich die Nächte um die Ohren schlagen, wenn der andere gerade gegen Ketone kämpft und es unmöglich ist, dass er allein wach bleibt, um literweise Wasser in sich hineinzukippen.

Diabeteskram mal zwei – auch das gehört dazu

In unserer Stammapotheke freuen sich die PTAs jedes Mal, wenn sie uns unser Insulin in die Hand drücken. „Hach, das ist doch irgendwie schön. Und so praktisch. Sie haben sich ja sogar mit dem Insulin angeglichen“, haben wir bei unserem letzten Besuch zu hören bekommen.
Stimmt – praktisch ist es schon, wenn beide exakt den gleichen Diabeteskram benutzen. Denn natürlich tragen wir auch beide eine Pumpe der gleichen Firma 😉

Andererseits ist genau das auch ein Problem: Jeder, der schon einmal mit einem Diabetiker verreist ist oder selbst versucht hat, seinen gesamten Bedarf für 2 Wochen in einen Koffer zu quetschen und dabei auf nichts Urlaubsrelevantes zu verzichten, der weiß, was das für eine logistische Meisterleistung werden kann. Jetzt nehmen wir das Ganze mal zwei. Das Resultat? Richtig! Ein Berg von Diabetesbedarf, der zwangsläufig ein ums andere Mal eine ganze Reisetasche sein Eigen nennen darf.

Und auch zu Hause haben wir mittlerweile eine Rümpel-Ecke, in der hübsch in braune Kartons verpackt der Diabeteskram lagert, der nicht mehr in die vier Schubladen, drei Boxen, zwei Fächer und den Schuhkarton unterm Bett gepasst hat. Nicht zu vergessen natürlich die beiden Fächer und die Notfallbox im Schlafzimmer, die randvoll mit Hypohelfern sind.

Ach ja: Und wo zwei Diabetiker leben, fliegen natürlich auch doppelt so viele Teststreifen überall rum. Letztens wunderten sich meine Eltern tatsächlich, weshalb wir im Monat doppelt so viele gelbe Säcke verbrauchen wie sie. Nun ja… Ich denke ein Bild sagt hier mehr als tausend Worte 😉

Diabetes zu zweit

Der Partner als Fels in der Brandung und bester Diabetesfreund

Natürlich überwiegen trotzdem die schönen Seiten. In den ersten Wochen unseres Kennenlernens hatten wir gefühlt nur ein Thema: Diabetes. Es ist aufregend zu sehen, wie ein anderer Diabetiker seinen Alltag so bestreitet. Und plötzlich ist es noch viel weniger merkwürdig, am Tisch zu messen, sich über einen Wert zu ärgern oder schmatzend und sabbernd von seinem Schokomüsli-Apfelmus-Wurstbrot-Traubenzucker-Hypohelfermix aufzublicken, wenn die bessere Hälfte schlaftrunken in die Küche taumelt und fragt „Wie viel hast du?“, während er dir das Saftpäckchen öffnet, das du mit zitternden Hypo-Fingern nicht aufbekommst.

Und natürlich gibt es keine komischen Blicke oder genervten Seufzer, wenn mitten in der Einkaufspassage der Katheter gewechselt werden muss oder man morgens völlig ineinander verheddert aufwacht, weil auch die Pumpen miteinander kuscheln wollten.

Ob im Krankenhaus als Unterstützung, unterwegs als Notreserve, wenn man sein Messgerät überall rumfliegen hat, nur nicht in der Handtasche, auf dem langen Weg zur gemeinsamen Diabetologin, als Fels in der Brandung in Krisenzeiten oder einfach als bester Diabetesfreund… Das Leben zu zweit in einem süßen Haushalt bringt Hilfe, Unterstützung und vor allem Verständnis mit sich.

Wir vier passen aufeinander auf

Natürlich tut es auch manchmal weh zu sehen, wenn der andere leidet, aber immerhin können wir gerade in solchen Momenten füreinander da sein. Es tut gut, sich nicht ständig erklären zu müssen und die kleinen und großen Hürden des Alltags zusammen meistern zu können. Das heißt natürlich nicht, dass es immer gut geht, wenn zwei Zuckerköpfe versuchen, ihre ständigen Begleiter zu zähmen. Genauso wenig heißt es, dass gesunde Partner nicht mindestens genauso verständnisvoll mit dem Diabetes umgehen können!
Aber manchmal, nachts, wenn es ganz still ist – da höre ich unsere beiden Diabetesmonster schnurrend umeinander kreisen und weiß: Heute Nacht bin ich sicher – denn wir vier passen aufeinander auf.

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