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„Zeit im Zielbereich“ statt HbA1c-Wert: Was internationale Experten raten

Ein HbA1c von unter 7 Prozent galt lange als Maßstab für ein gutes Diabetesmanagement. Doch wer ein System zur kontinuierlichen Glukosemessung nutzt, interessiert sich mittlerweile mehr dafür, wie viel Zeit er im Glukose-Zielbereich verbringt. Nun haben sich internationale Experten endlich auf Empfehlungen für den Zielbereich von Glukosewerten bei Menschen mit Typ-1-Diabetes verständigt.

Wer in den sozialen Medien in Diabetes-Gruppen unterwegs ist oder den entsprechenden Hashtags folgt, der kennt diese Beiträge: Posts, in denen jemand nach dem Quartalsbesuch beim Diadoc seinen aktuellen HbA1c-Wert mitteilt, gefolgt von unzähligen Kommentaren. Ist der Wert eher hoch, sind es entweder mehr oder weniger zartfühlende Mahnungen vor Folgeerkrankungen oder solidarische Beileidsbekundungen wie: „Mein letzter Wert war auch so hoch, jetzt habe ich den Zucker zum Glück wieder besser im Griff – du schaffst das, Kopf hoch!“ Je niedriger das HbA1c, desto häufiger schreiben die Kommentarschreiber Sätze wie: „Hauptsache nicht mit Hypos erkauft!“ oder „Bei einem HbA1c von 5,6% wäre ich permanent unterzuckert!“

 

HbA1c sagt nichts über die Schwankungsbreite der Glukosewerte aus

Dabei ist das HbA1c nur ein grober Anhaltspunkt dafür, ob wir in den vergangenen zwei bis drei Monaten in Sachen Diabetes einen guten Job gemacht haben oder nicht. Denn schließlich sagt der Anteil verzuckerter roter Blutfarbstoffe nur etwas darüber aus, welchen durchschnittlichen Blutzuckerwert man in letzter Zeit hatte – nicht aber, welche Schwankungsbreite die Werte hatten. Ein HbA1c von 7,0 Prozent etwa entspricht einem durchschnittlichen Blutzuckerwert von 147 mg/dl (8,2 mmol/l). Das ist nur dann ein erfreuliches Ergebnis, wenn die Werte nie allzu stark von diesem Durchschnitt abweichen. Schwanken sie allerdings wild zwischen 28 mg/dl (1,6 mmol/l) und 430 mg/dl (23,9 mmol/l) hin und her, ohne jemals in der Mitte Halt zu machen, dann kommt als Durchschnitt möglicherweise ebenfalls ein akzeptables HbA1c heraus – doch damit kann niemand ernstlich zufrieden sein.

Ähnlicher Durchschnittswert, aber die linke Kurve gefällt mir trotzdem viel besser!

 

Zeit im Zielbereich: der neue Marker für ein gutes Diabetesmanagement

Seit immer mehr Menschen mit Diabetes Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) nutzen, ist ein neuer Wert auf den Plan getreten: „Zeit im Zielbereich“ oder auf Englisch „Time in Range“ (TIR). Man findet ihn in den Smartphone-Apps oder Software-Auswertungen aller CGM-Systeme, und er gibt an, wie viel Prozent der Zeit sich die gemessenen Glukosewerte in den vergangenen Tagen, Wochen oder Monaten innerhalb eines zuvor definierten Bereichs befunden haben. Den Zielbereich kann man als Nutzer – ggf. mit Hilfe des Diabetesteams – selbst am CGM-Gerät einstellen. Doch da wird es dann schon wieder kniffelig: Was ist denn ein sinnvoller Glukose-Zielbereich?

Warum setzen sich manche einen so engen Zielbereich wie 90-120 mg/dl (5,0-6,7 mmol/l)?

Auch dieses Thema wird in den einschlägigen Facebook-Gruppen mittlerweile häufig diskutiert. Und zwar immer dann, wenn ein Gruppenmitglied mal wieder ein Torten- oder Balkendiagramm mit seinem persönlichen Ergebnis postet. Der Verlauf dieser Diskussionen ist ziemlich gut vorhersehbar. Erst teilt jemand ein Bild, aus dem hervorgeht, dass seine Glukosewerte z. B. in den vergangenen zwei Wochen zu 85 Prozent der Zeit im Zielbereich lagen, bezogen auf seinen Zielbereich von 90–160 mg/dl (5,0-8,9 mmol/l). Es dauert meist nicht lang, dann trudeln die ersten Kommentare ein. Glückwünsche, Daumen hoch, aber auch Neid: „Wie schaffst du das bloß? Ich komme nie über 55 Prozent!“ Und dann, so sicher wie das Amen in der Kirche, auch Kommentare à la: „Kunststück, bei dem breit gefassten Zielbereich kann das doch jeder! Mein Zielbereich liegt bei 90-120 mg/dl (5,0-6,7 mmol/l)!“ Ich kann bei solchen Diskussionen nur den Kopf schütteln, denn ich verstehe den Ehrgeiz nicht, seine Glukosewerte auf Biegen und Brechen zwischen so engen Grenzen zu halten. Nicht einmal Stoffwechselgesunde haben durchgehend Glukosewerte in einem solch straffen Zielbereich! Warum sollte man sich selbst das Leben unnötig schwer machen, noch mehr kalkulieren als ohnehin schon, noch engmaschiger kontrollieren, noch rascher korrigieren?

Mit welchem Kurvenverlauf sollte man zufrieden sein?

Zum Glück haben sich vor einer Weile einmal ein paar internationale Diabetesexperten zusammengesetzt und darüber diskutiert, wie man CGM-Daten standardisiert auswerten kann und welchen Zielbereich man Menschen mit Typ-1-Diabetes, die zunehmend CGM-Systeme nutzen, als Ergänzung oder gar Ablösung für das gute alte HbA1c ans Herz legen sollte. Schließlich waren auch Diabetologen bislang noch eher unschlüssig, welche Schlüsse sie aus den umfangreichen CGM-Daten ziehen sollen: Mit was für einem Kurvenverlauf sollte man zufrieden sein, bei welchen Verläufen sollten sie stutzig werden?

Expertenrat: Mindestens 70% der Zeit im Zielbereich von 70-180 mg/dl (3,9-10,0 mmol/l)

Beim ATTD-Kongress in Wien im Februar 2018 wurde dann ein internationales Konsenspapier dazu verabschiedet. Und das sollten sich meiner Meinung nach ganz besonders auch die Leute mal zu Gemüte führen, die sich in den sozialen Medien mit absurd eng gesteckten Zielbereichen brüsten oder tolle Ergebnisse anderer schlechtreden, nur weil sie einen großzügigeren Zielbereich abgesteckt haben. Ganz allgemein empfehlen die Experten nämlich, einen Zielbereich von 70-180 mg/dl (3,9-10,0 mmol/l) einzustellen. Je nach Alter, Begleiterkrankungen und persönlichem Ehrgeiz kann dieser Zielbereich natürlich auch enger gefasst werden, damit meinen die Experten dann 70-140 mg/dl (3,9-7,8 mmol/l). Doch aus dem Konsens geht klar hervor: Wenn die Glukosewerte sich überwiegend (also mindestens 70 Prozent der Zeit) in diesem Bereich bewegen, dann ist der Diabetologe zufrieden.

Jede Minute ohne Nachdenken über den Diabetes ist unbelastete Lebenszeit

Mich hat dieses Konsenspapier enorm beruhigt. Meinen Zielbereich, den ich zuvor auf 80-160 mg/dl (4,4-8,9 mmol/l) eingestellt hatte, habe ich seither auf 70-180 mg/dl (3,9-10,0 mmol/l) angepasst. Denn zum einen habe ich wenig Lust, mir strengere und damit deutlich arbeitsaufwändigere Ziele zu setzen, als die Creme de la Creme internationaler Experten es für notwendig erachtet. Ich verbringe ohnehin schon viel Zeit am Tag damit, über meinen Diabetes sowie die nächsten notwendigen Berechnungen und Therapieschritte nachzudenken. Jede Minute, die ich nicht mit diesem Kram verbringe, ist für mich eine Minute mehr unbeschwerte Lebenszeit. Außerdem ist dieser neue, etwas großzügigere Zielbereich tatsächlich auch der Glukosebereich, außerhalb dessen ich meine Werte in der Regel mit einem Hypohelfer oder mit Insulin korrigiere – zumindest sofern nicht noch ein Bolus wirkt oder ich gleich eine intensive Sporteinheit vor mir habe. Es mag euch vielleicht albern vorkommen, aber wenn ich bei der Auswertung nun sehe, dass meine Glukosewerte statt zuvor etwa 80 Prozent nun in der Regel 90 Prozent der Zeit im Zielbereich sind, dann macht mich das noch einen Tick zufriedener. Und Zufriedenheit ist bekanntlich auch gut für stabile Glukosewerte.

Quelle: privat

Übrigens: Wer sich eingehender mit der Auswertung von CGM-Profilen und der Einstellung seines persönlichen Zielbereichs befassen möchte, dem kann ich die neue AGP-Fibel aus dem Kirchheim-Verlag empfehlen, wobei AGP für „ambulantes Glukoseprofil“ steht. In dieser Fibel lernt man, was man unter Begriffen wie „Median“, „Interquartil-Bereich“ und „Interdezil-Bereich“ versteht. Klingt komplizierter, als es ist – denn obwohl sich die Fibel vorrangig an Diabetologen bzw. Diabetesberaterinnen richtet, ist die Sprache durchaus auch für Menschen mit Diabetes verständlich. Die AGP-Fibel kann man hier im Online-Shop von Kirchheim bestellen.

5 Kommentare

  1. Liebe Antje, ein toller Artikel. Du sprichst mir aus dem Herzen! Danke! Ich habe meinen Zielbereich von Anfang der Librenutzung auf 100 – 180 gestellt, mein Wohlfühlbereich! Nach diesem Artikel kann ich für mich zufrieden sein und muss nicht an meinem Diabetesmanagement zweifeln.

  2. Hallo Antje, da der AGP eine feste Größe hat und dort nicht nur der Zielbereich fest steht, eignet er sich natürlich viel besser um Vergleiche anzustellen und eine Einstellung richtig zu bewerten.

    Wenn du meinen Artikel gelesen hast, weißt du, dass auch ich meinen Zielbereich sehr eng gesteckt habe. Der Grund dafür, ist jedoch nicht der, dass ich mich selbst knebeln möchte. Sondern der, das ich früher informiert werde weil der Gewebezucker hinterher hängt und auch das Insulin Zeit benötigt um zu wirken.
    Wer es noch nicht ausprobiert hat, kann es sicherlich nicht nachvollziehen. Am Anfang ist es sicher zeitaufwendig. Jedoch wenn man die Alarme des CGM richtig nutzt, spart man sogar Zeit und wird nur in kritischen Momenten daran erinnert, dass der Diabetes etwas Aufmerksamkeit fordert. Die Zeit, die ich für die Einstellung aufgewandt habe, gibt mir mein Körper durch eine bessere Einstellung vielleicht wieder zurück.

    Wäre ich zum Beispiel vor dem Essen im Wohlfühlbereich bei 180 ng/dl, könnte ich 1 1/2 Stunden warten, bis ich einen Happen zu mir nehmen könnte. Mit 45 min sea würde ich nach einer Mahlzeit bei 260 mg/dl landen und der ganze Tag wäre dahin.

    Deshalb ist für mich der Bereich nicht unbedingt der Zielbereich sondern vielmehr eine Marke, wann ich von meinem Smartphone erinnert werde, dass ich handeln sollte.

    Viele Grüße

    Volker

  3. Hallo Volker,
    ja deinen Beitrag neulich habe ich gelesen! So empfindet jeder seinen persönlichen Wohlfühlbereich halt ein wenig anders und macht sich aufgrund individueller Faktoren (SEA, Insulinempfindlichkeit etc.) andere Vorgaben.
    Ich selbst trage ja kein rtCGM, sondern das Freestyle Libre. Damit scanne ich am Tag ca. 15-20 mal meinen Glukoseverlauf, ohne dass ein Alarm mich dran erinnert. Mich haben die Alarme enorm gestresst, als ich mal den Dexcom zur Probe getragen habe. Ich denke lieber von allein dran, regelmäßig zu checken und habe dann ja im Blick, wenn etwas aus dem Ruder läuft und der Wert nach dem Essen z. B. nicht erwartungsgemäß wieder absinkt, sondern am oberen Rand des Zielbereichs herumdümpelt. Dann würde ich ggf. auch mit Insulin oder Bewegung korrigieren, damit er vor der nächsten Mahlzeit wieder in einem guten Nüchternbereich ist. Wobei ich auch selbst bei einem Wert von 180 mg/dl vor dem Essen keine anderthalb Stunden SEA benötige, sondern mit 10-15 Minuten (vor dem Frühstück 20-30 Minuten) prima klarkomme. Für mich heißt der Zielbereich von 70-180 nicht, dass ich den Wert immer so lasse – je nachdem, was ich als nächstes vorhabe. Aber er sagt mir, dass mein Glukosewert gerade in einem medizinisch unkritischen Bereich liegt und deshalb kein Anlass zur Sorge besteht. Und das trägt doch enorm zur Zufriedenheit im Alltag bei. 🙂

  4. Hallo Antje, deine Beobachtung kann ich direkt nachvollziehen. Es stresst ungemein, wenn der dexcom alle 5 Minuten klingelt. Ein Kinobesucher oder auch nur ein Aufenthalt im Café ist damit nicht ohne böse Blicke möglich.

    Das dexcom system kann jedoch viel mehr, wenn man die richtige Software einsetzt. Ich kann bei xdrip genau einstellen, wie oft und genau bei welchen Schwankungen ich benachrichtigt werden möchte. Zum Beispiel werde ich nicht benachrichtigt, wenn der bz oberhalb des Zielbereichs ist und in die richtige Richtung sich ändert. Auch werde ich nicht benachrichtigt, wenn sich der bz in 5 Minuten kleiner als x verändert.

    Ich denke es ist wirklich Zeit, anstatt des HbA1c den AGP als Maß der Dinge einzusetzen. Auch die Angabe im AGP, wie groß die Streuung der Werte ist, ist ein gutes Indiz für die Beurteilung der Einstellung.

    Man sollte in der Diabetes Therapie immer etwas analoger denken und sollte nicht wie bei einem closed loop Werte 1:1 umsetzen. Denn der Faktor Mensch ist immer zu berücksichtigen. Der Ansatz, seinem Körper etwas mehr Spielraum zu gönnen ist enorm wichtig für die Lebensqualität und jeder steckt sich seine eigenen Ziele. Mir hat dein Artikel gezeigt, dass das Wort Zielbereich vielleicht zu viel aussagt und jemandem, der versucht digital nach den Werten zu Handeln um häufig im Zielbereich zu sein, vielleicht etwas zu viel abverlangt. Auch wenn mein Zielbereich eng gesteckt ist, lasse ich oft auch Phasen zu, in denen ich im Bereich bis 180 mg/dl nur wenig korrigiere. Man sollte sich eben nicht von Werten bevormunden lassen.

    Danke für deinen tollen Artikel!

    Gruß Volker

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