Der Fluch und Segen der Technik

Die Technik bestimmt unseren Alltag immer mehr – das ist im Diabetes-Management nicht anders. Sara hat sich dazu entschieden, wieder mehr auf ihre Intuition zu hören, und hat den CGM-Alarm einfach mal ausgeschaltet.

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Seit ein paar Tagen kann ich endlich wieder durchschlafen. Ich hätte gar nicht gedacht, wie ich mich darüber freue und wie groß der Einfluss meines nachts piependen CMGs bisher war. Er war wirklich groß! Nun kann ich nicht etwa wieder durchschlafen, weil ich konstant bessere Werte habe und nachts nicht mehr unterzuckere – nein. Der psychische Druck des nachts um 02.00 Uhr alarmschlagenden CGMs ist weg, weil ich meine Alarme ausgestellt habe. Und das trägt nicht unerheblich dazu bei, dass ich entspannter mit meinen Werten umgehe und entspannter schlafen kann.

Eigentlich sollte es doch eine Erleichterung sein?!

Als ich vor knapp 1,5 Jahren vom FGM zum CGM wechselte, war für mich einer der ausschlaggebendsten Punkte, dass mich das Gerät wecken würde, wenn ich unter oder über meiner ganz individuellen Grenze liegen würde. Das hat auch in den ersten Monaten wirklich gut geklappt – mein HbA1c lag erstmalig bei 6,0%. Bestimmt auch mit großem Anteil des CGMs und der minutengenauen Überwachung. Schnell installierte ich die App auf meinem Smartphone und kaufte mir sogar eine Smartwatch. Ich träumte davon, meinen Blutzucker am Handgelenk zu sehen, seit ich als Kind Panic Room mit Jodie Foster gesehen hatte. Mit der Zeit stellte ich meine Alarme immer enger ein, wurde immer genauer beim Korrigieren des Gewebezuckers. 0,35E bei einem Zucker von 180 mg/dl (10,0 mmol/l), damit er unter 120 mg/dl (6,7 mmol/l) geht? Das sollte gut gehen. Ich vertraute voll und ganz auf das CGM, kalibrierte es wie notwendig zweimal am Tag und freute mich, beim Fahrradfahren, beim Sport, in der Uni, auf der Arbeit oder beim Staubsaugen immer meinen Gewebezucker am Handgelenk zu haben. Und das mit nur zweimal in den Finger Stechen pro Tag.

Der Gewebezuckerwert am Handgelenk - Dank Smartwatch und CGM #BSLounge
Quelle: Pixabay

Früher war alles anders

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie ich reagierte, als mir meine Diabetesberaterin vom FGM erzählte. Das war vor gut 5 Jahren, als weder FGM noch CGM groß verbreitet waren und von den Kassen nicht unterstützt wurden. Wie der Mensch so ist, zweifelt er an allem Neuen, selbst wenn es eine Verbesserung ist. Haben doch unsere Vorfahren auch am Auto gezweifelt?! Ich habe demnach natürlich auch sehr am FGM gezweifelt – für mich weckte das kleine Gerät mit seinem scanbaren Sensor kein Vertrauen, mir das Blutzuckermessen abzunehmen. Ein paar Jahre später hatte ich das Ding dann doch probeweise am Arm und war total begeistert… so schnell kann es gehen! Das Vertrauen war schnell gefasst und zeitweise maß ich meinen Zucker im Laufe der 14 Tage gar nicht anders. Mein Körper sendete mir wie vorher auch seine Signale bei zu hohen oder zu niedrigen Werten. Das FGM und mein Körper haben sehr gut zusammengespielt und ich musste nur schauen, entsprechend zu handeln.

Der Fluch der Mehrfachpfeile

Trotzdem reizte mich das CGM und seine in meinen Augen noch größere Funktionalität und so wechselte ich nach 2 Jahren FGM zum CGM. Meine Probleme mit dem CGM entwickelten sich aus dem Versuch, jeden Pfeil – ob einfach oder zweifach, ob aufwärts oder abwärts – sofort zu kontrollieren und innerhalb von Minuten eine Veränderung zu sehen. Ich verlor komplett das Gefühl für meine Zuckerwerte und handelte nur noch stumpf nach der Anzeige des CGMs. Sobald der Doppelpfeil nach oben auf dem Display auftauchte, spritzte ich Insulin nach, weil ich dachte, ich hätte zu viel gegessen. Er löste eine regelrechte Panik in mir aus, wenn er bei einem niedrigen Wert nach unten angezeigt wurde. Ich rechnete damit, dass er mir jeden Moment einen Kollaps in aller Öffentlichkeit vorhersagte.

Aufgrund von falschen Trendpfeilen und starken Abweichungen verlor ich jedoch immer mehr das Vertrauen in mein CGM. Immer wieder wachte ich nachts auf, weil das Gerät mich wegen einer Unterzuckerung alarmieren wollte. Ich stand auf, wanderte zombiehaft zum Glas voller Haribo, stopfte mir eine Handvoll in den Mund und legte mich wieder schlafen. Eine Stunde später alarmierte mich das CGM wegen eines Werts über 180 mg/dl (10,0 mmol/l), also korrigierte ich 0,5E, weil ich dachte, es wäre eben doch zu viel Haribo gewesen, und schlief weiter. Eine halbe Stunde später wachte ich wieder „unterzuckert“ auf. Manche Nächte machte ich diesen Kreislauf 3- bis 4-mal ununterbrochen durch. Trotzdem ging ich am nächsten Tag zur Arbeit und hatte tagsüber genau dieselben Probleme. Es war ein endloser Kreislauf, eine Berg-und-Talfahrt ohne Ende. Ich hörte nicht mehr auf meinen Körper, sondern nur noch auf das Display vom CGM.

Die Ursache?

Auch wenn ich dies bei jedem Besuch beim Diabetesberater gehört habe und natürlich auch in der Schulung gesagt bekam: Es kann ein Unterschied sein zwischen CGM und Blutzucker – ich weiß –, verinnerlicht hatte ich das einfach nicht. Wenn das CGM nachts einen Wert von 75 mg/dl (4,2 mmol/l) anzeigte, war der Blutzucker häufig nicht so tief. Das fand ich heraus, als ich mir angewöhnte, jeden Alarm mit Blutzuckermessung zu überprüfen. Meine Hypoglykämiewahrnehmung war komplett im Eimer, da ich mich immer nur auf die Alarme verlassen hatte. Und so begann ich, obwohl es mir gar nicht gefiel, das Vertrauen zum CGM Stück für Stück zu zertrümmern. Jedes Mal, wenn ich einem Alarm misstraute und Blutzucker maß, fühlte ich mich wie eine Verräterin gegenüber dem CGM. Es sollte mir doch helfen – und ich traute ihm nicht?

Trotz CGM dem eigenen Gefühl trauen #BSLounge
Quelle: Blood Sugar Lounge

Heute versuche ich, wieder etwas entspannter mit meinen Werten, Pfeilen und Alarmen umzugehen. Weiterhin nutze ich das CGM und sehe auch weiterhin die Vorteile der Ununterbrochenheit. Jedoch lebe ich wesentlich entspannter, seit ich wieder auf meinen Körper höre, ob mein Blutzucker zu hoch oder zu niedrig ist. Ich hatte mein Leben lang bis zum CGM keine Probleme mit der Hypoglykämiewahrnehmung. Da möchte ich auch wieder hin! Ich habe gelernt, mein Vertrauen nicht allein in ein technisches Gerät zu setzen, sondern auch weiterhin meinem Kopf und meinem Körper zu vertrauen. Im Zweifel ziehe ich immer noch häufig das Blutzuckermessgerät zu Rate. Und ein Doppelpfeil nach oben ist noch lange kein Beinbruch, denn so schnell, wie er kam, geht er meist auch wieder.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Hat jemand sein CGM vielleicht sogar wieder gegen FGM oder sogar komplett Blutzuckermessen eingetauscht? Ich überlege nun tatsächlich, wieder zurück zum FGM zu wechseln, weshalb mich Erfahrungsberichte sehr interessieren würden!


Einen Vergleich zwischen zwei verschiedenen CGM-Systemen findet ihr hier: Top oder Flop? Der direkte Vergleich zwischen dem Dexcom G5 und Guardian Connect

4 Kommentare zu “Der Fluch und Segen der Technik

  1. Hallo Sara,

    Dein Beitrag hat mich gleich angesprochen, weil ich teilweise ähnliche Erfahrungen gemacht habe, wie Du.

    Seit 2014 hatte ich 4 Jahre lang ein FGM genutzt und schon in dieser Zeit Erfahrungen mit stark abfallenden/steigenden Trendpfeilen gemacht. Es ist in solch einer Situation nicht einfach, für einen Moment auf sein Gefühl zu hören und den Blutzucker zu kontrollieren. Immer wieder ereilt mich Panik, im nächsten Augenblick in Ohnmacht zu fallen. Das geht mir auch nach dem Umstieg auf das CGM nicht anders.

    Aufgrund nächtlicher, starker Unterzuckerungen, die trotz Anpassung der Basalrate immer wieder phasenweise auftreten, hatte ich jahrelang jede Nacht um zwei Uhr den Blutzucker gemessen bzw. den Sensor gescannt, um drohende niedrige Werte frühzeitig abzufangen. Nach Umstieg auf das CGM und blutigen Testmessungen, war ich von den Sensordaten im Vergleich zu den blutigen Werten begeistert, da es kaum Abweichungen gab. Ich kann jetzt ruhiger schlafen als vorher, weil ich nur geweckt werde, wenn die Grenzwerte über-/unterschritten werden.

    Ich gebe Dir aber vollkommen recht, dass man sich bei der Verwendung von FGM/CGM auch auf sein Körpergefühl verlassen sollte, weil die Werte dem Gap zwischen Blut und Zwischenzellflüssigkeit geschuldet sind. Trotz allem würde ich nicht mehr auf diese Technologie verzichten wollen, ich muss stark abfallende/ansteigende Werte mit mehr Gelassenheit bewerten, aber dennoch einen Blick darauf haben. Das war und ist eine Herausforderung, keine Frage.

    Viele Grüße von Emma

    1. Hallo Emma,

      danke für deine Rückmeldung!
      Vor ein paar Wochen habe ich eine Pause mit dem CGM einlegen müssen und bin zum FGM zurück. Da habe ich schnell gemerkt, wie bequem das CGM doch ist und möchte es nun auch keinesfalls mehr missen.
      Dennoch versuche ich mit mir Gelassenheit an die Werte heranzugehen und weniger verbissen darauf zu achten wie sie sind. Zum Vergleich habe ich mir angewöhnt mind. 1x pro Tag zu überprüfen ob die Abweichung noch im Rahmen ist.

      LG
      Sara

  2. Hallo Sara,
    ich habe ähnliche Erfahrungen wie Du gemacht. Ich schalte mittlerweile die Warnmeldungen über Nacht komplett ab. Ich nehme aber kurz vor dem Schlafen noch einen BZ-Wert, kallibriere und korrigiere entsprechend. Ich habe die G4-Pumpe mit Abschaltautomatic bei Niedrig-BZ.

    1. Hallo Jürgen,

      das klingt nach einer feinen Lösung. Ich merke immer wieder, dass es gut ist, die Alarme nachts zu haben, weil ich sonst noch später aufwachen würde. Jedoch habe ich auch gemerkt, dass die Alarme manchmal alarmieren, obwohl sich vielleicht eine halbe Stunde (in beide Richtungen) alles wieder einpendelt – ganz ohne aufwachen. Deshalb bin ich nachts auch nur mit den notwendigsten Alarmen unterwegs 🙂

      LG
      Sara

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