Weniger Kohlenhydrate? Hör mir bloß auf!

Manchmal fühlt sich Bettina als Typ-2-Diabetikerin, die in Sachen "weniger Kohlenhydrate" unterwegs ist, als Outlaw, als Quertreiberin und manchmal sogar als Persona non grata.

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„Lass mir bloß meine Ruhe mit Low Carb“, so häufig die Reaktion von anderen Typ-2-Diabetikern auf meine selbst gewählte Ernährungsweise mit weniger Kohlenhydraten.

Wenn die Diagnose Typ-2-Diabetes gestellt wird, kann man in Sachen Ernährung unterschiedlich reagieren. Ja wirklich, es gibt auch jenseits der offiziellen Leitlinien Optionen, nur werden die einem nicht in jeder Diabetesschulung verraten. Die meisten Diabetiker orientieren sich daher an der Empfehlung der DGE, die als Ansage rausgibt, weiterhin etwa 50% der Energiezufuhr über Kohlenhydrate zu bestreiten. Die Berechnung der Broteinheiten wird in der Diabetesschulung passend vermittelt und der Blutzucker dann mit Hilfe des Facharztes medikamentös in die Schranken gewiesen. Das ist normales Prozedere und Alltag in der Typ-2-Diabetes-Hochburg Deutschland.

Weniger Kohlenhydrate – das finden inzwischen auch Diabetologen gut

Es gibt jedoch auch noch die Möglichkeit, die Richtung zu wechseln und auf den Pfad der Low-Carb-Ernährung einzuschwenken, also konsequent Kohlenhydrate zu reduzieren. Nicht wenige Diabetologen bieten inzwischen mit der LOGI-Ernährung (Low Glycemic and Insulinemic) den Einstieg in eine moderat kohlenhydratreduzierte Kost an.

Warum die Kohlenhydrate reduzieren?

Denken wir doch mal kurz logisch und schalten unser Hirn ein. Wenn ich an einer Kohlenhydratverwertungsstörung leide, ist es nicht wirklich schlüssig, weiterhin Kohlenhydrate zu futtern, als würde das Problem nicht existieren.

„Du kannst keine Kohlenhydrate abbauen? Macht nix. Iss doch viele Kohlenhydrate.“

Nachdem ich in meiner Diabetesschulung verstanden hatte, was mein gesundheitliches Problem ist, gab es für mich eigentlich nur die Schlussfolgerung, dass es wohl gesünder ist, wenn ich mit den Kohlenhydraten etwas auf die Bremse trete. Keine Vollbremsung, aber so viel, wie es braucht, um Wirkung zu zeigen.

Ich verließ also die breite Straße der DGE-Empfehlung und begann, mein eigenes Ding zu machen. Das kann man gut finden oder nicht, aber es war meine Entscheidung, und die bitte ich zu respektieren. Allen Skeptikern zum Trotz bin ich heute trotz mehr Fett und weniger Kohlenhydraten auf dem Teller eine Vielzahl Kilos leichter.

Da meine Bauchspeicheldrüse noch Insulin produziert, komme ich mit der reduzierten Zufuhr an Kohlenhydraten so gut zurecht, dass ich keinerlei Medikamente mehr nehmen muss. Ich pendele zwischen Langzeitwerten von 5,4 bis 5,7% und muss außer den Quartalsuntersuchungen keine Blutzuckermessungen mehr über mich ergehen lassen.

Gegenwind aus der Typ-2-Community

Ein toller Erfolg, und man sollte meinen, dass mir ein Rattenschwanz an Typ-2-Diabetikern an den Lippen hängt, um zu hören und zu lernen, wie ich das so super hinbekommen habe. Aber falsch gedacht, denn von einigen Ausnahmen abgesehen, weht mir in der Typ-2-Community immer wieder ganz schön Gegenwind um die Nase, wenn ich berichte, wie ich mit meiner Diabetes-Erkrankung umgegangen bin.

Schreiben Sie mal in einem allgemeinen Typ-2-Forum, dass Sie sich als Diabetikerin Low Carb ernähren, und ein kleiner Shitstorm ist Ihnen gewiss. Von energischen Hinweisen, dass man Low Carb als Diabetiker nicht darf, bis zu Belehrungen, dass Diabetiker zu jeder Mahlzeit zwingend eine Scheibe Brot essen müssen.

Es kommt noch schlimmer. Denn es kommt immer wieder der Einwurf, dass die eigene Diabetikerberaterin ausdrücklich gesagt hat, dass Kohlenhydrate zu reduzieren schlecht sei für Diabetiker und dazu sehr gefährlich. Natürlich gibt es auch immer noch die Fraktion, deren Leben ohne Pastazufuhr scheinbar unmittelbar endet, und dann die Gruppe an Diabetikern, die sich per se nicht vorstellen können, auch nur ein Minimum mehr an Zeit in der Küche zum Kochen aufzuwenden.

Warum sind so  viele dagegen?

Warum geben so viele Typ-2-Diabetiker einer kohlenhydratreduzierten Ernährung keine Chance und verteidigen diese Haltung so überaus energisch?

Natürlich muss man die Reduzierung der Kohlenhydrate behutsam angehen, besonders wenn die Gefahr einer medikamentenverursachten Unterzuckerung besteht. Aber die pauschalen Aussagen, manchmal sogar von vermeintlich fachkundigem Beratungspersonal, sind eher bedenklich. Wir wollen doch mündige und verantwortungsbewusste Patienten? Dann sollten wir diese auch mit umfassenden Informationen füttern und ihnen alle Möglichkeiten und Wege aufzeigen, die es gibt. Klar und transparent, im Sinne und zum Nutzen der betroffenen Diabetiker.

Pauschal “Bäääh!” und “Böööse!” rufen ist einfach kindisch

Es gibt immer ein Für und Wider, egal welche Ernährung das Rennen macht. Entscheiden muss jeder Diabetiker für sich, wie er seine Ernährung gestalten will und auch dauerhaft kann. Es gibt nicht einen Weg, der für jeden Diabetiker passt, auch wenn es das Lehrbuch oder die Wissenschaft vielleicht gerne so hätte. Sind wir realistisch, auch an diesen „einen“ offiziellen Weg halten sich ja viele Diabetiker nicht.

Diabetiker sind Menschen und die lassen sich nicht immer in theoretische Schemata pressen

Wenn jetzt die Ausrede kommt, dass weniger Kohlenhydrate nicht als Option benannt wird, weil Diabetiker das auf Dauer nicht aushalten können, dann kann ich nur sagen, dass fettreduziert mit ordentlicher Kohlenhydratzufuhr auch nur schlecht langfristig durchgehalten wird. Fettarme Kost schmeckt häufig nicht wirklich lecker und hat in der Sättigung echte Schwächen. Außerdem will ich betonen, dass sich die Low-Carb-Ernährung in den letzten Jahren gewandelt hat. Ganze Kochbücher werden inzwischen mit gemüselastigen Low-Carb-Schmausereien gefüllt, wie ich aus allererster Hand berichten kann.

Macht Insulin etwas kampfeslustig?

Könnte man meinen, denn man wird mir gegenüber teilweise richtig bissig. Als wollte ich den Leidgenossen das Brot vom Teller klauen, sind die häufig für keine sachlichen Argumente offen. Dabei bin ich nie überschäumend missionierend unterwegs, sondern will einfach erreichen, dass quergedacht wird und jeder für sich selbst prüft, ob Low Carb nicht doch ein gangbarer Weg ist, der der Gesundheit und dem Genuss guttut.

Vielleicht sind die massiven Vorbehalte das Ergebnis der Diabetesschulungen, in denen die Low-Carb-Ernährung nicht immer sehr wohlwollend betrachtet wird. Häufig ist es wahrscheinlich einfach auch die Unkenntnis darüber, was weniger Kohlenhydrate auf dem Teller ganz praktisch bedeuten. „Schmeckt nicht“, und damit ist die Sache dann schon vom Tisch. Ganz bestimmt schwingt auch oft die Angst vor Veränderung mit. Vielleicht, nachdem man sich gerade mit einer Krankheit arrangiert hat, ist das Maß voll und die Lust, sich mit der Krankheit und dem Drumherum erneut zu beschäftigen, gering.

Bitte keine virtuelle Erdolchung wegen der Kohlenhydrate!

Alles nachvollziehbar, da könnten wir doch toll drüber quatschen. Nur rechtfertigt das eben nicht, seine eigene Meinung als Diabetesgesetzmäßigkeit wild blökend kundzutun. Ich will nicht für meine kohlenhydratreduzierte Gemüsepfanne virtuell erdolcht werden. Mache ich im Gegenzug auch nicht, wenn im Diabetikerforum gelegentlich kohlenhydratgeschwängerte Torten und Berge von Nudeln als Essensbilder gepostet werden, bei denen die Broteinheiten in meinem Kopf gerade so durchrattern. Ich halte es mit dem Grundsatz: „Wenn du nichts Nettes oder zumindest Konstruktives beizutragen hast, dann besser die Klappe halten“, und fahre damit ganz gut. In diesem Sinne freue ich mich über einen netten Austausch in der Blood Sugar Lounge.


Link-Tipp zum Thema “Umstellung auf Low Carb”: Steffie erzählt, wie sie es geschafft hat und wie sich ihr Gewicht und ihre Diabeteseinstellung verändert haben. Und natürlich beschäftigen sich auch weitere BSL-Autoren mit Low Carb – zum Beispiel Kathi und Heike.

 

 

10 Kommentare zu “Weniger Kohlenhydrate? Hör mir bloß auf!

  1. Liebe Betti,

    die LowCarb-Ernährung funktioniert auch gut bei mir, ich leide unter zu niedrigem Blutzucker, das kommt zwar selten vor, aber es gibt solche Leute. Wenn ich zum Frühstück ein Brötchen mit Marmelade esse kann ich darauf warten, daß ich einen Unterzuckerungsanfall bekomme. Mit den HappyCarb-Brötchen passiert mir das nicht. Ich bin froh, daß ich Dich und Deine Rezepte gefunden habe, Happy Carb ist genau mein Ding, viel Gemüse und keine Unterzuckerung mehr.
    Liebe Grüße
    Erika

    1. Liebe Erika, ich freue mich, dass meine Brötchen dir so gut helfen. Da macht sich sicher bemerkbar, dass dank der Haferkleie und des Eiweißanteils der Blutzucker nur moderat und sehr langsam ansteigt. Das braucht wenig Insulin und die Gefahr, dass der Blutzucker in den Keller rasselt ist viel geringer. Schön, wenn das bei dir funktioniert. Ich wünsche dir viel Spaß weiterhin.
      Liebe Grüße Betti

  2. Hallo, Betti! : )

    Leider habe ich Diabetes 2 und MS. Seit ich meine Ernährung vor 1 Jahr umgestellt habe geht es mir viel besser! Und mit Happy Carb wird es weiter gehen! : )

    Ich finde es absolut klasse was Du erreicht hast! Wenn Du meine Schwester wärest, dann würde ich sagen: “Ich bin sehr stolz auf Dich!”

    Viele liebe Grüsse
    -Valda-

    1. Hallo liebe Valda, lieben Dank für dein tolles Kompliment. Es geht doch nichts über ein paar neue virtuelle Schwestern :). Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und Spaß mit meiner bunten Ernährung. Frohes Kochen und Genießen. So lässt sich Diabetes echt gut aushalten. Ganz liebe Grüße Betti

  3. Liebe Betti,

    vor rund einem halben Jahr wurde bei meinem Mann Diabetes 2 diagnostiziert und kurz darauf hielt dein tolles Rezeptbuch bei uns Einzug. Rezept und Rezept probierte ich aus und innerhalb von nur drei Monaten verlor mein Mann 25 kg Gewicht, ohne dabei jemals das Gefühl gehabt zu haben, dass ihm etwas fehlte. Schlemmend satt und gleichzeitig schlank und gesund zu werden … das ist doch DIE die Lösung!

    Zwischenzeitlich benötigt er nur noch die halbe Dosis seiner Blutzucker- und Bluthochdruck-Medikamente und wir sind sicher, dass sie noch weiterhin reduziert werden kann. Eine solche Entwicklung hatten wir im Vorfeld nie für möglich gehalten und sind dir unendlich dankbar, dass du uns eines besseren belehrt hast!

    Viele liebe Grüße
    Anke

    1. Hallo liebe Anke, wenn ich deinen Kommentar, wie so viele, die ich in die Richtung erhalte lese, bekomme ich Gänsehaut vor Freude. So oft ich kritisiert werde für meine Kohlenhydratreduktion, noch viel häufiger bekomme ich Meldungen wie toll Diabetiker ihre Werte mit meinen Rezepten im Griff haben. Ich freue mich einfach, dass was bei mir gut klappt auch so toll auf andere Diabetiker reproduzierbar ist. Schön, dass dein Mann so erfolgreich ist und vor allen Dingen, dass er nicht das Gefühl hat, er müsste verzichten und darben. Ich freue mich und es scheint gerade etwas Sonne hier herein, obwohl es total grau draußen ist. Danke für deine tolle Rückmeldung.
      Liebe Grüße Betti

  4. Hallo Bettina. Ich gehe wie folgt mit Low carb um . Ich bin Dia 2 Typ und spritze Insulin, Tabletten vertrage ich nicht, seit 8 Jahren. Ich habe 2 Jahre ganz streng nach Low carb gelebt, musste aber dann wieder umstellen, weil ich nicht mehr klar kam. Mir “fehlten” dann doch Kohlehydrate und es machte sich bei mir bemerkbar wie: Antriebslos, keine Kraft mehr, usw., meine Cholesterinwerte fingen dann an zu jubeln.
    Mit meiner Dia Assistentin habe ich dann einen Deal gemacht. Morgens wird eine Semmel, Brot oder auch selbst zusammen gestelltes Müsli gefuttert. Mittags wäge ich sehr gut ab, ob ich (wenig) Kohlehydrate zu mir nehme. Abends gibts keine.
    Seitdem ist alles wieder im grünen Bereich. (Auch mal naschen ist drin).
    Klar muss man sich mit seiner Ernährung am Anfang mehr beschäftigen, aber es lohnt sich. Ich finde, jeder sollte seinen eigenen Weg finden und auch ausprobieren und nicht gleich meckern o.ä.

  5. Es ist unverantwortlich, wie noch immer nach DGE empfohlen wird, obwohl mittlerweile klar ist, dass diese Mischkost verantwortlich für diese Epedemie ist. Ärzte wie Dr Bernstein zeigen, dass man es auch anders machen kann.
    Ich selber bin Typ1, habe ein 1c von um die 5 bei zwischen 30 und 50g Carbs am Tag ohne Einschränkungen an Genuss und Leben. Mittlerweile Coache ich auch andere die Interesse daran haben.

  6. Hallo Betty,

    wie recht du mal wieder hast.
    Institute und die Medizin brauchen oft sehr lange um endlich anzuerkennen, was andere schon seit Jahren anwenden.

    Seit ich mich nur noch Low Carb ernähre, habe ich innerhalb von 4 Wochen ca. 5 kg abgenommen. Low Carb kenne ich schon länger, nur war es immer schwer mir meine Zuckersucht abzugewöhnen. Aber davon wurde mein Diabetes 2 natürlich nicht besser. Tagsüber Low Carb und abends die Schokolade und die Gummibärchen -Na super-
    Vor 6 Wochen habe ich dann beschlossen Zucker und Schokolade weitgehend wegzulassen und durch Diabetes verträgliche Produkte zu ersetzen.
    Wie mein Langzeitwert jetzt ausfällt, weiß ich erst Ende September. Hoffe er liegt unter 7.

    Also ich seit ich LOGI kenne (Ende 2000) später auch low-carb-rezepte ausprobiert habe, habe ich festgestellt, dass ich nie bessere schmackhafte Gerichte gegessen habe.
    Wenn ich anderen davon erzählt habe, haben sie natürlich sofort den Kopf geschüttelt und gesagt: Oh nein, das ist doch nichts, du brauchst Brot und Kohlenhydrate… Es hat sehr lange gedauert bis ich auf Leute getroffen bin, die genauso denken und sich genauso ernähren möchten wie ich.
    KH ist nicht gleich KH wie jeder wissen sollte, ebenso wenig ist LC nicht gleich LC.
    Aber dazu muss ich mich mit meiner Krankheit und meiner Ernährung auseinandersetzen neue Wege gehen und versuchen das Beste für mich zu finden. Das ist jedoch Arbeit und nimmt Zeit in Anspruch und die wenigsten nehmen sich Zeit für sich selbst.
    Die Welt ändert sich ständig. Auch wir müssen uns ständig ändern, wir müssen lernen, dass es andere Ernährungsformen gibt, die uns helfen unsere Krankheiten besser in den Griff zu kriegen.

    Du hast deine Form gefunden und das ist gut so lass dich nicht von anderen ärgern und stelle dich der Diskussion, auch wenn es oftmals nervt, dass andere mit Ablehnung und Unverständnis reagieren….

    Am besten machen wir weiter, erzählen den anderen von dem was wir erreicht haben und hoffen, dass es auf fruchtbaren Boden trifft.

  7. Ich lebe im Moment in den USA und habe Schwangerschaftsdiabetes. Ganz klar wird empfohlen, Kohlenhydrate zu reduzieren. Das wird sogar schon am Anfang der Schwangerschaft allen Schwangeren empfohlen, weil Proteine und gesunde Fette für die gesunde Entwicklung des Embryos wichtiger sind.
    Ernährungspyramide wird hier als überholt angesehen, weil sie zu viele Kohlenhydrate enthält. Vielleicht kommt das in zehn Jahren ja auch in Deutschland an…

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