Bessere Diabetestherapie: Der Schlüssel liegt in der Kommunikation

Antje hat Eckart von Hirschhausen live erlebt und seinen Gedanken zur Diabetestherapie lauschen dürfen. Das war komisch, aber nicht wirklich lustig.

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Wer Eckart von Hirschhausen nur vom Zappen durch das TV-Programm kennt, weiß möglicherweise nicht, dass er studierter Mediziner ist. Bevor er begann, mit Bühnenshows durch die Republik zu tingeln, arbeitete er als Arzt in Berlin in der Kinderneurologie. Allerdings fiel ihm bei seiner Arbeit als Arzt auf, dass die Patienten, die ihn konsultierten, gar nicht diejenigen waren, die am dringendsten ärztlichen Rat gebraucht hätten. Das änderte sich auch nicht, als er nach einer Weiterbildung zum Wissenschaftsjournalisten eine Gesundheitssendung im Hessischen Rundfunk moderierte. „Keine Zigaretten, mehr Gemüse, das Übliche eben – das predigte ich den Zuschauern jahrelang“, erzählt er, „doch es änderte sich nichts, weil nur die zuschauten, die ohnehin schon aufgeklärt und gesundheitsbewusst waren.“ Mit dieser Erkenntnis erklärte von Hirschhausen sowohl bei einer Weiterbildung für Medizinjournalisten Ende April in Mannheim, als auch beim Jahreskongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Mitte Mai in Berlin seinen Wechsel vom seriösen ins komische Fach, gern auch im sogenannten Unterschichtenfernsehen.

Übergewicht: Mit Essen eine innere Leere füllen

Sein wichtigstes Anliegen ist allerdings ein sehr ernstes: Im Medizinbetrieb wird völlig falsch kommuniziert. Zentrale Botschaften kommen nicht an – ganz egal, ob es um Rauchen und Krebsrisiko oder Übergewicht und Diabetes geht. Hirschhausen bezeichnet sich selbst als großen Fan des Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick, dessen simpler Ratschlag lautet: Wenn etwas nicht funktioniert, dann probiere etwas anderes! Das gilt in Hirschhausens Augen auch für die Volkskrankheit Übergewicht: „Warum werden die Leute immer dicker, obwohl es doch so viele Diätratgeber gibt? Sie werden dick, weil sie eine innere Leere füllen möchten. Sie werden dick, weil sie Essen als einzigen Weg kennen, ihre Stimmung zu verbessern. Hierzu müssen wir ihnen Alternativen zeigen!“

Aufklärung ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen!

Und das funktioniert nicht mit Verboten, wie Hirschhausen ganz anschaulich schilderte: „Geben Sie einmal einem kleinen Kind eine große Packung Buntstifte und sagen ihm, es dürfe mit allen Buntstiften malen – außer mit dem gelben. Mit welchem Stift wird es unbedingt malen wollen?“ Klar, mit dem gelben. Funktioniert übrigens – vermutlich nicht nur bei mir – altersunabhängig und bei jeglichen Verboten. Trotzdem verfolgen Ärzte und Ernährungswissenschaftler meist genau dieses Muster, wenn sie Menschen zu einem gesunden Lebensstil bringen wollen. Hirschhausen drückt das so aus: „Alle fünf Jahre werden mir neue Gründe gepredigt, warum ich keine Butter-Laugenbrezel essen sollte. Mal ist die Butter, mal das Salz, mal das Weißmehl der Bösewicht. Doch welchen Effekt hat das? Ich liebe weiterhin meine Butter-Laugenbrezeln und höre den Ernährungswissenschaftlern einfach nicht mehr zu!“ Kommt mir bekannt vor – ich habe bei diesen Dingen auch eine sehr selektive Wahrnehmung. Wann immer ich von einer Studie erfahre, nach der Schokolade das Herz schützt, sage ich mir: „Siehste!“ Und bei Veröffentlichungen, denen zufolge Schokolade dick macht, schalte ich auf Durchzug und schimpfe vor mich hin: „Und woher soll ich denn sonst die Flavonoide bekommen, die sich so gut auf meinen Blutdruck auswirken?“

Totalausfall eines Organs ist keine Strafe Gottes

Die Strategie mit der Moralkeule bringt also nichts, im Gegenteil: „Das Wort ‚Sünde‘ wird heutzutage nur noch im Zusammenhang mit Essen verwendet. Dabei ist es doch eine grundlegende Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, Krankheit und Moral voneinander zu entkoppeln – dabei sollten wir es auch belassen!“, meint Hirschhausen. Sprich: Die Zeiten, in denen Krankheit allgemein als Strafe für sündhaftes Verhalten angesehen wurde, sind zum Glück vorbei. Ein Totalausfall eines Organs wie beim Typ-1-Diabetes ist keine Strafe Gottes für ungesunde Ernährung oder anderes Fehlverhalten. Und auch die Entstehung eines Typ-2-Diabetes ist ein viel komplexeres Geschehen, als es die böse Formel „dick – dumm – Diabetes“ glauben macht.

Ärzte lernen im Studium sechs Jahre lang, sich unverständlich auszudrücken

Doch wie sollten Ärzte mit Patienten kommunizieren, damit ihre Gesundheitsbotschaften ankommen und beherzigt werden? Gar nicht so leicht, findet auch Hirschhausen: „Medizinstudenten lernen mit dem ganzen Griechisch und Latein im Studium sechs Jahre lang, sich unverständlich auszudrücken – und dann wundert man sich, dass die Hälfte der Medikamente falsch angewendet werden, weil die Kommunikation nicht funktionierte.“ Auch Hirschhausen hat hierfür kein Patentrezept. Doch er rät Ärzten, ihren Patienten keinen mit Verboten gepflasterten Weg aufzwingen zu wollen: „Fragen Sie die Leute lieber, wohin sie gehen wollen, und bieten Sie ihnen an, sie auf ihrem Weg zu begleiten!“ Gar kein schlechter Gedanke, diese freundliche Begleitung statt eines erhobenen Zeigefingers, oder? Übrigens nicht nur für Ärzte, sondern auch für meine Spezies, die Medizinjournalisten.

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