Ich habe einen Körper – keine (Hochleistungs-) Maschine

Ernährung, Selbstliebe und Typ-1-Diabetes #BSLounge

Annika fragt sich: „Wer ist schon perfekt und was ist schon gesund?“ Der Vergleich mit den Körpern von vermeintlich fitteren und gesünderen Menschen hat sie immer weniger glücklich gemacht. Heute plädiert sie für mehr Liebe für den eigenen Körper.

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[Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Markennennung.]

„Gesund leben – 35 kleine Tipps mit großer Wirkung“, „10 Tipps für ein gesundes, langes Leben“ oder „Projekt Gesund Leben: Das bringt Sie zum Erfolg“.

Schlagzeilen, die die Medien überfluten. Zeitschriften, Instagram, und, und, und… überall sind Tipps und Erfolgsgeschichten präsent.

Was haben Instagram-Models mit mir zu tun?

Ich tippe auf meinem Instagram-Account #healthyfood ein. 58.146.014 Beiträge. Vor mir Bilder mit rohem knackigen Rotkohl, dunklen Grünkohlchips, prallen Kichererbsen, vereinzelten Spinatblättern, getoppt mit fruchtig rot-rosafarbenen Granatapfelkernen und Nüssen. Grünen Säften aus den verschiedensten Blättern und Pülverchen, Saucen mit Chiasamen und Beeren darauf. Untertitelt wird das Ganze mit #healthylifestyle, #lowcarb, #vegan, #glutenfree oder #healthyfood.

Ich tippe auf den Account eines Mädchens. Die folgenden Bilder: ein halbnackter Oberkörper im Spiegel, posierend in Schale geworfen. Fit und healthy. Im Fitnessstudio mit Gewichten, oder nach einem Lauf der Streckenverlauf, mit Zeit und Kalorienverbrauch dokumentiert. Erfolgsgeschichten durch und durch!

Ernährung, Selbstliebe und Typ-1-Diabetes #BSLounge
Quelle: Annika Nowotny

Ich sitze auf unserer Terrasse. Neben mir die Kaffeetasse und das Almkochbuch für das nächste Abendessen aufgeschlagen. Mein Mitbewohner fragt, worüber ich gerade schreibe, während er sich sein Baguette mit Butter und Käse beschmiert, eine Portion Senf daraufhäuft und die Milch mit einem Schluck Kaffee (ich glaube, Kaffee mit einem Schluck Milch passt in dem Fall nicht 😊) neben sich stehen hat. Als ich ihm von meinen Gedanken und der Frage der gesunden Ernährung erzähle, müssen wir beide lachen. Zwei Welten prallen aufeinander – nein, gleich vier. Die ursprüngliche Alpenküche mit dem aufgeschlagenen Kaspressknödel-Rezept, sein Frühstück und mein leerer Teller und dann das Instagram-Profil auf meinem Handy.

Ist für jeden das Gleiche gesund?

Um ehrlich zu sein, frage ich mich gerade, was von diesen vier Lebensstilen wohl der gesündeste ist. Die Menschen auf der Alm haben wahrscheinlich kein Sixpack, den es auf einem Foto darzustellen gibt. Doch haben sie einen Haufen frische Luft, körperliche Bewegung und Arbeit, Zeit abzuschalten und Ruhe für sich, und keine 58.148.014 Instagram-Vergleiche.

Mein Mitbewohner ist kerngesund, hat zwar ab und an vielleicht mal einen grippalen Infekt, macht aber Sport und isst, wenn er Hunger hat, und dann das, worauf er gerade eben Lust hat. Vegan, low carb, glutenfrei… Fremdwörter braucht er nicht im Essen.

Tja, und das Mädchen auf dem Profil… Sie gleicht meinen jahrelangen Diätplänen, Ernährungstrends und Lebensstilen. Sie war vielleicht sogar eines meiner Vorbilder der letzten Jahre. Was mir das gebracht hat?

Ich bin weder befreit vom Diabetes, noch habe ich ein Sixpack oder bin leistungsfähiger als sonst geworden.

Das Ziel: gesund sein. Das Ergebnis: Untergewicht.

Zu meinen „besten“ Zeiten hatte ich (m)ein Traumgewicht sogar unterboten, habe jeden Tag Yoga gemacht und war danach Laufen. Habe super healthy, vegan, low carb und sogar sugarfree zugleich gelebt. Immer mit dem Traum und Ziel, gesund zu werden. FIT – SPORTLICH – SCHLANK – LEISTUNGSFÄHIG und vor allem GESUND wie alle anderen gesunden Menschen eben auch.

Vor einigen Tagen bin ich in einem Artikel des ZEIT Magazins auf den Begriff „Orthorexie“ gestoßen. Man spricht von einer Essstörung, bei der nicht das „wie viel“ das Problem ist, sondern das „WAS und WOHER“. Betroffene sind geradezu besessen von Ernährung und Nahrungsmitteln. Gesünder, ethisch korrekter, ausgefallener, vielfältiger…

Meine Gedanken kreisen täglich ums Essen. Nicht nur dann, wenn ich Hunger habe. Nein, nahezu ständig! Ich habe manchmal das Gefühl, die Gedanken bestimmen meinen Alltag, mein ganzes Leben. Einfach genießen ist da kaum mehr möglich. Vor allem dann, wenn ich NICHT zufrieden bin mit meinem Körper. Wenn der Hüftspeck plötzlich über die Hosenränder ragt, das Anziehen der Jeanshose ein Kampf wird und die Rezeptsuche unter den Kategorien gesund, leicht und… tja, was ist nur das Richtige – die richtige Ernährung?!

Ich will doch einfach nur gesund und glücklich sein. Ist das denn so schwer? Mein Mitbewohner kann doch auch ein Weißbrot mit Butter UND Käse essen, ohne davon dick zu werden. Warum kann ich das nicht? Ich habe das Gefühl, immer kränker und weniger glücklich zu werden. Je mehr ich mich diszipliniere, umso schlimmer wird es.

„Ich bin unzufrieden mit mir. Mit meinem Körper, mit meiner Krankheit und mag gar niemanden mehr.“

Jahrelang habe ich immer wieder Ernährungspläne angefangen. Alles genau dokumentiert! Für meine Ärzte, habe ich immer gesagt. Jeder hat mich gelobt, weil ich mich gesund ernähre. Niemandem ist aufgefallen, dass die Menge für mich und meinen Körper WEIT zu wenig war! Ich habe immer mehr weggelassen. Alles ungesund. Selbst beim Traubenzucker habe ich Alternativen gesucht. Zu viel Plastik drum herum. Ein ungesunder Zucker. Ich bin auf Datteln und Honig umgestiegen. Unterzucker ist generell so eine deprimierende Sache. Ich soll essen, obwohl ich gerade gar keine Kalorien mehr zu mir nehmen will. Ich ignoriere das Brummen meines Dexcom-Messgerätes. Ignoriere das Piepen, stelle die Pumpe aus und hoffe, dass es vorbeigeht. Ich ärgere mich!

Ich bin unzufrieden mit mir. Mit meinem Körper, mit meiner Krankheit und mag gar niemanden mehr. Und wenn es eines gibt, was ich nicht mehr mag, dann ist es das Essen. Blöd nur, dass es genau das Essen ist, was mich am Leben hält. Was ich doch eigentlich so sehr liebe.

Seit dem Morgen auf der Terrasse sind einige Tage vergangen. Ich liege in meinem Bett. Heute Abend gab es Penne all’arrabbiata. Mein Blutzucker ist schon wieder im Keller und das nach 200ml Saft pur und zwei Stück Schokolade. Ich ignoriere das Piepen, habe die Pumpe ausgeschaltet und denke nach.

Wer ist schon perfekt und was ist schon gesund?

Ich lebe nun in einer WG, in der wir abends gemeinsam essen und immer jemand anders kocht. Es gibt mehr als einmal in der Woche Nudeln. Mein täglicher Ernährungsplan von Gemüse und fast ausschließlich regionalen Bioprodukten hat sich auf eine bunte Mischung mit Weißmehlkost, Käse, Fertigaufstrichen, Nutella und Zucker eingelassen.

Im letzten Jahr habe ich fast 10 kg zugenommen. Ich habe kaum Sport gemacht und habe mich immer wieder durch neue Krisen und Rückschläge gekämpft. Mein Körper ist müde und schwach von all den Jahren, alles perfekt machen zu wollen. Ich bin müde.

Jetzt merke ich, dass ich gerade weder Muße zum Sportmachen habe noch zum penibel auf meine Ernährung Achten. Und das ist okay! Ich fühle mich nicht schlank und sportlich. Um ehrlich zu sein: Ich fühle mich einfach normal und menschlich. Leichter (obwohl ich es auf der Waage nicht bin). Glücklich, weil ich wieder mehr Kraft habe und Menschen um mich herum, die – glaube ich – kein bisschen darauf achten, ob ich nun 10 kg mehr oder weniger wiege. Ich bin ein Mensch, kein Anschauungsobjekt oder keine Maschine. Meine Freunde kennen und lieben mich so, wie ich bin. Und das jeden Tag aufs Neue.

Für mich gibt es keine Norm, kein Erfolgsziel, das auf einem Blatt Papier oder einer Excel-Tabelle ausgearbeitet werden kann. Wenn ich dicker bin, bin ich nicht schlechter, dümmer, weniger schön oder anders. Ich bin und bleibe immer noch ich mit meinem Diabetes. Der ist mit dabei und dem soll es gut gehen.

Mehr Liebe für den eigenen Körper

Und wenn ich eines inzwischen merke: Meinem Diabetes geht es mit 10 kg mehr auf den Rippen sehr viel besser!! Ich habe gerade Zuckerkurven (ein bisschen zu tief, aber dafür konstant), keine Extreme mehr. Weniger zumindest. Und wenn es mal welche gibt, dann ist das auch okay.

Bei all den guten Ratschlägen wird oft vergessen oder bewusst übersehen, dass es Menschen gibt, bei denen das Schema F einfach nicht funktioniert. Deren Körper einfach ein bisschen mehr Liebe und Aufmerksamkeit braucht, sei es wegen des Diabetes oder einer Allergie, oder denen die „#raw- und #allvegan“-Ernährung schadet. Weil sie sich zu sehr einschränken und ihrem Körper Stoffe verwehren, die er doch so dringend braucht. Und das, um einer von den 500.000.000 Posts auf Instagram zu sein.

Um mich gesund zu fühlen, brauche ich mehr Essen als andere. Und da darf auch alles mit dabei sein. In Maßen natürlich! (Burger, Fritten und Chips meine ich damit nicht.)

Denn Magersucht, Orthorexie, Disziplin und Sportsucht sind alles Dinge, die dem Köper auf Dauer mehr schaden als guttun. Vergesst nicht, dass ihr auch nur ein Mensch seid und einen wunderschönen einzigartigen Körper habt. Der braucht eine Menge Liebe. Die bekommt er nur von euch selbst! 😊


Annika hat schon einmal über Die Philosophie des Essens oder: Essen ist mehr als nur KH und BE geschrieben.

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