Wie es durch die Erkrankung zur Heilung kam

Bilge gönnte sich und ihrem Körper keine Pause. Sie wollte erfolgreich sein und alles schaffen, was sie sich vornahm. Dass der Weg zum Erfolg aber ganz anders aussah, erkannte sie erst durch ihren Diabetes.

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Es ist schon 4:00 Uhr morgens, ich habe die ganze Nacht durch gelernt. Noch zwei Stunden, bis die Schule wieder anfängt, das bedeutet noch zwei weitere Stunden zum Lernen. Wann ich wohl wieder schlafen kann? Nach der Schule bestimmt nicht, denn ich muss doch noch ins Krankenhaus und dort für eine Kollegin einspringen. Vielleicht darf ich dann nach der 8-Stunden-Schicht endlich schlafen gehen? Ach, ich vergaß, heute ist Cardiotraining angesagt, ich muss ja noch meine 15 km schaffen.

Für Freunde habe ich keine Zeit und meine Familie will ich im Moment auch nicht sehen. Ich will und muss erfolgreich sein. Das ist das, was mich glücklich macht, das ist das, was mich erfüllt. Das ist das Wichtigste für mich und ich bin bereit, alles aufs Spiel zu setzen. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Gesundheit aufs Spiel setzen würde.

Ich war nur noch eine Maschine

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Den Schlaf sah ich als eine lästige Problematik an und überlegte mir, wie produktiver man doch wäre, wenn man den lästigen Schlaf gar nicht mehr hätte. So ging ich eines Tages zu einem Arzt, von dem ich gehört hatte, er könne mir weiterhelfen, und schilderte ihm meine Problematik, mehr geben zu wollen, aber nicht zu können und so „unkonzentriert“ zu sein.

Er verschrieb mir Methylphenidat, welches ein Arzneistoff mit stimulierender Wirkung aus der Gruppe der Phenylethylamine ist. Es wird zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und auch bei Narkolepsie eingesetzt und steht unter dem Betäubungsmittelschutzgesetz.

Eine Tablette pro Tag auf der Zunge zergehen lassen. Das habe ich auch gemacht. Ein wundervolles Gefühl. 12 Stunden konnte ich durchlernen, arbeiten gehen oder Sport treiben ohne jegliche Müdigkeitserscheinungen. Später nahm ich eine Tablette bei jeder Müdigkeitserscheinung. Bis zu 12 am Tag waren es ab und an.

Menschen, die besorgt um mich waren, schrieb ich ab. Denn sie waren doch nur eifersüchtig, wie viel ich doch leisten konnte. Sie wollen mich doch nur stoppen, dachte ich.

Sonntag am Frühstückstisch mit dem Essen im Mund einzuschlafen, war kein seltenes Bild für meine Familie. Das habe ich auch nur ihnen zuliebe gemacht, denn am Tisch mit meiner Familie zu essen, raubt mir ja die Zeit, in der ich Sport treiben könnte, lernen könnte oder aber arbeiten und Geld verdienen könnte.

Geschlafen habe ich in Bussen und Zügen für höchstens 30 Minuten auf dem Weg zur Schule. Das hat mir gereicht und den Rest des Tages war ich produktiv. Ich bin schon immer gelaufen und in meinem ersten Marathon kam es zu einer Ermüdungsfraktur meines rechten Fußes.

Ratet mal – ich lief weiter. Das Gefühl aufzuhören war schlimmer für mich als der Schmerz, den ich verspürt habe. Mit einem gebrochenen Fuß habe ich das Ziel erreicht und ich war stolz drauf. Eine Woche nach dem Marathon bin ich sogar nochmals 15 km gelaufen. Doch dann waren die Schmerzen so unerträglich, dass ich zum Arzt bin. Laufverbot. Ich schaute ihn an und verließ die Praxis, ohne ein Wort zu verlieren. Was mache ich jetzt? Nun fing ich an, schwimmen zu gehen. Von einer Fraktur ließ ich (!) mich nicht abhalten.

Ich habe immer mehr gemacht, als von mir erwartet wurde

Das Licht war immer an in meinem Zimmer und morgens, als ich aus meinem Zimmer kam, fragte man mich, ob ich denn die ganze Nacht wach war. Um mir nichts anhören zu müssen, log ich sie an und sagte nein, natürlich habe ich geschlafen.

Mein Vater brachte mir von klein auf bei, diszipliniert zu sein. Fahrradstrecken vom Bodensee bis zur österreichischen Pfänder hoch mit 6 Jahren waren an Wochenenden keine Seltenheit. Faulheit ist eine Krankheit, sagte er immer. Wir haben uns, seit ich erinnern kann, nur gesund ernährt, Süßigkeiten waren ein Tabu und an meinen Geburtstagen in der Schule gab es für jedes Kind einen Apfel statt eines Stücks Kuchen. Die Reaktionen könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Ich habe mich für den Bund beworben und wollte dort Medizin studieren. Wie toll es doch wäre, eine Soldatinnenausbildung zu absolvieren und nebenbei Medizin zu studieren.

Sie wollten mich. 17 Jahre sollte ich mich verpflichten und ich war bereit dazu, denn das war alles, was ich wollte. Ich wusste ganz genau, dass ich es zu etwas bringen werde, denn nichts konnte mich aufhalten.

Doch es kam ganz anders

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Nach nur zwei Wochen der mehr oder weniger mündlichen Zusage des Bunds bin ich bei einem 20-km-Lauf in Ohnmacht gefallen. Im Krankenhaus sagte man mir, dass der Verdacht auf Diabetes besteht. Ich und Diabetes? Das darf nicht sein.

Die Ärzte in diesem Krankenhaus waren in dem Moment keine Hilfe für mich. Denn ich kann keinen Diabetes bekommen, nicht ich! Ich bin doch gesund, ich habe mich doch immer gesund ernährt. Ich habe keinen Diabetes. Meine Eltern haben mich von einem Krankenhaus ins nächste geschleift, um dort immer wieder dieselbe Diagnose hören zu müssen. Eine Welt brach für mich zusammen. Der Bund teilte mir mit, dass die Aufnahme mit dieser Diagnose nicht möglich sei und mein Einser-Schnitt ging den Bach hinunter.

Die Note eins im Fach Deutsch und die Bekanntgabe, dass ich im Landtagswettbewerb in Baden-Württemberg den zweiten Platz mit einer Kurzgeschichte gemacht habe, interessierten mich plötzlich gar nicht. Ich lag im Krankenhaus. Nein, ich habe diese Krankheit nicht und wenn schon, dann mache ich eben so weiter wie bisher und muss mich einfach nur spritzen, der Diabetes hält mich doch nicht auf, mich hält nichts auf.

Es ging nicht! Ich wurde immer schlechter in der Schule, denn ich hatte meinen Blutzucker noch nicht im Griff, da ich ja raus aus dem Krankenhaus wollte, mit der Begründung, dass ich ja lernen müsse. So hatte ich mit schwankenden Blutzuckerwerten zu kämpfen, je mehr ich meinen Körper stresste, umso schlimmer war der Verlauf meines Blutzuckers.

Meine volle kognitive Leistung konnte ich in Klausuren nicht erbringen, denn bei einer Unterzuckerung, konnte ich Antworten, die ich vorher wusste, gar nicht mehr aufs Blatt bringen, geschweige denn den Stift halten.

Ich hatte doch die ganze Nacht für diesen Test gelernt? Für eine Frau, die vorher 42 km laufen konnte, war es schrecklich für mich, gerade mal 5 km zu schaffen. Wo ist nun meine Kondition hin? Ich kniete mich im Regen mitten im Wald auf den Boden. Beschämt über mich selber, dass ich nicht einmal 5 km laufen konnte. Ich flehte Gott an, mich zu heilen. Mit aller Gewalt zwang ich meinen Körper mitzuhalten, ohne Erfolg.

Einen Arzt nach dem anderen habe ich gewechselt, weil alle mir sagten, dass es o.k. ist, etwas nicht mehr machen zu können und schwach zu sein. Ich war außer mir und dachte mir, dass es o.k. für sie selber wäre, aber eben nicht für mich, ich (!) bin nicht schwach, ich bin stark. Einen nach dem anderen habe ich gewechselt, bis einer mir sagte, dass ich alles machen kann und alles schaffen kann. Doch was ich tun muss, ist, mit meinem Körper zusammenzuarbeiten. Ich nahm die verschriebenen „Drogen“ nicht mehr, um mich wach zu halten. Meine alte Strategie hatte nämlich keinen Wert und ich dachte abends im Bett über das nach, was mein neuer Arzt mir gesagt hat.

Arbeite mit deinem Körper zusammen

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Was dann geschah, war unglaublich, so viel, wie ich in der Zeit über meinen Körper gelernt habe, ist unvorstellbar. Ich ließ keine Mahlzeiten mehr aus und aß, wenn ich essen musste. Ich schlief, wenn ich schlafen musste, und das mindestens 8 Stunden täglich. Was braucht mein Körper, um mich dahin zu bringen, wohin ich möchte?

Ich achtete auf eine gute Blutzuckereinstellung, um im Sport meine Höchstleistung erbringen zu können und in Tests konzentriert zu sein. Mir ist aufgefallen, dass der Diabetes die Struktur liebt, also habe ich angefangen zu planen und wurde produktiver, als ich es vor der Diagnose war.

Denn nun musste ich planen, wann ich Sport treiben wollte. Die Insulineinheiten müssen ja gekürzt werden, sonst kann ich auf Grund eines Unterzuckers nicht weitermachen. Schlaflosigkeit und Stress wirken sich genauso auf den Blutzucker und auf mein Wohlbefinden aus. Darauf dürfte ich nun nicht mehr verzichten, denn ohne eine gute Einstellung kann ich meine Ziele vergessen.

In meinem Abschlussjahr nach der Diagnose war ich ganze 40 Tage in der Schule, meinen Einser-Schnitt konnte ich vergessen, da ich in der Zeit mit meinem Körper beschäftigt war. Habe mein Abitur zum Erstaunen der ganzen Schule aber trotzdem geschafft und bin wieder einen Marathon ohne Probleme gelaufen. Zwar war die Zeit nicht grandios, aber ich werde meinem Körper die Zeit geben und habe sie ihm gegeben, diese Leistung wieder zu erbringen und das gesund von innen wie von außen. Ich fühle mich gesünder als vor der Diagnose, ich fühle mich stärker als vor der Diagnose.

Und mein Körper? Ist nun mein bester Freund. Keiner sagt, dass du das Unmögliche nicht schaffen kannst, aber vergiss nicht, mit deinem Körper zusammenzuarbeiten, ohne ihn schaffst du es nämlich nicht. Zum Erfolg gehören eine gesunde Menge an Schlaf, richtiges Essen und Erholung. Das ist mein Rat an dich, hör auf deinen Körper und du wirst erfolgreicher, produktiver und glücklicher, als wenn du seine Bedürfnisse ignorierst.

„Du kannst den Mount Everest besteigen“

Ich musste daran glauben und einen hohen Preis bezahlen.

Du kannst den Mount Everest besteigen, du kannst im Job aufsteigen, ohne dich zu überarbeiten. Wenn du nur deine Zeit richtig einsetzt und mit deinem Körper zusammenarbeitest, deine Prioritäten änderst und deine Gesundheit an erste Stelle stellst. Denn ohne sie wirst du es nicht weit bringen, das versichere ich dir.

Jedes Mal, wenn ich in meine alten Gewohnheiten wieder hineinrutschen will, erinnert mich mein Diabetes daran und ich wache wieder auf. Dein Körper kann sich an dir rächen, aber auch so viel geben, wenn du nur mit ihm arbeitest. Du wirst stärker, produktiver, mental fokussierter und vor allem glücklicher.

Es dauert zwar nun länger, aber dafür fühle ich mich zum ersten Mal fit, gesund und stark.

Um meine Ziele zu erreichen, gehe ich nun ganz andere Wege.

Deswegen hat mich meine Erkrankung geheilt, und wenn ich bedenke, dass ich mich noch 17 Jahre hätte beim Bund fast verpflichten lassen, hat sie mich auch gerettet.

 

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4 Kommentare zu “Wie es durch die Erkrankung zur Heilung kam

    1. Danke Sandra. Dadurch kann man auch viel mehr im Leben erreichen. Wenn man “smarter arbeitet” statt härter 🙂

    1. Danke Susanne. Ich habe lange überlegt, ob ich es veröffentlichen möchte und habe mich dafür entschieden. Wir müssen mehr mit unserem Körper zusammenarbeiten und auf ihn hören.
      Nicht anders 🙂

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