Diagnose Diabetes – „schlechte“ Gefühle erlaubt?

Sind Gefühle wie Angst, Wut, Verzweiflung  und Traurigkeit ein Tabu, wenn man die Diagnose Diabetes bekommt? Ina findet, dass es wichtig ist, sich auch mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen und sie zuzulassen, denn der Alltag mit Diabetes ist oft alles andere als „easy peasy“ – gerade am Anfang nach der Diagnose.

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Du hast jetzt Diabetes! Ganz unterschiedlich werden wir mit der Diagnose konfrontiert – abhängig vom Wissensstand und Einfühlungsvermögen des Überbringers dieser Nachricht. Wenn wir bereits Menschen mit Diabetes kennen, haben wir eine Vorstellung davon, was da auf uns zukommt. Und trotzdem ist es individuell, was wir fühlen und wie wir mit dieser Botschaft umgehen.

Sicherlich zunächst ein Schock. Dann können Gefühle wie Angst, Wut, Verzweiflung und Traurigkeit hochkommen oder wir fragen uns, warum das gerade uns passiert.

Heute ist der Umgang mit Diabetes medizinisch und technisch einfacher geworden. Wir haben viele Freiheiten dazugewonnen, aber kümmern müssen wir uns trotzdem – um uns und unseren Diabetes. Diabetes-Management ist in meinen Augen kein Selbstläufer, auch wenn es manchmal so dargestellt wird.

Diagnose-Schock!

Ich habe nach der Diagnose vom Hausarzt zunächst nur eine Broschüre in die Hand gedrückt bekommen. Das war Ende der 80er Jahre. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet, und war bis zu meiner ersten Schulung ziemlich verunsichert, was ich überhaupt noch essen darf. Insulin spritzen musste ich die ersten zwei Jahre noch nicht, aber Diät halten und regelmäßig zur Kontrolle zu meinem Hausarzt. Dann ging es aber doch nicht mehr ohne Insulin und das war eigentlich der Punkt, an dem ich so richtig anfing zu spüren, was es bedeutet, Diabetes zu haben – in dieser Zeit gab es für mich leider viele Einschränkungen, Verbote und viele Lebensmittel mit dem Label „für Diabetiker geeignet“.

Die intensivierte Insulintherapie (ICT) war noch nicht in Sicht. Ich war damals ziemlich wütend und verzweifelt. Ich hatte Angst davor, es nicht zu schaffen, so zu leben, wie es ab jetzt gut für mich sein sollte.

Nach dem Schock kam das mühsame Herantasten!

Ich habe meinen Diabetes viele Jahre ignoriert. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben und mich in meinem Leben nicht einschränken lassen – vor allem nicht beim Essen! Keine gute Idee. Es gab Höhen und Tiefen. Mal klappte es gut mit dem Messen und Spritzen und dann wieder gar nicht. Abhängig davon, in welchem Umfeld ich mich gerade bewegte, ob ich viel Stress hatte, gerade viel Neues um mich herum passierte oder auch wie viel Betreuung ich in der diabetologischen Praxis hatte, bekam ich es zeitweise gut hin und dann auch wieder gar nicht. Ich wollte mein Leben nicht von meinem Diabetes bestimmen lassen, denn so fühlte es sich für mich an. Allerdings habe ich mich in dieser Zeit auch wenig damit auseinandergesetzt, was eigentlich mein eigener Beitrag ist, damit es besser laufen kann.

Meine Gefühle zulassen – ein erster Schritt auf meinem neuen Weg!

Ich kam immer wieder an den Punkt, dass mein Hirn mir sagte: „Ina, so funktioniert das nicht, wenn du deine Einstellung zu deinem Diabetes nicht veränderst.“ Ich wollte nicht mehr traurig und verzweifelt sein, weil ich es nicht schaffe, meine Diabetes-Therapie umzusetzen. Und ich wollte nicht mehr wütend auf mich sein, weil ich so oft gescheitert bin mit meinen guten Vorsätzen. Also unternahm ich erste zaghafte Schritte, mal hinter meine eigenen Kulissen zu schauen. Wo hatte ich die Abzweigung verpasst, meinen Diabetes zu akzeptieren und mich auf den neuen Alltag einzulassen? Ich fühlte mich allein. Da waren keine anderen Diabetiker auf der Schule, im Studium oder ich kannte sie nicht. Mir fehlten Menschen, mit denen ich mich über den Alltag mit Diabetes austauschen konnte. Ich wollte keine Sonderrolle haben und habe mich sehr verbogen auf Kosten meiner Gesundheit. Sicherlich war hier auch ein bisschen Angst dabei, nicht dazuzugehören und nicht alles mitmachen zu können.

Loslassen und neu starten!

Wie sollte mein Alltag mit Diabetes nun für mich aussehen? Das ist eine Frage, die mich schon etwas länger beschäftigt hat. Es fing eigentlich damit an, dass ich mir aktiv andere Diabetiker gesucht habe, mit denen ich so über dies und das reden konnte. Jeder hatte seine individuellen Hürden im Alltag und ist auch ganz unterschiedlich damit umgegangen. Es wurden Tipps und Tricks getauscht. Ich habe gemerkt, dass Vieles möglich ist, wenn ich mir klar darüber werde, wie ich es für mich gut umsetzen kann. Ich habe viel gelesen und mich an verschiedenen Stellen unterstützen lassen. Schritt für Schritt habe ich angefangen, meinen Umgang mit meinem Diabetes und meinen Alltag zu verändern. Zuerst Kleinigkeiten und dann wurde ich immer mutiger, auch größere Dinge anzugehen. Natürlich gab es auch mal Rückschläge, aber das machte nichts, denn insgesamt bin ich gut vorangekommen.

Ich habe mir z.B. ein Abendritual erschaffen, weil ich oft mein Basal irgendwann oder auch mal gar nicht gespritzt habe. 21:30 Uhr Blutzucker messen und Basal spritzen, denn das war der kritische Zeitpunkt, an dem ich oft auf dem Sofa eingeschlafen bin. Also wollte ich vorher alles erledigt haben, was wichtig für mich ist. Über Wochen habe ich das trainiert, bis es mir immer leichter fiel und mir was fehlte, wenn ich es nicht mache.

Mein Lebenskonzept mit Diabetes

Der Einstieg in den Alltag mit Diabetes wird uns doch recht vereinfacht rübergebracht. Ein bisschen nach dem Motto „mit Diabetes lässt es sich doch gut leben“ – ja, wir leben mit Diabetes, doch wir müssen auch so einiges berücksichtigen, was den Alltag nicht immer einfach macht.

In meinem neuen Lebenskonzept – nämlich zufrieden und stark im Alltag mit Diabetes – achte ich darauf, was gut für mich ist. Ich spreche darüber, was mir wichtig ist, was geht und was nicht geht. Gelingt mir auch nicht immer, aber doch sehr oft. Ich lasse aber auch heute „vermeintlich“ negative Gefühle zu, doch die Sichtweise darauf hat sich für mich verändert. Sie ziehen mich nicht runter, sondern sie sind mir ein guter Wegweiser geworden, dass gerade etwas nicht so richtig stimmt und ich schaue, was los ist.

Traurig, wütend, verzweifelt oder ängstlich sein ist kein Tabu!

Sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen und sie zuzulassen, unterstützt uns dabei, die neuen Lebensumstände mit Diabetes zu akzeptieren. In Worte zu fassen, was uns bewegt, worüber wir traurig sind, was uns herausfordert, was uns wütend macht, woran wir verzweifeln oder wovor wir Angst haben, hilft uns Schritt für Schritt, mit dem Diabetes im Alltag besser klarzukommen.

Auch wenn es heute einfacher ist, mit Diabetes zu leben und uns die Welt offensteht, ist es dennoch erst einmal eine Veränderung. Es ist ein Stück weit Abschied nehmen von unserem bisherigen Lebensrhythmus. Für mich hat sich in all den Jahren einiges geklärt, auch wenn ich sehr lange gebraucht habe, mein neues Lebenskonzept zu finden.

Ich möchte euch hiermit motivieren, eure Gefühle ernst zu nehmen und euch Unterstützung zu holen, wenn ihr alleine nicht weiterkommt. Es ist nie zu spät, neu zu starten.

Ein Kommentar zu “Diagnose Diabetes – „schlechte“ Gefühle erlaubt?

  1. Ich lebe, ja ich lebe mit dem Handycap Diabetes nun seit mehr als 30 Jahren. Aus der “tödlich” verlaufenden Stoffwechselerkrankung wurde ein nebeneinander mit all seinen Hoch und Tiefs. Ich selbst habe mich zu Anfang der Behinderung (1988) recht gut informiert und mein damaliger Oberarzt hat mich gut vorbereitet. Mein größtes Handycap ist, daß man seine Spontanität verliert, was aber nicht heißt, daß man mit dem Leben aufhören muß. Der Diabetes ist da, bleibt da, aber ich lebe mit ihm und ich muß sagen: nicht schlecht!

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