Ich werd’ nicht wach…

Wie es ist, Diabetes zu haben, versteht vermutlich niemand, der nicht selbst Diabetes hat, wirklich komplett. Wie es ist, nachts aus einer stundenlangen Hypoglykämie aufzuwachen, berichtet Tine sehr anschaulich. Viele werden es nachfühlen können…

Weiterlesen...

Langsam, nur sehr, sehr langsam, wache ich aus einem stundenlang andauernden Dämmerzustand auf. Richtig schlafen kann ich mit einer Hypoglykämie nämlich tatsächlich nicht. Es ist eher ein sehr unangenehmer, dämmriger Moment, der wirklich immer extrem lange anhält. Irgendwann schaltet sich mein Kopf aber ein und ich werde allmählich wach. Wirklich bewusst wahrnehmen kann ich das Zittern meines Körpers erst einmal nicht. Es ist eher so, als könnte ich meinen Körper zunächst gar nicht richtig spüren. Dann schleicht sich dieses zittrige Gefühl langsam ein. Es fühlt sich an, als würden überall an meinem Körper Ameisen krabbeln und kribbeln. Ich fühle mich schwer und schlapp und hilflos. Ich öffne die Augen und suche mit einer Hand nach meinem Messgerät, welches irgendwo neben dem Bett liegt. Aber ich kann mich nicht richtig orientieren, irgendwas funktioniert nicht richtig in meinem Gehirn.

Und dann realisiere ich nach und nach endlich: Ich habe eine Hypo.

CpzmMEiXgAEye86 Kopie

Sofort bin ich hellwach, zwar noch etwas langsam und sehr zittrig, aber hellwach und ganz klar mit meinen Gedanken. Bevor ich das Messgerät erwische, habe ich mit meinen Fingern schon die Capri-Sonne gefunden. Ich steche den Strohhalm durch und trinke die Capri-Sonne in Sekunden leer. Dann greife ich ganz zielstrebig zu meinem Messgerät und messe und siehe da: ich lag seit guten 5 Stunden schlafend mit einer Unterzuckerung im Bett. Es ist ungefähr 10 Uhr morgens an einem Sonntag und ich fühle mich, als hätte mich ein Laster überfahren. Also nehme ich schnell noch ein paar Plättchen Traubenzucker hinterher.

Dieses Gefühl können nur Menschen beschreiben, die eine Nacht mit Unterzuckerung bereits durchlebt haben. Ich habe schon oft Freunden oder der Familie versucht zu erklären, wie sich eine Unterzuckerung anfühlt. Ob sie es wirklich richtig nachfühlen können, wage ich zu bezweifeln. Genau so, wie niemand wirklich komplett verstehen kann, wie es ist, Diabetes zu haben, ohne selbst Diabetes zu haben. Das ist einfach etwas ganz anderes.

Irgendwann geht es mir wieder etwas besser und das ekelhafte Gefühl wird langsam weniger. Ich schaue mein Messgerät an, welches mich mal wieder nicht rechtzeitig geweckt hat, weil es eben einfach kein CGM-System ist. Natürlich bin ich dankbar, es zu haben. Es könnte alles schlimmer sein. Aber diese unerklärlichen nächtlichen Hypos werden wieder mehr, und ich hatte 2014 eigentlich gehofft, dass das nur eine kurze Phase war, und habe damals nicht weiter nachgeforscht, weil die Phase recht schnell auch wieder vorbei war.

Es geht also wieder von vorn los

Das ist das Ding am Diabetes: Man muss immer wieder von vorn beginnen mit seinen Forschungen. Es scheint gerade alles perfekt zu laufen, schleichen sich plötzlich nächtliche Unterzuckerungen ein, oder man kann keine 5 km mehr am Stück laufen, ohne zu unterzuckern und sich permanent Traubenzucker reinzustopfen. Alles schon durchgecheckt: Basal, Bolus, BE-Faktoren, Stress, Körper. Und trotzdem bleibt das Problem. Manchmal lassen sich Hypos sehr gut erklären. An anderen Tagen kommen sie, meistens zum ungünstigsten Zeitpunkt, und werfen einen komplett aus dem Alltag. Das kann man nur verstehen, wenn man sowas schon mal erlebt hat. Was einem dann übrig bleibt, ist essen, weiter forschen, nicht aufgeben. Auch wenn sich eine Hypo jedes Mal wieder anfühlt wie das Schlimmste der Welt.

10 Kommentare zu “Ich werd’ nicht wach…

  1. Ja, so ist es. Jedes Wort stimmt!!! Ich habe Hypo leider mehrmals erlebt… Das grösste Problem ist, dass man nicht wach wird… Möchte Dich fragen was für ein Messgerät Du hast? Mein Messgerät zeigt mir allein ‘momentane’ Werte. D.h. Werte, die ich zu bestimmtem Zeitpunkt messe. Wie lang ich Unterzuckerung hatte kann ich nicht einschätzen… Danke Dir für die Antwort.

    1. Hallo Martina, Du hast den Zustand sehr anschaulich beschrieben und man kann Nicht-Diabetiker nicht beschreiben, wie es sich anfühlt. Ein Fehler ist in Deiner Beschreibung die auch Maria irritiert hat, Du kannst nicht 5 Stunden Uz haben das Gerät Freestyle Libre kann es Dir gar nicht anzeigen, da Du geschlafen und nicht getestet hast. Viel Erfolg bei Deiner Anpassung Du von weiteren Uz in der Nacht verschont bleibst.

    2. @CARTEN: Martina kann anhand der Daten des Freestyle sehr wohl sehen wie lange sie im Unterzucker war : Das Gerät zeichnet selbstständig bis zu acht Stunden lang die BZ Werte auf die es misst, auch ohne eine persönliche Messung.
      @MARTINA : arbeitest du auch mit dem online Programm des FreeStyle? Im Tagesprofil kann man damit sehr gut sehen wann genau die kritischen Stunden bei dir sind. Anhand dieser Daten kann dir dein Facharzt vielleicht auch sehr gut weiter helfen. Achtest du darauf abends langkettige KH zu dir zu nehmen die nicht so schnell den BZ ansteigen lassen? Das hilft auch gut um eine UZ zu vermeiden. Ich wünsche dir viel Glück ..

  2. Meistens werde ich nicht wach. Ich bin nur total verschwitzt und sehe an den Nüchternwerten, dass nachts ein UZ gewesen ist.
    Nur bei Werten unter 60 werde ich wach, bin desorientiert und muss schleunigst Traubenzucker einwerfen.
    Die Konsequenzen am Folgetag sind sehr schön beschrieben. In den meisten Fällen sind UZen nicht nachvollziehbar.

  3. Exakte Schilderung von Martina. Gestern morgen war auch ich fast wie gelähmt bei einer Hypo, konnte mich nur mit Mühe im Bett hinsetzen, um dann die irre lange Hypo zu erleiden. Und das passiert mir, obwohl ich fast 60 Jahre Erfahrung mit Typ 1 habe.
    Ja, die nächtlichen Hypos sind (unbemerkt) wahrscheinlich sogar häufiger als diejenigen am Tage. Bei relativ “guten” Werten in der Nacht vor dem Zubettgehen kann es am nächsten Morgen trotz korrekter Gabe von Basalinsulin zu hohen und unerklärlichen Nüchternwerten kommen. Dann hat der eigene Korrekturmechanismus nachts die Unterzuckerung bekämpft und ins Gegenteil verwandelt. Meine Empfehlungen:
    1) vorm ins-Bett-Gehen noch eine Kleinigkeit essen,
    2) kein Korrektur-Insulin bei höheren Werten,
    3) immer zwei Wecker mit verschiedenen Weckzeiten, vielleicht auch einen Radiowecker nutzen,
    4) Traubenzuckerplättchen auf dem Nachttisch parat halten.

  4. Nach knapp 60 Jahren als Typ 1-Diabetiker kann ich Martinas Erzählung über die Hypo nur voll und ganz bestätigen. Kürzlich am Morgen: endlos lange Minuten auf der Bettkante mit schwerer Hypo, bewegungsunfähig, erst dann Traubenzucker und Messung (30). Deshalb dringender Rat:
    1) Vorm Schlafengehen immer noch eine Kleinigkeit essen,
    2) kein Korrekturinsulin bei höheren Werten,
    3) immer zwei Wecker (eventuell Radiowecker) mit verschiedenen Weckzeiten nutzen,
    4) Traubenzuckerplättchen parat legen.

  5. Du hast es perfekt beschrieben, Martina. 😉 ich habe den Libre jetzt seit ein paar Wochen und bin total happy,das lästige Stupfen los zu sein. Bin nämlich seit fast 35 Jahren “zuckersüß“ und empfinde das Gerät als enorme Erleichterung.

  6. Ja das kenne ich auch gut,man wird langsam wach.
    Bei mir ist es dann so das ich sowohl mich als auch das Bett auswringen kann.
    Alles dreht sich und man tastet erstmal nach was Süßem damit der BZ wieder hoch kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.