Arbeitssuche mit Diabetes

Annikas Suche nach einem Ausbildungsplatz läuft beschwerlich: Trotz vieler Vorstellungsgespräche und Termine zum Probearbeiten bekommt sie immer wieder Absagen. Sie erzählt ihren Eindruck, welche Rolle der Diabetes dabei spielt.

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Einen Job zu finden, ist nicht immer einfach und ich habe das Gefühl, mit Diabetes erst recht nicht.

Letztes Jahr habe ich mich auf so viele Stellen beworben, hatte einige Bewerbungsgespräche und auch öfter mal ein Probearbeiten.

Dennoch habe ich keine einzige Ausbildungsstelle bekommen.

Meine Bewerbungen sind laut Arbeitsamt gut, mein Aussehen gepflegt und mein Benehmen, meinen Charakter finde ich angemessen und in Ordnung (Oh Gott, klingt das egoistisch, aber das sind nicht nur meine Worte :D!). Woran könnte es also liegen?

Quelle: pixabay / privat

Die Bewerbung

Ein Unternehmen googelt die Menschen, die es einstellen möchte, vorerst. Wenn man eine Absage bekommt, kann es also daran liegen, dass man sich obszön im World Wide Web gibt, dass man Fotos vom Partymachen gepostet hat oder eventuell einen Blog schreibt. Vielleicht bin ich einfach zu öffentlich? Vielleicht liegt es daran, dass mein Blog ein Diabetesblog ist? Und viele immer noch nicht genau wissen, was Diabetes (Typ 1) genau ist. Ich bin schon vielen Menschen begegnet und vor allem Klassenkameraden und Kollegen gehen oft sehr anders mit einem um, nur weil man Diabetes hat. Da wird man gehänselt, weil die Menschen nicht wissen, wie man damit umgehen soll. Schlichtweg gesagt, sie haben ein wenig Angst, was das Ganze bedeutet. Vor allem Mitschüler bewältigen diese Angst, indem sie den Menschen mit der Krankheit, in dem Fall mich, niedermachen. Oder man wird vom Kuchen- und Kekseessen ausgeschlossen, weil die Kollegen ja wissen, „man hat Zucker“.

Es muss nicht jede Bewerbung auf diesen Gründen basierend abgesagt werden. Manchmal haben sie auch einfach keinen Platz mehr, bilden das Jahr nicht aus oder man ist einfach zu spät.

Quelle: pixabay

Das Bewerbungsgespräch

Wenn die Bewerbung angenommen wurde, folgt meist ein Bewerbungsgespräch. Ich habe immer den Vorsatz: Solange keiner fragt, ob ich einen (Schwer-)Behindertenausweis besitze oder ob ich Diabetes habe (könnten die Unternehmen ja durch Google wissen), sage ich davon auch nichts. Wenn gefragt wird, versuche ich, die Vorteile eines Behindertenausweises zu untermalen.

Wusstet Ihr zum Beispiel, dass ein Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern 5% Behinderte beschäftigen muss? Ansonsten muss das Unternehmen „Strafe“ zahlen.

Meiner Meinung nach sind wir Diabetiker mit Behindertenausweis perfekt dafür geeignet. Gut eingestellt (in der Diabetes-Therapie), sind wir ja genauso arbeitsfähig wie jeder andere auch. Somit eigentlich gar keine Belastung für ein Unternehmen. Und dennoch zahlen die meisten Unternehmen lieber diese Strafe…

Wird im Bewerbungsgespräch zum Beispiel meine Insulinpumpe gesehen und gefragt, was das ist, bin ich lieber ganz ehrlich und erzähle dann, dass das kein Pieper von der Feuerwehr oder kein MP3-Player, sondern eine Insulinpumpe ist. Was bringt es mir zu lügen?

Auch hier kann man dennoch Absagen wegen anderer Gründe bekommen. Zum Beispiel war vielleicht die Kleidung nicht gut gewählt, das Aussehen nicht gepflegt oder die Artikulation nicht die richtige. Manchmal hängt es auch einfach nur von der Sympathie des Gegenübers ab.

Quelle: pixabay

Das Probearbeiten

Wenn alles stimmt, wird man eventuell noch zu einem Probearbeiten eingeladen. Ich persönlich bin dabei immer sehr aufgeregt. Ich erkläre am Anfang des Arbeitens, dass ich Diabetes habe, dass ich zwischendurch mal messen muss (oder im Falle eines CGM/FGM aufs Handy gucken muss).

Bei mir läuft es dann fast immer gleich ab. Ich messe zwischendurch schnell, gegebenenfalls spritze oder esse ich kurz etwas, verknüpfe das Ganze mit einer kurzen Trinkpause und arbeite dann weiter. Es dauert viel weniger als eine Zigarettenpause und dennoch hatte ich immer wieder das Gefühl, die anderen Mitarbeiter stört das. Meine Pumpe ist verdeckt, mein CGM ist verdeckt, mein Diabetes-Tattoo ist verdeckt. Andere laufen „schlimmer“ rum und dennoch habe ich schon von vielen Diabetikern gehört, dass sie das Gefühl haben, dass sie den Job, den Ausbildungsplatz etc. wegen des Diabetes nicht bekommen haben.

Ich glaube, schuld sind unter anderem die Vorurteile, die viele haben. Diabetes sei nur eine Krankheit. Ist mit Tabletten, Sport und Zimt heilbar. Es ist ja nur Diabetes. Oder eben „ganz, ganz schlimmer Zucker“.

Dass Diabetes nicht nur Diabetes ist, wissen wir alle. Ob Typ 1 oder 2. Dass man da aber supergut mit leben kann, wenn man die Krankheit akzeptiert und gut eingestellt ist, wissen die wenigsten Nicht-Diabetiker.

Natürlich kann es noch 1000 andere Gründe geben, warum man als Arbeitssuchender nicht genommen wird! Aber sollte es am Diabetes liegen, egal welchen Typ man hat, sollten wir dringend für Aufklärung sorgen. Denn wir sind genauso gut, ab und zu sogar besser als „normale“ Menschen.

Ein Kommentar zu “Arbeitssuche mit Diabetes

  1. Liebe Annika,

    Du hast Recht mit Deiner These, dass man offen oder subtil in eine Nische gedrängt wird als Mensch mit Diabetes, ob am Arbeitsplatz oder auch privat.
    Keiner gibt es offen zu, es wäre ja politisch unkorrekt, einen Menschen mit Diabetes zu diskriminieren, aber es entspricht der Realität. Nach nunmehr 44 Jahren mit Typ 1 Diabetes könnte ich aus einem reichen Erfahrungsschatz berichten, der mich oft an den Rand der Verzweiflung gebracht hat. Aber ich habe auch viele erfreuliche Dinge erlebt, die es nicht zu vergessen gilt. Wichtig: lasse Dich nicht entmutigen, auch wenn so manches schwieriger ist mit Diabetes. Nach dem Motto: der liebe Gott hat diejenigen, die er besonders liebt, mit einer Bürde ausgestattet, die sie zu tragen haben im Leben. Es lohnt sich, dran zu bleiben und weiter zu machen und positiv zu bleiben und zu denken.

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