Bin ich krank? – Und wenn ja, wie doll?

Katharina beschreibt sich als „krank“. Chronisch krank, um genau zu sein. Doch es fällt ihr schwer, im Alltag einen Begriff dafür zu finden, wie sie sich damit fühlt. Denn Typ-1-Diabetes ist etwas anderes als eine Mandelentzündung.

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Was es bedeutet, Typ-1-Diabetes zu haben, ist nicht leicht zu erklären. Einerseits, weil bis heute niemand sagen kann, was genau der Auslöser dieser Autoimmunerkrankung ist. Andererseits, weil es auch viel mit der individuellen Wahrnehmung zu tun hat. Und dann stellt sich die Frage: Wie krank bin ich mit Typ 1 Diabetes überhaupt? Oder gar: Bin ich eigentlich richtig krank?

Es gibt immer wieder Stimmen, die äußern, das sei eben nicht so. Durch das Zuführen von Insulin sei das Defizit des Körpers ja wieder ausgeglichen. Meistens sagen dies zwar Menschen, die selbst nicht betroffen sind, aber trotzdem ist es eine Meinung, die ich berücksichtigen möchte. Andere empfinden den Typ-1-Diabetes durchaus als Grund, sich „krank“ zu nennen. Schließlich ist der Diabetes eine ernsthafte Erkrankung des Immunsystems. Ich selbst sehe mich als krank an. Chronisch krank.

chronisch

Anfang des Jahres war ich mehrere Wochen von Infekten außer Gefecht gesetzt. Erst hatte ich eine Erkältung, dann Magen-Darm-Probleme und dann ging die Erkältung weiter. Ich fühlte mich mies und wollte die ganze Zeit nur, dass es vorbeigeht – immerhin wusste ich, dass es vorbeigehen wird. In meinem Selbstmitleid zerfließend, stellte sich mir plötzlich wieder die Frage: Wie krank bin ich mit Typ-1-Diabetes überhaupt? Denn wenn ich eine schlimme Erkältung und Brech-Durchfall als „krank sein“ definiere, dann kann ich mich im Alltag nicht als „krank“ bezeichnen.

Jedes Mal, wenn mir Menschen nach einer Blutzuckerentgleisung „Gute Besserung“ wünschen, denke ich darüber nach, wie unangebracht das ist. Auch wenn mir bewusst ist, dass es nett gemeint ist. Oder auch der Satz: „Ich hoffe, du wirst schnell wieder gesund.“ Wie sollte mein Gegenüber das formulieren, damit ich es richtig verstehe? Natürlich werde ich nie wieder gesund sein, aber wäre ich glücklicher mit: „Ich hoffe, du hast bald wieder nur noch Diabetes!“? Sicher nicht.

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Ich finde selbst keine richtige Antwort. Aber mich stresst der Gedanke, dass Menschen ohne Diabetes, den Krankheitsgrad der Menschen mit Diabetes nicht ernst nehmen. Eine Erinnerung, die immer aufkommt, wenn es um dieses Thema geht, ist folgende: Ich war den 2. oder 3. Tag wieder in der Schule, seit die Diagnose gestellt wurde. Ich bekam meine allererste Hypoglykämie.

Ich war nicht routiniert im Umgang damit und es stand Physikunterricht an. Und wie jeder weiß: In den Räumen für Naturwissenschaft wird nicht gegessen. Darum sagte ich dem Lehrer, dass ich eben draußen bleiben müsse und etwas essen würde und dann komme, wenn es mir besser geht. Und der Lehrer antwortete: „Aber ruh dich auf dem Diabetes jetzt nicht aus.“ Früher war ich noch so viel unsicherer und stiller als heute, darum habe ich ihm nur versichert, dass ich das nicht tun würde. Aber wenn ich jetzt daran denke, möchte ich ihm gerne anbieten, mal eine Info-Veranstaltung über Diabetes im Allgemeinen und Typ-1-Diabetes im Speziellen zu besuchen.

Wenn es aus Patientensicht im Bezug auf das Leben mit Diabetes eine Sache nicht gibt, dann ist es ausruhen.

krank
Die Definition von „krank“ lautet: Im körperlichen oder geistigen Wohlbefinden beeinträchtigt, gestört; physisch oder psychisch leidend, nicht gesund*. Und genau das trifft es, mein Wohlbefinden ist beeinträchtigt, ich bin nicht gesund.

Als „chronisch krank“ gilt ein Mensch laut der „Richtlinie zur Definition schwerwiegender chronischer Krankheiten“, wenn eine Krankheit länger als ein Jahr andauert und wenigstens einmal pro Quartal behandelt werden muss.

Trotzdem

Aber wie ich eine Antwort oder einen Begriff für das finde, was in meinem Alltag vor sich geht, weiß ich immer noch nicht. Ich fühle mich nicht jeden Tag, als hätte ich 40°C Fieber und eine Mandelentzündung. Dennoch bin ich den gesamten Tag damit beschäftigt, den Job eines ganzen Organs machen zu müssen.

Ich bin damit konfrontiert, dass dieses Organ nicht so funktioniert, wie es sollte. Und ohne jeglichen Leidvergleich möchte ich sagen, dass es schwer ist zu wissen, dass das im Gegensatz zu einer Erkältung nicht nach ein paar Tagen oder höchstens Wochen vorbei sein wird.

Ich bin chronisch krank.

*Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/krank

Veröffentlicht in Life

3 Kommentare zu “Bin ich krank? – Und wenn ja, wie doll?

  1. Hallo Katharina, sehr schön alles beschrieben, wie man sich fühlt in einer Zwickmühle zustecken. Mir ging es vor ca. 4 Jahren ähnlich, als ich die Diagnose mit 44 Jahren nach einer normalen Untersuchung erhalten habe, man sagte mir das ich Typ 1und 2 haben würde. War ich erstmal von den Socken und musste begreifen den Rest meines Lebens mich spritzen zu müssen um zuleben.

  2. Ich habe auch Diabetes, wenn auch „nur“ Typ 2.
    Meine Ärztin bezeichnete mich mal als „schwer krank“. Im ersten Moment war ich schwer geschockt und wehrte mich innerlich sehr dagegen. Monatelang. Inzwischen gebe ich ihr Recht. Diabetes ist eine schwerwiegende Krankheit, die ich viel zu lange auf die leichte Schulter genommen und meinen Alltag gelebt habe, wie es mir gefiel. Ohne die ärztlichen Anweisungen groß ernst zu nehmen. In den letzten 9 Monaten hat sich meine Sichtweise allerdings geändert. Viele Faktoren haben dazu beigetragen. Ich habe mich dieser Krankheit gestellt, bin nicht mehr davor weggelaufen. Habe mich sachkundig(er) gemacht und meine Ernährung komplett umgestellt. Fernab jeglicher Diabetes Schulungen, die letztendlich nur einem gut getan haben, nämlich der Pharma Industrie. Dies ist Geschichte. Mir geht’s heute besser als in all den Jahren zuvor. Ich brauche keine Medikamente mehr. Mein Immunsystem hat sich drastisch verbessert. Sollte ich mir doch einmal einen Virus eingefangen habe, wende ich natürliche Heilmittel an. Sie bekommen mir und meinem Diabetes besser als alles, was mir meine Ärztin verschreiben kann. Und das ganz ohne unerwünschte Nebenwirkungen. Arztbesuche jetzt nur noch 1x im Quartal. Ich fühle mich fitter, widerstands- und leistungsfähiger seitdem ich mein Wohlbefinden in die eigene Hand genommen habe. Meinen Diabetes, nein, den werde ich nicht mehr los. Ob mit oder ohne Arzt. Aber ich kann heute, ohne Arzt und Medikamente, wesentlich besser damit leben und bin zuversichtlich, dass dies so bleibt.

  3. Wie Jutta ja schon im Kommentar oben über ihren Typ-2-Diabetes so schön gesagt hat: „Aber ich kann heute, ohne Arzt und Medikamente, wesentlich besser damit leben und bin zuversichtlich, dass dies so bleibt.“

    DANKE!! 🙂
    Ich habe seit schon über 30 Jahren Diabetes Typ 1 (mit 4 Jahren festgestellt), Multiple Sklerose seit 2007, 3 Tage nach meiner Hochzeit diagnostiziert.
    Das klingt alles recht schlimm und war es anfangs auch für mich.

    Aber seitdem ich mich mit mir, meiner Psyche, allem beschäftige und gelernt habe, Dinge anzunehmen (und ins Positive zu drehen), geht es mir viel besser!!

    Ich kann sagen „danke MS“ und „danke Diabetes“ für ein zwar manchmal holpriges, aber munteres Leben 🙂

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