Diabetes unter Vollnarkose

Susanne hat für eine OP im Krankenhaus eingecheckt. Die OP lief gut. Für Stress sorgte nur ihr Diabetes – im Vorfeld und im Aufwachraum: Pumpe im OP-Saal abnehmen? Was tun bei einer Unterzuckerung kurz vor der OP? Und wer misst eigentlich den Blutzucker während und nach der Vollnarkose?

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„Sie haben morgen um 8 Uhr Ihren OP-Termin. Sechs Stunden vorher dürfen Sie nichts mehr essen, zwei Stunden vorher nichts mehr trinken.“ Klar, mir war schon vor dem Aufklärungsgespräch im Krankenhaus bekannt, dass man zu einer Operation unter Vollnarkose nüchtern zu erscheinen hat. Trotzdem: Bis zu diesem Satz der Anästhesistin am Tag vor der OP hatte ich mir über meinen Typ-1-Diabetes keine großen Gedanken gemacht bei dem geplanten Eingriff.

Jetzt aber ratterte es in meinem Kopf gleich auf mehreren Gleisen. Mir fiel zum einen siedend heiß ein: Seit ein, zwei Wochen sank mein Blutzucker in den Morgenstunden immer wieder in den Keller. Passiert das auch am OP-Tag, bevor ich einen Zugang gelegt bekomme, über den man nicht nur Insulin, sondern auch Glukose intravenös zuführen könnte, müsste ich essen oder trinken. Das wiederum würde bedeuten: Keine OP um 8 Uhr …

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Mehr noch: Die Anästhesistin sagte, dass man zwar Erfahrung mit Diabetikern, kaum aber mit Pumpenträgern im OP habe. Folglich solle ich die Pumpe am besten abnehmen, sodass das OP-Team die Insulin- respektive Glukoseversorgung über den gelegten Zugang komplett übernehmen könne. Uuuuuh … das gefiel mir nicht. Ich trage seit 13 Jahren eine Insulinpumpe, seit fünf Jahren die Patchpumpe Omnipod. 24/7. Die Vorstellung, mehrere Stunden ohne meine gewohnte und geregelte Insulinquelle verbringen zu müssen, behagte mir gar nicht. Zumal ja auch vor der OP auf dem Weg bis in den OP-Saal und auch hinterher im Aufwachraum unkalkulierbare Zeit verstreicht, in der man ohnehin schon die Kontrolle abgeben muss – dann doch zumindest nicht auch noch sein Basalinsulin.

Schlachtplan gegen Unterzuckerung

Und überhaupt: Diabetes verlangt Selbstmanagement. Erst recht, wenn man wie ich die Diagnose erst mit 21 Jahren bekommen hat, ist man es nicht gewöhnt, dass jemand anders den eigenen Blutzucker steuert. Die Anästhesistin und ich schlossen daher folgenden Deal: Ich fahre sehr vorsichtig, also mit weniger Insulin, in der Nacht vor der OP – „Lieber ein zu hoher als ein zu tiefer Blutzucker!“, reduziere dann am Morgen auf 10 Prozent Basalversorgung – und muss dafür die Pumpe nicht abnehmen.

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Gesagt, getan. Ab 22 Uhr habe ich das Basalinsulin um 50 Prozent reduziert. Bis kurz vor Mitternacht sah es so aus, als ob ich mit 225 mg/dl (12,5 mmol/l) stabil ins Bett und durch die Nacht komme – einen höheren Wert hatte ich ja extra angepeilt, um nur ja nicht bis 8 Uhr morgens zu unterzuckern. Doch dann sank der Zucker auf einmal rapide ab. 200, 180, 140 mg/dl (11,1, 10,0, 7,8 mmol/l). Warum auch immer. Welcher Diabetiker kennt es nicht – man rechnet und plant bis ins Detail und trotzdem macht das Diabetes-Monster einfach manchmal, was es will. Vorzugsweise dann, wenn es besonders artig sein soll.

Also habe ich vorsichtshalber ein 2-BE-Brötchen um Mitternacht gegessen – bis 2 Uhr durfte ich ja essen – und den Wecker auf alle 30 Minuten bis morgens um halb sechs getimt. Eine überflüssige Maßnahme, ich war die ganze Nacht wach, habe um 1.15 Uhr und 2.15 Uhr sogar nochmal vorsichtig mit je 0,5 Einheiten korrigiert.

Berg- und Talfahrt

Auf dem morgendlichen Weg zum Krankenhaus lag mein Zucker dann bei 246 mg/dl (13,7 mmol/l). Hoch, aber besser als Unterzucker. Im Krankenhaus wurde ich auf der Station für die OP vorbereitet, habe die Pumpe wie besprochen auf 10 Prozent für die nächsten Stunden reduziert und FreeStyle-Libre-Messgerät und Handy mit Libre-App im Schrank verstaut. Genau wie den PDM des Omnipod. Ich ahnte: Mein Zucker nimmt mit nur noch 10 Prozent Basalinsulin ab jetzt noch mehr Bergfahrt auf – was ich dem Anästhesisten im OP noch kurz mitgeteilt habe, bevor ich als Letztes von ihm hörte: „Ich passe auf Sie auf!“, was ich mit „Danke“ quittierte. Dann war ich weg.

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Und wachte knapp zwei Stunden später wieder auf. Die Schwestern teilten mir mit, dass man mir während der OP Insulin verabreicht habe und mein Blutzucker jetzt bei 110 (6,1) liege. Yes! Das klang gut. Doch dann habe ich nachgefragt – noch etwas drimselig: Wann wurde denn das Insulin genau gespritzt – und wie viel? Die Antwort: vor einer Stunde und 10 Einheiten. Hui! Eine Einheit senkt bei mir den Blutzucker um etwa 50 mg/dl (2,8 mmol/l). 10 Einheiten spritze ich mir sonst nur bei einer mächtigen Pizza – und dann als verzögerten Bolus. Und mein NovoRapid wirkt bis zu vier Stunden lang. Vermutlich wurde mir entsprechend viel Insulin verabreicht, weil ich schon so lange mit ansatzweise gar keinem Insulin unterwegs war, einen sehr hohen Blutzucker hatte und zudem der Insulinbedarf nach einem Eingriff erhöht sein kann.

Leider hat das Diabetes-Monster wieder zugeschlagen: Kurz darauf lag mein Blutzucker bei 58 mg/dl (3,2 mmol/l) – und so kam ich schon eine halbe Stunde nach der OP noch im Aufwachraum in den Genuss von Gummibärchen und Butterkeksen – parallel zu flüssiger Glukose via Tropf. 20 Minuten später: Immer noch unter 60 mg/dl (3,3 mmol/l), ich bekam noch mehr Glukose-Lösung. Und wurde unruhig. Immerhin lief mein Basalinsulin immer noch auf moderaten 10 Prozent und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder im oberen Extrem landen würde. Aber zurück auf die Station zum Messgerät und vor allem zum PDM des Omnipod konnte ich erst gebracht werden, als ich den tiefen Blutzuckerbereich verlassen hatte. Bei 188 mg/dl (10,4 mmol/l) durfte ich schließlich zurück. Dort habe ich nach der langen Fahrt durchs große (Kranken-)Haus sofort gemessen: 307 mg/dl (17,1 mmol/l) … egal. Basalrate wieder auf 100 Prozent gesetzt, Korrektur gespritzt, durchgeatmet.

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Ach ja, die OP lief übrigens auch gut …

Habt ihr auch bereits Erfahrungen mit Diabetes und/oder Insulinpumpe unter Vollnarkose gemacht?

diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe hat eine Broschüre zum Thema „Mit Diabetes ins Krankenhaus“ herausgebracht: https://www.diabetesde.org/system/files/documents/broschuere_diabetes_krankenhaus_a5_2017_ok_ansicht.pdf

6 Kommentare zu “Diabetes unter Vollnarkose

  1. Klingt wirklich etwas gruselig… ich hatte bei bisher 4 OPs in den letzten 10 Jahren offenbar immer Glück. Meine Pumpe durfte nie mit rein aber ich bin immer mit ca 100 rein und so auch wieder raus. Nachdem ich mir den rechten Ellenbogen gebrochen hatte war nur das Katheder legen immer etwas problematisch….

  2. Ich hatte immer Angst davor, bei sowas die Kontrolle abgeben zu müssen, wir sind ja bekanntlich kontrollfreaks – zumal die meisten ärzte ja wirklich keinen blassen schimmer von typ1 haben. Ich hatte einmal eine vollnarkose, und da war dann auch noch das Messgerät des anästesisten kaputt (er wollte unbedingt seines nutzen). Zum Glück war meine Mutter dabei, die selbst typ 1 hat …

  3. Ich durfte meine Pumpe mitnehmen, sehr wichtig war im OP Team, dass ich nicht drauflag oder der Schlauch unter meinem Körper war. Da gibt es wohl Erfahrung dass Patienten sich wundlegen weil sie das ja nicht merken. Auch bei einer kurzen OP Dauer von 75 Minuten.
    Ganz wichtig war aber darüber hinaus, dass ich mich gegen Kortison gewehrt hab und siehe da, es gibt auch bessere und teurere Alternativen. Kortison bringt den Zucker noch mal ordentlich nach oben…, aber ich war den ganzen Vormittag stabil.
    PS es wollte keiner wissen, wie meine Pumpe funktioniert, das hätten sie alles über die Infusion gemacht… Weißt du wie die dir die 10 Einheiten gegeben haben? Intravenös wirkt ja x mal schneller und ist auch x mal schneller weg (was ja ein eigenes Thema ist), aber vielleicht ist es deshalb bei OP Teams nicht so problematisch, wieviel sie abgeben?

  4. huhu ja …. knieop … pumpe cgm war dran basal auf 80% nachts um die 80 mg/dl vor op um 7:30 92 mg/ dl und um 10:30 wieder auf dem zimmer 134 mg/dl …

  5. Erfahrungen mit Typ 1 Diabetes im Krankenhaus.
    Im Mai 2018 musste ich mich geplanten Operation (mit Lapatoromie -Unterbauchquerschnitt) im örtlichen Krankenhaus unterziehen.
    Im Folgenden möchte ich meine Erfahrungen schildern und einige Empfehlungen geben
    1. Gute BZ-Einstellung
    Eine gute BZ-Einstellung, Normalgewicht und körperliche Fitness (durch Nichtrauchen, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Entspannung sowie Sport im Rahmen des Möglichen) sollten, egal mit mit oder ohne OP, selbstverständlich sein.
    2. Informieren
    Sofort nachdem ich wusste, dass es zu einem größeren Eingriff kommen würde, begann ich mit der Informationsbeschaffung durch meinen Arzt, durch Berichte über OP-Erfahrungen anderer DiabetikerInnen in der Selbsthilfegruppe, durch Literatur und Internet. Dadurch wurden mir meine Ziele klar: Sichere Einstellung des Blutzuckers, am OP-Tag zwischen 140 und 180mg/dl, schnellstmögliche Fortsetzung des erfolgreichen, selbständiges Diabetesmanagements mit einem Zielwert um die 100 mg/dl.
    3. Kompetentes Auftreten, eigenes Wissen rund um den Diabetes
    Schon bei der Voruntersuchung wurde meine Vermutung bestätigt, dass ich zwar gynäkologisch in besten Händen war, mich aber um mein Diabetesmanagement selber kümmern muss. Das Diabetes- Wissen der jungen Assistenzärztin erwies sich als eher rudimentär. Mit einem „alten“ sprich 50jährigen Typ 1er, trotz Normalgewicht, körperlicher Fitness und ohne weitere Erkrankungen konfrontiert zu sein, überforderte sie offensichtlich und sie war kaum davon zu überzeugen, dass ich kein Typ 2er bin, keine Insulinresistenz habe, keine Tabletten nehme. Fachbegriffen wie ICT, Hba1c, selbst so ein gängiges Insulin wie Novorapid schienen ihr kaum bekannt zu sein.
    5. Basaldosistest/Simulation
    Da es sich um eine geplante OP handelte, hatte ich Zeit, im Vorfeld an zwei Tagen einen Basaldosistest durchzuführen bzw. die Krankenhaussituation gewissermaßen zu simulieren. Wie für den OP-Tag geplant, nahm ich die letzte Mahlzeit am Vorabend um 23 Uhr ein, spritzte meine üblichen Basaldosen und nahm die nächste Mahlzeit dann erst am frühen Nachmittag ein. Den Vormittag verbrachte ich mit einem Buch auf dem Sofa liegend und kontrollierte den BZ-Verlauf engmaschig. Der Blutzucker blieb unter diesen Voraussetzungen sehr stabil, was mir Sicherheit für den Blutzuckerverlauf am OP-Tag gab.
    6. Verantwortung übernehmen
    Auf den Medikamentenplan im Aufklärungsbogen schrieb ich mit Datum und Unterschrift: „Das Diabetesmanagement übernehme ich selbstständig, sobald ich dazu wieder in der Lage bin.“ So stellte ich auch schriftlich klar, dass ich mir das Diabetesmanagement nicht aus der Hand nehmen lasse. Natürlich gab ich meine üblichen Insulindosen an, stellte ganz klar, dass ich dies in eigener Verantwortung manage. Entsprechend brachte ich das notwendige Insulin, Pens, Ersatzpen, Ersatzsensor etc. mit.
    7. Früher OP-Termin, Beruhigungsmittel, BZ-Kontrolle FGM/CGM
    Das Gespräch mit der Anästhesie dagegen war sehr positiv. Ich erhielt wunschgemäß den ersten OP-Termin am Morgen um 8 Uhr, um lange „Nüchternphasen“, die ich sehr kreislaufmäßig schlecht vertrage (was sich auch an während der Basaldosistesttage manifestierte), zu vermeiden. Um schon während der OP-Vorbereitung einen Blutzuckeranstieg durch Aufregung/Stress zu vermeiden, wurde, ebenfalls wunschgemäß, rechtzeitig ein Beruhigungsmittel verabreicht. Das Lesegerät des freeStyle libre kam zur BZ-Kontrolle mit in den OP, der Sensor durfte selbstverständlich am Körper verbleiben. Die „höhere“ Blutzuckereinstellung zwischen 140 und 180 mg/dl am OP-Tag wurde sachlich besprochen und befürwortet.
    8. Kompetente Hilfe in Anspruch nehmen
    Am OP-Tag begleitete mich verabredungsgemäß eine Freundin, die selber eine erfahrene Typ 1erin ist. Zurück auf Station übernahm sie die Überwachung des Blutzuckers, bis ich wieder voll ansprechbar war. Das war nicht nur eine wertvolle Beruhigung für mich, sondern auch eine Entlastung für das Krankenhauspersonal.
    9. Individuelle Hinweise zum Diabetes-Management
    Trotz aller Erfahrung, jeder Diabetiker reagiert anders. Für die Zeit, in der ich mein Diabetesmanagement nicht selbstständig durchführen konnte, hatte ich (für meine begleitende Freundin bzw. im Notfall auch für das Krankenhauspersonal), schriftlich Hinweise gegeben, die im Bedarfsfall eine Behandlung „in meinem Sinne“ und aus meiner langjährigen Erfahrung heraus ermöglichen sollte.
    10. Wissen und Dankbarkeit
    Die Krankenschwestern waren durchweg alle freundlich und sehr hilfsbereit. Bis auf die morgendliche Frage nach dem Blutzucker, bei der ich nur den mit meinem libre gemessenen Wert angeben musste, ließen sie mich wunschgemäß bezüglich meines Diabetesmanagements in Ruhe. Im Gegenteil, es gab sogar interessierte Fragen bezüglich der modernen technischen Möglichkeiten, die wirklich z. T. unbekannt waren und die ich gerne beantwortete. Selbstverständlich verhielt ich mich kooperativ und freundlich, nahm Rücksicht auf Mitpatientinnen, Krankenschwestern und den Ablauf im Krankenhaus – leider auch nicht immer selbstverständlich. Die entsprechende medizinische Nachsorge nahm ich sorgfältig in Anspruch.
    11. Auf den eigenen Körper hören
    Die OP verlief ohne Komplikationen. Die Wundheilung verlief ohne Wundheilungsstörungen. Nach 5 Tagen im Krankenhaus wurde ich entlassen. Die Zeit zu Hause nutzte ich wirklich bewusst zur Erholung, Liegen, Entspannung, Meditation, Lesen. Und das solange, bis ganz von selbst der Wunsch aufkam, sich wieder aktiver zu verhalten. Gesunde Ernährung, Ruhe, langsame Spaziergänge, jeden Tag ein paar Schritte mehr, alles nur, solange es gut tut. Diese Erholung war erfolgreich, nach nur zwei Wochen kehrte ich an meinen Arbeitsplatz zurück. Auf sportliche Aktivitäten, schweres Heben o.ä. habe ich noch eine Weile verzichtet, aber das „Abenteuer: Erste Operation mit Diabetes“ habe ich gut überstanden. Ich wünsche allen DiabetikerInnen ähnlich gute Erfahrungen im Krankenhaus. 12. Und man selber dafür eine Menge tun!!!

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