Storytime mit Anette – Sport, Reisen und noch viel mehr

Anette hat Typ-1-Diabetes. Sie treibt gerne und viel Sport und arbeitet als Lehrerin. Oft ist sie auf Reisen. Drei Dinge, die sie beschreiben: offen für Neues, spontan, Mensch, der mit seinem Herz handelt und denkt. BSL-Autorin Beate hat ihr einige Fragen gestellt.

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Die Diagnose

Beate (B): Wie alt warst du bei der Diagnose und wie ging es dir damals dabei?

Anette (A): Ich war 27 Jahre, ein paar Tage vor meinem 1. Staatsexamen und hatte meinen Kopf ganz woanders. Ich hatte eigentlich gar keine Zeit, mich wirklich mit der Diagnose zu beschäftigen. Somit musste ich sie einfach ganz schnell in mein Leben integrieren, ohne lange darüber nachzudenken, ohne lange mir darüber intensiv Gedanken machen zu können.

Im ersten Moment nach der Diagnose war ich schon erst mal geschockt und habe geweint, ich und Diabetes?? Wie soll das denn gehen? Hab doch immer gesund gegessen und gelebt… Und ab jetzt muss ich nur noch Diät halten 😛 (okay, ich hatte damals echt keine wirkliche Ahnung davon). Danach war ich etwas bockig (für ca. 15 Minuten, als mir der Arzt erklärte, dass ich doch bitte gleich mal mit dem Spritzen anfangen sollte. Ich habe ihn versucht zu überzeugen, dass er doch vielleicht nochmal ordentlich testen sollte und ob er denn keine bessere Behandlung wüsste 😀 :D)

Aber es half alles nichts, ich war dabei, schneller als ich es glauben konnte. Somit habe ich mich ziemlich schnell damit abgefunden, auch weil ich unbedingt mein Staatsexamen machen wollte und mich jetzt nicht ein paar Tage zuvor von „so einer Diagnose“ davon abhalten lassen wollte.

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Meine Mama ist dann sogar für mich in die ersten Schulungen gegangen, damit ich weiterlernen konnte und mich auf die Prüfungen konzentrieren. Dafür war ich sehr dankbar, dass sie für mich am Anfang die „Verantwortung um die Organisation“ übernommen hat und ich nicht alleine damit war.

Auch hatte ich geplant, 4 Monate nach meiner Diagnose, für ein halbes Jahr nach Kapstadt zu gehen, was ich unbedingt immer noch wollte, deshalb musste ich ja so tun, als hätte ich alles unter Kontrolle. 😊 Was ich dann auch nach und nach geschafft habe. Meine Einstellung war von Anfang an: „Okay, ich habe jetzt wohl einen ‚lebenslangen Partner, Mr. Zucker‘, allerdings sollte er sich an mich anpassen und ich und mein Leben nicht an ihn.“

Er ist zwar ein fester Bestandteil in meinem Leben, aber dennoch nicht mein Leben!  Ich habe mein Leben deshalb schon zum Trotz für diese Diagnose nicht umgestellt, sondern es angepasst oder für mich passend gemacht. Und nach diesem Motto lebe ich bis jetzt.

Der Alltag

B: Wie sieht deine Therapie zurzeit aus?

A: Ich nehme ein Kurzzeit- und ein Langzeitinsulin. Nach wie vor messe ich immer noch klassisch mit meinem Blutzuckermessgerät am Finger… Allerdings habe ich mir fest vorgenommen, bald ein FreeStyle Libre auszuprobieren. Ich gebe zu, ich habe noch etwas Bammel vor dem Reinstechen 😊.

B: Du bist wie ich auch Lehrerin. Wie erlebst du dich im Umgang mit deinem Diabetesmanagement in der Schule?

A: Eigentlich funktioniert es mittlerweile ganz gut. Manchmal, wenn es zu turbulent ist, vergesse ich, regelmäßig zu messen, aber meist habe ich es gut unter Kontrolle.  Ich habe mir meine festen Mess- und Essenszeiten geschaffen. Um schlimmere Unterzuckerungen zu vermeiden, nehme ich mir meistens auch meine Brotzeit für die Pausen so mit, dass ich genau weiß, was ich spritzen muss. Meine Kollegen und Schüler haben bis jetzt immer gut und offen darauf regiert. Die meisten interessieren sich auch dafür, besonders wenn ihnen klar gemacht wird, dass das nicht der Zucker ist, den die Oma auch hat 😛 Ich messe und spritze aber auch ganz selbstverständlich vor allen und gehe damit offen um.

Quelle: pixabay / stanias

Meine Schüler freuen sich immer sehr, da auf meinem Pult immer Gummibärchen oder Schokolade herumliegen, für den Fall der Fälle, sollte ich eine Unterzuckerung haben. Somit kommen meine Schüler viel öfters in den Genuss davon als ich. 😊

B: Hast du Schüler mit Diabetes?

A: Nein, ich selbst im Moment nicht. Die Schüler*innen mit Diabetes an unserer Schule kommen zu mir, wenn diese mal wieder eine Hypo haben. Ich unterstütze auch Kolleg*innen, wenn diese mit der Situation überfordert sind oder nicht wissen, was sie jetzt tun sollen. Die Schüler*innen werden dann mit einem Traubenzuckervorrat versorgt und sind meist froh, dass sie jemanden haben, der sie in ihrer Situation versteht.

Auch fragen meine Kolleg*innen oft nach Rat, wie sie sich verhalten sollen oder wie sie reagieren sollen, wenn sie eine Schüler*in mit Diabetes bei sich im Unterricht haben.

Die Freizeit

B: Wir folgen uns schon eine ganze Zeit auf Instagram. Ich sehe, du bist viel auf Reisen. Wie bereitest du dich auf deine Reisen vor? Hast du schon eine Routine? Gibt es ein besonders skurriles Erlebnis mit Reisen und Diabetes?

A: Ja, ich liebe unsere Diabetes Community und bin froh, ein Teil davon zu sein. Nachdem ich einer der eher ungeplanteren Menschen bin, ist meine einzige Vorbereitung, dass ich es rechtzeitig schaffe, meine ganzen Diabetes Supplies rechtzeitig nachzubestellen, so dass ich sie mit in den Urlaub nehmen kann! Allerdings nehme ich von allem immer mehr mit, auch wenn ich es sicherlich nicht brauchen werde, aber man weiß ja nie, was so kommt! Das Zeug nehme ich immer mit ins Handgepäck, mag kommen, was will.

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Und, ganz wichtig für mich, ich nehme immer ein paar Packungen Gummibärchen mit!
Ich habe mir am Anfang eine Bescheinigung von meinem Diabetologen ausstellen lassen, dass ich bei der Sicherheitskontrolle keine Probleme bekomme, wenn ich das alles mitnehme. Allerdings hat noch nie jemand danach wirklich geschaut oder gefragt!
Auf Reisen ist mein Motto, lieber ein bisschen höhere Werte als schwere Unterzuckerungen…, besonders wenn man viel zu Fuß unterwegs ist. Das funktioniert meist sehr gut. Auf meinen Reisen brauche ich immer mehr Insulin, einfach durch das andere Essen, andere Umstände… anderer Tagesablauf.
Skurrile Erlebnisse hatte ich bis jetzt noch nicht wirklich. Ich bin allerdings immer unbewusst auf der Suche, ob ich nicht zufällig irgendwo einen „Diabuddy“ entdecke 😊

Die Tipps und Tricks

B: Wenn du deinem jüngeren Diabetes-Ich einen Tipp geben könntest, wie würde der aussehen?
A: Ich glaube ich würde alles wieder so machen wie bisher. Ich lebe wie oben schon erwähnt nach dem Motto, Mr. Zucker, pass dich bitte mir an! Ich passe zwar auf ihn auf und seine kleinen „Zicken“, dennoch darf er mein Leben nicht weitgehend bestimmen! Allerdings muss man mehr auf seinen Körper und seine Gesundheit achten und bewusster damit umgehen. Ich mache auch mehr und bewusster Sport als früher.

B: Ganz zum Schluss: Was möchtest du noch loswerden? Fragen, Wünsche, Empfehlungen und Sonstiges an die Community?
A: Ich bin stolz, ein Teil einer solch großartigen Community sein zu dürfen! Und bin froh, dass es euch gibt, mit Tipps, Tricks und allem, was dazugehört! Macht weiter so, ihr seid absolute Spitze! Ihr tragt für jeden Einzelnen einen wichtigen Beitrag durch eure Arbeit bei. Und auch, um in der Gesellschaft ein größeres Bewusstsein für Diabetes, besonders T1, zu schaffen! Ich glaube, das ist noch eine der wichtigsten Aufgaben für die Zukunft, mehr Verständnis und vor allem Bewusstsein dafür.
Ich würde mich freuen, wenn es in Zukunft vielleicht auch ein paar coole und stylische Diabetes Accessoires für den deutschen Markt geben würde!

B: Vielen Dank für das Interview. 😊

 


Ein weiteres Interview von Beate: Mit Diabetes leben auf Mauritius – ein Interview mit Sylvester

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