Ich lebe in einer Diabetes-Blase

In Ramonas Alltag sind mittlerweile eher die Menschen ohne Diabetes die Außenseiter. Wie kam es eigentlich dazu, dass sie sich in dieser „Diabetes-Blase“ befindet?

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Ursprünglich war es mein Plan, einen Text zum Monatsthema zu schreiben. Als ich von „Diabetes und Diskriminierung“ las, kamen nämlich sehr schnell und sehr lebhaft Erinnerungen an meine Sportlehrerin aus der 7. Klasse zum Vorschein, die mir jedes Mal, wenn ich aufgrund des Diabetes gerade nicht teilnehmen konnte, eine schlechte Note eintrug. Wie oft das nun wirklich der Fall war und wie oft das Verhalten eben dieser Sportlehrerin dazu führte, dass ich, ausgerechnet in diesem Moment, natürlich, schon wieder, dummerweise eine Hypoglykämie hatte (Mensch, das kommt aber auch immer ungelegen!) – darüber diskutieren wir an anderer Stelle. Aber ich weiß noch, dass diese Lehrerin den gleichen Namen hatte wie der bissige Dackel meines Vaters und mehr muss man dazu eigentlich auch nicht mehr sagen.

Die Diabetes-Blase

Gut, zurück zum Thema. Ich wollte also einen Beitrag zum Thema Diskriminierung schreiben. Und als ich so dasaß und über Situationen in der letzten Zeit nachgedacht habe, in denen ich mich aufgrund des Diabetes schlechter behandelt gefühlt habe… ist mir tatsächlich nichts eingefallen. Unwissende Kommentare von Kollegen, wenn man gerade mal eine Pause benötigt? Fehlanzeige. Freunde, die immer noch nicht verstehen, bei welchen Werten ich spritzen muss und bei welchen essen? Nope. Habe ich also nur ein ungemein verständnisvolles Umfeld? Quasi den Jackpot im Freunde-und-Familie-Lotto? Nicht ganz. Erst, als ich über Diskriminierung nachgedacht habe, ist mir aufgefallen, wie sehr ich mich in meiner „Diabetes-Blase“ befinde.

Der Außenseiter wäre dann wohl in meinem Falle die Person ohne Diabetes.
Quelle: Pixabay

Aber fangen wir von vorne an. Eigentlich hatte ich mein Leben lang das Gefühl, man müsse andere Menschen mit Diabetes quasi mit der Lupe suchen. Sie waren irgendwie einfach nicht da und man selbst gefühlt allein auf weiter Flur. Dabei wusste man doch, dass es bei ungefähr 300.000 Typ-1-Diabetikern in Deutschland noch irgendwo 299.999 andere geben müsste. Aber irgendwann kam der Wendepunkt – beziehungsweise, er kam schleichend.

Der Wendepunkt

Seit einigen Jahren arbeite ich in der Diabetesbranche. Da ist es auch schon egal, welches Unternehmen nun genau gemeint ist, denn eines haben sie alle gemeinsam: Man ist von Menschen umgeben, die entweder selbst mit Diabetes leben, oder von Menschen, die zumindest viel Ahnung von der Materie haben. Also meistens. Ach, ihr wisst, worauf ich hinauswill: Man wird jedenfalls nicht krumm angeschaut, wenn man sich während der Präsentation seelenruhig ein Stück Traubenzucker in den Mund schiebt. Oder wenn man den Bauch zum Insulininjizieren auspackt und sich der Geruch von Insulin im Raum verbreitet. Oder wenn man der Kollegin sagt, dass man gerade nicht Mittagessen möchte, weil der Blutzucker noch zu hoch ist. Es wird nicht kritisch beäugt oder kommentiert – sondern einfach so hingenommen.

Diabetes im Beruf und im Privatleben

Genau so verhält es sich mit meinen Freunden: Durch die Online-Community besteht auch mein Freundeskreis mittlerweile zu einem großen Teil aus Menschen mit Diabetes. Sogar mein Partner hat Diabetes. Auch hier: keinerlei Konfliktpotential, denn alle kennen sich aus. Keine Fragen, ob ich das Essen dürfte. Kein Schielen auf mein Messgerät, gefolgt von der Frage, ob das nun gut oder schlecht wäre. Keine Streits, die vom Zaun gebrochen werden, nur weil sich wieder eine gewisse Aggressivität während der Unterzuckerung breitgemacht hatte. Und apropos Unterzuckerung: Immer genug Gummibärchen in der „Hypo“-Schublade haben meine Freunde auch.

Ob das nicht ein bisschen viel Diabetes ist? Im Beruf, im Freundeskreis, in der Beziehung? Nein, definitiv nicht! Ironischerweise ist es genau umgekehrt: Dadurch, dass der Diabetes immer so präsent ist, ist er zur absoluten Normalität geworden und oft ist es fast, als wäre er nicht da. Ich fühle mich jedenfalls sehr wohl hier in meiner Diabetes-Blase – und Platz für bissige Sportlehrerinnen gibt es hier sowieso keinen mehr.


Wie es ist, wenn der Diabetes im Job allgegenwärtig ist, weiß auch Tine: Es piept hier in unserem Büro.

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