Diabetes – Vor- oder Nachteil? Ein Kommentar

Annes Beobachtungen zur Corona-Krise beinhalten viele Vergleiche zum Leben mit Typ-1-Diabetes. Welche Erfahrungen lassen sich im aktuellen Alltag wiedererkennen – welche können sogar ein Vorteil sein?

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Diabetes ist nicht nur ein ganz individuelles, sondern zugleich auch ein gesellschaftliches und damit politisches Thema. Das bringt es mit sich, dass im gleichen Atemzug, wie im Umgang mit Corona-Viren allen Menschen Verhaltensregeln an die Hand gegeben wurden, Menschen mit Diabetes als sogenannte Risikopatienten einsortiert wurden und damit besondere Regeln einhergingen.

Mal wieder waren Menschen mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 über einen Kamm geschoren worden und mit Eigenschaften bedacht, die sie sich selbst nicht zuschreiben würden. Dafür wurden andere Eigenschaften vielleicht übersehen, die eher in die Kategorie Talente denn Schwächen passen. Welche könnten das sein?

Quelle: Anne Seubert

Vor zwei Wochen, als Video-Konferenzen gerade en vogue kamen, lud ich zwei Freundinnen zum Google Hangout statt abendlicher Kneipentour. Eine davon hat auch Diabetes Typ 1 und während wir auf die Dritte warteten, erzählten wir uns gegenseitig den Status quo. Pumpe, Werte, Nächte – das Übliche und dann ganz schnell auch: Kommst du klar? Hast du alles? Wie empfindest du das Risiko?

Typ-1-Diabetiker*innen in der Kategorie Risikopatient*in?

Die Freundin arbeitet als Erzieherin in einem Kindergarten und war von ihrem Arbeitgeber zwei Tage zuvor bis auf Weiteres freigestellt worden. Die Begründung? Als Diabetikerin sei sie eine Person mit einem erhöhten Risiko für eine Ansteckung mit Corona und einer erhöhten Gefahr eines schwereren Krankheitsverlaufs bei einer Erkrankung an Covid-19.

Ergo Risikopatientin! Das Wort fällt bereits im zweiten Satz und ich höre ihrer Stimme an, wie sie sich damit nicht identifiziert. Sie schildert, wie sie sich mit der Freistellung zum ersten Mal durch ihren Diabetes gar bevorzugt behandelt fühlt. Wie ungewohnt diese Rolle ist und wie unwohl sie sich fühlt, fügt sie nach einem kurzen Schweigen und einem entschuldigenden Lächeln – Video! – hinzu.

„Man möchte kein*e Risikopatient*in sein, weder aus Alters- noch aus gesundheitlichen Gründen.“

Wir diskutieren nur kurz über gut versus gut gemeint und gehen dann dazu über, was es konkret für sie bedeutet und wie sie ihre Tage jetzt gestaltet.

Seitdem geht mir der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf. In den vergangenen Tagen und Wochen wurde das Thema auch von Fachleuten und in den Medien diskutiert, Gut eingestellte Typ-1-Diabetiker*innen seien, so der Tenor mittlerweile, erstmal auch nicht mehr im Risiko als andere Menschen. Obgleich sowohl, was die Ansteckung als auch was die Krankheitsverläufe angeht, logischerweise noch keine verlässlichen Daten vorliegen, es passiert ja gerade alles live. Die Bezeichnung bleibt, stigmatisiert, verunsichert und frustriert. Man möchte kein*e Risikopatient*in sein, weder aus Alters- noch aus gesundheitlichen Gründen. Gesund sein und bleiben möchte man.

In den folgenden Tagen schubse ich den Gedanken schließlich in eine andere Richtung: Haben wir Menschen mit Diabetes, wir, die wir seit Jahren mit einer chronischen Krankheit leben, haben wir nicht gerade in diesen Zeiten anderen Menschen einiges voraus und somit jede Menge Hilfreiches anzubieten?

Typ-1 Diabetiker*innen als Coaches in Zeiten der Krise?

Zurzeit machen viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung, dass ihr Alltag massiv durch das Thema Gesundheit beeinflusst wird. Es scheint gar nur mehr dieses eine Thema zu geben. Ziemlich schnell war klar geworden, Covid-19 kann jede*n treffen und der Verlauf der Krankheit kann sehr unangenehm werden und zwar unabhängig davon, wie fit und gesund der/die Patient*in ist. Sie fühlen sich einem Risiko ausgesetzt, das sie nur sehr bedingt kontrollieren können. Sie können viele Dinge nicht mehr so spontan ausführen wie gewohnt, sondern müssen, zugunsten ihrer Gesundheit, Umwege gehen, Verabredungen und Pläne aufschieben oder ganz absagen. Sie müssen vor jeder Aktivität Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und wissen nicht, was die Zukunft bringt.

Quelle: Ina Manthey

Menschen mit chronischen Krankheiten wie Diabetiker*innen hingegen sind es gewohnt, ihr Leben einer gesundheitlichen Pflicht unterzuordnen und jede Entscheidung aus der Perspektive des Diabetes auszuleuchten, bevor sie reinbeißen/rausgehen/Ausflüge planen. Sie sind zeitlebens Patient*in.

Einige Beispiele

  1. Stichwort Spontanität und Pläne: So manche spontane Aktion kann nicht durchgeführt werden, sei es das Eisessen oder der Sport, weil die Blutzucker-Werte gerade nicht ideal dafür sind. Die Handtasche muss vor jedem Gang nach draußen mit Not-BEs, Messgeräten und Insulinpens bestückt werden. Oder in Zeiten von Corona: Draußen Eis und Kaffee in der Sonne essen? Pustekuchen!

Idee: Gelassenheit ist Trumpf. Was kann ich mir jetzt Gutes tun? Lässt sich das Eis zu Hause essen? Oder kommt es auf eine Liste mit den Dingen, die ich mir mal gönnen möchte?

  1. Stichwort Angst und Aufmerksamkeit: Menschen mit Diabetes wissen, was es heißt, wenn eine Diagnose dein Leben verändert und die Angst vor Überforderung und Unterzuckerung, vor Krankheit und Spätfolgen fortan Teil von dir ist. Mal mehr, mal weniger. Menschen, die jetzt plötzlich mit Werten und Risiken konfrontiert werden, müssen erst lernen, damit einen Umgang zu finden.

Idee: Deine Aufmerksamkeit kuratieren. Der Angst Raum geben, zum Beispiel ein konkretes Zeitfenster. Und gleichzeitig die Realität ins Zentrum stellen: Was ist jetzt gerade? Was kann ich gerade tun, damit es mir gut geht?

  1. Stichwort Disziplin, Regeln und Selbstmotivation: Sich selbst jeden Tag zu einem Extra an Aufgaben zu motivieren, zu messen, zu spritzen, zu warten und die eigenen Bedürfnisse und Triebe öfter mal hintanzustellen. Ob das jetzt die Maske ist oder das Desinfektionsspray oder das morgendliche Messen und Abstand zwischen Spritzen und Essen. Wir wissen, wie es sich anfühlt, nach einer Nacht voller Unterzuckerungen gerädert aufzuwachen oder nach einer Nacht, in der wir zigmal aufgestanden waren,  um zu messen, zu spritzen oder etwas zu essen. Menschen, die jetzt zu Hause bleiben müssen und sich selbst im Homeoffice zu Arbeit und Sport motivieren müssen – we feel you!

Idee:  Du sorgst für dich. Das ist aktive Selbstliebe. Spüre, wie gut es dir tut, wie sicher du dich fühlst, wie stolz du auf dich bist. Du bist nicht allein, tausche dich aus, wie machen es andere? Wo kannst du dir Tipps und Tricks holen, wo dich mal anlehnen? Vielleicht ist es einfacher, zu zweit, mit dem Partner oder einer Freundin?

  1. Stichwort Gesundheit und Risiko: Gesundheit spielt plötzlich die Hauptrolle in eurem Leben? Werte, Risiken und was – und wie viel oder wie wenig – man dazu beitragen kann, dass die Kurve flach und im Zielbereich bleibt?

Idee: Sich Gesundheit zu wünschen, ist das eine. Es hat aber einen guten Grund, denn ohne Gesundheit ist vieles im Leben viel schwerer. Du musstest dir bisher keine Gedanken um deine Gesundheit machen? Zeit, dankbar zu sein. Ein funktionierender Körper ist keine Selbstverständlichkeit.

  1. Stichwort Bescheidenheit und Kontrollverlust: Das Leben ist nicht mehr berechenbar? Was gestern galt, ist heute nur noch mit einem Lächeln zu betrachten? Der Arzt kann auch nur Ratschläge geben, die Wirklichkeit hat ihre eigenen Regeln und ändert diese gerne auch mal von heute auf morgen? Herzlich willkommen im Leben eines Menschen mit Typ-1-Diabetes, der versucht zu verstehen, wie sein Blutzuckerspiegel auf einzelne Nahrungsmittel, Gerichte und Aktivitäten reagiert, um daraus Regeln ableiten zu können, um daraus einen Leitfaden abzuleiten. Nur um festzustellen, dass zwar gestern Kohlenhydrate morgens zu einem immensen Blutzuckeranstieg führten, heute aber nicht.

Idee: Das Leben ist kein Ponyhof und wir sind keine Maschinen. Wir haben vieles nicht unter Kontrolle und können nur bedingt die Folgen abschätzen. Urteile und Bewertungen sind häufig fehl am Platz, um Schuld geht es sowieso nicht. Umso wichtiger sind Gelassenheit und das Unterscheiden zwischen Fakten und Glauben. Wir glauben so gern, es gäbe für alles ein Rezept und dann einfach Copy und Paste, so einfach ist es leider nicht. Das klingt erstmal ernüchternd, ist aber zugleich eine Einladung zum Ausprobieren und Sichkennenlernen.

Quelle: Unsplash

Wie sind eure Erfahrungen?

Die Einladung zum Ausprobieren, zum Sichkennenlernen gilt in Tagen wie diesen ganz besonders. Vielleicht gibt es eine*n DiabetikerIn in eurem Bekanntenkreis, den man kennen lernen und fragen könnte, wie er sich damit arrangiert hat und ob er einen guten Tipp am Start hat? Vielleicht lohnt es, sich als Mensch mit Diabetes mal in die Rolle des Gebenden und nicht des Belastenden und des Opfers reinzudenken? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht, die gerade hilfreich sein könnten?

Ich will es wissen, denn meine Ideen sind ja nur meine spontanen Ideen und Ansatzpunkte, die sich sicherlich noch ergänzen lassen. Fest steht: Mit Diabetes lässt sich leben. Wir leben seit Jahren damit und wir sind ganz normale und ganz unnormale, unterschiedliche Menschen mit Ängsten und Talenten, mit Vorlieben und Abneigungen, die gelernt haben, sich zu arrangieren und sich täglich zu spritzen oder alle paar Tage eine Kanüle zu setzen. Ja, das kann auch mal wehtun, unerträglich schwer scheinen, frustrieren und es bietet Raum für den ein oder anderen Perspektivwechsel.

Welcher Perspektivwechsel hat euch in den letzten Wochen die Augen geöffnet? Welche Tipps habt ihr?


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