Ein Schritt zurück und zwei nach vorn

Lesley-Ann schreibt über ihre Angst, schwach zu wirken, seitdem es ihr psychisch nicht gut geht, und erzählt, wie sie trotzdem den Schritt gewagt hat, sich Hilfe zu suchen.

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„Man muss nicht alles können, man muss nur wissen, wen man um Hilfe fragen kann.“

Den Spruch hat meine Oma mir schon immer gesagt und was soll ich sagen: Sie hat Recht.

Der Ist-Zustand

Ich bin inzwischen ein Mensch geworden, der gern alles allein schaffen möchte. Hilfe annehmen? Ich? Nee, besser nicht… Klar höre ich mir hier und da mal die Meinung meiner vertrauten Personen an, aber so wirklich auf jemanden zugehen und gestehen, dass ich Hilfe brauche, fällt mir sehr schwer. Ich fühle mich dann oft schwach und unbeholfen.

Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt, klar. Wenn es um meine Diabeteseinstellung geht, gehe ich zum Arzt und zur Diabetesberaterin, auch klar. Aber wenn es um meine Psyche geht, quatsch, das schaffe ich allein.

Mal ganz im Ernst: Warum sind mir psychische Erkrankungen und vor allem deren Behandlung unangenehm? Wieso schäme ich mich eigentlich, wenn ich professionelle Hilfe für meine Psyche annehme?

Was früher war

Der Grund, warum ich diesen Beitrag schreibe und offen mit dem Thema umgehe, ist folgender: Wie vielleicht einige wissen und in einem meiner Beiträge für die Blood Sugar Lounge gelesen haben, habe ich vor ein paar Jahren an Diabulimie gelitten. Im März 2017 habe ich meine letzte Gesprächstherapie erfolgreich abgeschlossen.

Seit gut einem halben Jahr habe ich immer mal wieder das Gefühl, dass es „nicht rund“ läuft. Wisst ihr, was ich meine? Dass hier und da mal ein Steinchen auf dem Weg liegt, ist ja klar. Und gerade diese kleinen Steinchen kann ich immer ganz gut bewältigen. Aber wenn die Steinchen zu ausgewachsenen Steinen mutieren und eben nicht nur hier und da einer liegt und man rückfällig wird, dann ist Vorsicht geboten.

Ich kann von Glück sagen, dass ich gelernt habe, selbst aufmerksam und hellhörig genug zu sein, um zu merken, wenn ich vom richtigen Weg abkomme.

Wie geht man nun aber mit so einem „Rückfall“ um? Da gibt es sicher kein Rezept, kein Richtig und kein Falsch.

Quelle: Pixabay

Mein Rückfall

Ich selbst gehe mit Problemen meistens so vor:

  1. Problem erkennen
  2. Problem aufschreiben und annehmen, dass es jetzt „da“ ist
  3. mit Mitmenschen darüber reden
  4. Lösung suchen
  5. Problem beheben

Und genau so bin ich auch dieses Mal vorgegangen.

Mir wurde bewusst, dass ich mich nicht mehr ausreichend um den Diabetes kümmere, dass ich immer wieder Insulindosen weglasse, das Management schleifen lasse, dass ich selbst auf der Strecke bleibe, Mahlzeiten auslasse, Essanfälle habe und dass ich viel zu wenig schlafe. Mir wurde bewusst, dass ich langsam (!!!) anfange, in den alten Strudel zu geraten, wieder die alte Fahrbahn zu nehmen anstatt der neu gebauten. Ich habe das Problem also erkannt – und das ist gar nicht so einfach! Bei mir hat es knapp zwei Monate gedauert! Es gab Tage, da habe ich es eingesehen, und es gab andere, an denen habe ich mich selbst belogen: Ist doch alles gut, ein klitzekleiner Durchhänger, das wird schon wieder, bist doch nicht blöd…

Der Lösungsweg

Als ich die Problematik aber mal aufgeschrieben habe, war das alles irgendwie realer, präsenter, einfach irgendwie mehr „da“. Ich habe dann mit meinen engsten Freunden, meiner Mama und meiner Schwester gesprochen und letztendlich habe ich, ich allein, die Entscheidung gefällt und meine damalige Therapeutin angeschrieben. Wichtig ist mir, dass ICH die Entscheidung getroffen und somit eine Lösung gefunden habe. Ja, ich habe mir Meinungen eingeholt und, ja, ich habe mit meinen Liebsten darüber gesprochen, aber wie sagt man so schön: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!

Nach dem Telefonat mit meiner damaligen Therapeutin habe ich dann durch sie Kontakt zu einer Therapeutin aufgenommen und nur vier Wochen später meinen ersten Gesprächstermin gehabt. Ein Schritt, der nicht einfach ist, natürlich. Und definitiv auch ein Schritt, den man gut überlegt gehen sollte, ja. Aber ich bin froh und stolz, dass ich die Kraft hatte, darüber nachzudenken und abzuwägen, und den Mut fassen konnte, diesen Schritt zu gehen.

Ein Schritt zurück bedeutet nicht immer gleich, versagt zu haben, oft ist es nur ein Ausholen zu einem noch größeren Sprung nach vorne.


Gastautorin Dr. Lara Gomille hat ihre Sicht zum Thema psychische Gesundheit und Diabetes für die #BSLounge aufgeschrieben: Die Psyche bei Diabetes – sprich mit anderen!

4 Kommentare zu “Ein Schritt zurück und zwei nach vorn

  1. Liebe Lesley-Ann, sich selber eingestehen zu können, dass man professionelle Hilfe benötigt, ist bereits eine starke Leistung. Da gehört schon sehr viel Selbstreflektion und Einsicht dazu. Das weiß ich leider aus eigener Erfahrung. Deswege, Hut ab und toi toi toi. LG Felicitas

  2. danke für deinen schönen Beitrag!!
    ich merke – er tut mir gerade seelisch ganz schön gut!
    Denn ….
    ich sitze gerade an meinem Schreibtisch. Grüble und ja – verfalle in so viele alte Gedankenmuster und weiß gar nicht mehr was ich dann eigentlich wirklich will. Essen- nicht essen – sport – kein sport, Disziplin – wie ging das nochmal?! …. mist irgendwie klappt ja eh nichts… ich kann das sowieso nicht …
    Es ist schon ohne den Diabetes schwierig mit seinem Kopf und seinen Gedanken klar zu kommen. Noch viel schwieriger: mit Diabetes genau in solchen Zeiten trotzdem noch alles unter Kontrolle zu haben. Ich schaffe es oft nicht und schäme mich dafür. Schweige und hoffe dass alles wieder irgendwann leichter wird. Über die Psyche schreiben ist so schwer, weil man sie selbst oft nicht versteht. Ich zumindest nicht.
    Dein Text ist ehrlich einfach und direkt. Und vielleicht ist es gar nicht so schlecht mal alle Fakten auf ein Blatt Papier zu kritzeln und alles vor Augen zu lesen. …. viellecht mache ich das mal, wenn ich doch eh schon am Schriebtisch sitze und in Gedanken grüble 🙂
    Vielleicht kommt ja was dabei heraus und dann kann ich darüber endlich mal wieder schreiben / mir das ganze Thema klar von der Seele schreiben und dem traurigen “ES” einen passenden Namen geben.

    liebe Grüße

  3. Danke für den sehr schönen Beitrag . Ich kenne das auch und Hilfe annehmen fällt mir noch schwer und ein Rückfall ist nur ein Vorfall wichtig ist wieder aufzustehen und weiter machen .

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