Insulinpurging oder der Schlankheitswahn mit Diabetes

Annikas größter Wunsch war es, schlank zu sein. Dabei geht es ihr nicht um die Gesundheit, sondern um die Optik und die Meinung anderer. Ihr Weg, sich diesen Wunsch zu erfüllen, war gefährlich: Insulinpurging.

Weiterlesen...

Wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich vieles, was mir nicht gefällt. Da wäre mein abstehendes Ohr, meine Nase, mein rundes Gesicht, diese eine Haarsträhne, die immer, wirklich IMMER, absteht… Aber vor allem ist da meine Figur bzw. mein Gewicht. Und immer wieder ist da 1 Wort in meinem Kopf… Insulinpurging.

Vor einigen Jahren (ca. 2010/2011) hatte ich große Akzeptanzprobleme. Meine Werte waren mehr als Müll und mein HbA1c viel zu hoch. Damals zog meine Diabetesberaterin mich zur Seite und meinte, dass das so keine Lösung sei. Ich doch dünn genug wäre und dass ich nicht so aussehen sollte wie die Mager-Models in verschiedenen Zeitschriften und im Fernsehen. Ich wusste nicht, was meine Dia-Fee von mir wollte, und stand mit einem großen Fragezeichen im Gesicht vor ihr. Sie begann, mir zu erklären, was Insulinpurging ist. Daraufhin erklärte ich ihr, dass das nicht der Grund für mein Verhalten dem Diabetes gegenüber sei. Den wahren Grund behielt ich für mich und verdrängte ihn mit der Zeit. Ich wollte den Diabetes damals einfach nicht. Er war der Grund, weshalb ich oft gemobbt wurde. Oft Außenseiter war. Ab und zu nicht zu Geburtstagen eingeladen worden war, nur weil alle Angst hatten und sich keine zusätzliche Verpflichtung (also die Eltern) antun wollten… Oft weniger Süßigkeiten zum Beispiel zu Weihnachten (von Verwandten) bekommen habe etc.

 

Im Übrigen bin ich ein Mensch, der sich über ALLES Gedanken macht und sich selbst nicht so super gern hat. Ein Mensch, der schwer auf Komplimente eingehen kann und Probleme hat, zu vertrauen bzw. Leuten zu glauben.

Was denken die anderen?

Denken andere, wenn sie mich sehen, dass ich die totale Dumpfbacke bin? Oder ein Riesen-Tollpatsch? Wie finden mich andere? Werden sie mich ausschließen? Finden mich andere fett? Vielleicht noch fetter, als ich mich finde? Wie finden es andere, wenn ich 2 verschiedene Socken anhabe? Oder wenn ich diese Hose anziehe? Sieht man bei der Hose extrem meinen Bauchspeck? Würden Sie mich deswegen auslachen? Oder was sagen die anderen, wenn ich jetzt meine Haare färbe? Was denken sie über dies? Und was über das? Ihr dürft das nicht falsch verstehen! Ich will nicht beliebt sein. Oder perfekt oder so… Nur akzeptiert werden. Denn nach der Mobberei in der Schule war das immer ein kleines Problem von mir. Seitdem zweifele ich so gut wie alles an.

Damals war ich auch noch sehr kritikunfähig. Habe bei jedem kleinen Problem geheult… Das hat sich heutzutage Gott sei dank geändert. Ich denke auch teilweise gar nicht mehr so viel nach. Möchte eigentlich ganz auf die Meinung anderer *piiiiep*. Aber das fällt mir oft noch sehr schwer. Vor allem in neuen „Gruppen“, wie zum Beispiel gerade bei meinem Bundesfreiwilligendienst. Es gibt dort Seminargruppen und da bin ich genauso wie früher. Mache mir über alles und jeden Gedanken.

Was hat das alles mit meinem Diabetes zu tun?

Was hat das alles mit meinem Diabetes bzw. dem Insulinpurging und dem Schlankheitswahn zu tun? Nachdem ich mich irgendwann fragte, weshalb ich immer (o.k., nicht immer, aber oft) der Außenseiter war, kam ich zu dem Entschluss, dass es an meinem Aussehen liegen musste. Ich fand mich damals eh zu dick (und zu tollpatschig) und somit beschloss ich, dass ich abnehmen wollte. Das war zu dem Zeitpunkt nicht nötig gewesen, war aber damals mein Empfinden. Da ich das Essen aber gern mochte und ich ein kleiner Sportmuffel war (2-4 Mal die Woche Reiten und täglich Fahrradfahren sollten doch genügen?!), fielen mir die Worte meiner Dia-Fee wieder ein. Der Diabetes lief zu dem Zeitpunkt eh nicht so gut und das HbA1c lag bei 9% rum.

Quelle: Annika Hubrich / Damals mein Lieblingsfoto… Heute finde ich das nicht mehr allzu schön. Die Knie sehen, finde ich, ziemlich gruselig aus. Ins Kleid (36) passen würde ich schon gerne wieder…

Ich spritzte also kaum noch, meist nur 30E Lantus und ab und an mal 20-40E NovoRapid, um die Übelkeit zu lindern. Ich konnte essen, so viel und was ich wollte, der Stoffwechsel war so im Eimer, dass ich nicht zunahm. Im Gegenteil! Ich nahm ab. Mir ging es in der ersten Zeit supermies, aber irgendwann gewöhnte mein Körper sich daran. Und letztendlich war es mir egal, wie ich mich fühlte. Hauptsache, ich passte in Größe 36 und XS/S rein!

„Superschön schlank“ und ein HbA1c von 15,3%

Irgendwann waren mir Hosen in Größe 36 zu groß. Das fand ich schon ziemlich cool. Ich war superschön schlank (fand ich damals). Allerdings landete ich dann auch irgendwann im Krankenhaus. Blutzucker bei ca. um die 1700 mg/dl (94,4 mmol/l). HbA1c bei 15,3%. Kurz vor der Lebertransplantation. Diese war nämlich auf das Dreifache angeschwollen… Das tat höllisch weh und auch nur wegen dieser Schmerzen sind wir ins Klinikum gefahren. Meine Eltern wussten, glaube ich, gar nicht richtig, wie schlimm meine Werte eigentlich waren. Ich hatte damals immer mein Messgerät versteckt bzw. gar nicht gemessen und meiner Mutter immer falsche Werte gesagt.

Ich wog unter 45 Kilogramm bei einer Größe von 1,60 m und mir ging es gar nicht gut.

Quelle: Annika Hubrich / Januar 2014. Hosengröße 36 viel zu groß. Die Jacke in XS schlabbert auch ein wenig…

Die Geschichte vom Einzug ins Heim kennen vielleicht ein paar von euch, ich werde es hier noch einmal in Kurzfassung schreiben.

Nachdem ich 2,5 Wochen im Februar 2014 dank meiner dummen Idee, Insulinpurging zu betreiben, im Klinikum lag, bekam ich täglich Besuch von einer Dame einer Organisation (vielleicht kennen einige ja den Bunten Kreis?). Mit ihr schrieb ich täglich auf WhatsApp, wie meine Werte waren, und wir machten zusammen ein paar Ausflüge wie zum Beispiel zum Reiten fahren und Kaffeetrinken gehen, um „Schadensbegrenzung“ zu betreiben. Durch meine Diabetologin und die Hilfe des Bunten Kreises und des Jugendamtes zog ich in eine Einrichtung für Kinder mit chronischen Krankheiten. Hauptsächlich Diabetes. Dort lernte ich 1,5 Jahre, meinen Diabetes zu akzeptieren, Strukturen in meinen Alltag mit Diabetes zu bringen, meine Werte verbesserten sich und ich nahm zu. Leider viel zu viel, da meine Therapie-Einstellung (sprich Basalrate und Faktoren) totaler Mist waren.

Der schwierige Weg

Seitdem ich meine Höchstmarke geknackt habe, bin ich dabei, abzunehmen bzw. mein Gewicht zu halten. Das ist, wie ich finde, auf normalen Wegen ziemlich schwierig. Man verzichtet auf Süßkram und allzu viele Kohlenhydrate, ernährt sich gesund und macht Sport, nur um einige Stunden später wegen Unterzucker die Kohlenhydrate wieder in sich hineinzustopfen.

In den vergangenen Tagen hatte ich über mehrere Tage (durch eine Erkältung) viel zu hohe Blutzuckerwerte… Mir ging es mies. Echt mies. 3 Tage lang ging das so. Trotz erhöhter Basalrate in der Pumpe bekam ich die Werte nicht runter, bis ich sie dann endlich wieder im Griff hatte, die Diabetes-Sau. In diesen 3 Tagen habe ich tatsächlich 2 Kilogramm abgenommen. Einerseits erschreckend, andererseits ziemlich verlockend…

Die Gedanken, wieder „anzufangen“, kreisen seitdem ständig in meinem Kopf. Ich weiß, dass es schlecht ist, dass ich mir mehr selbst schade und das sehr böse enden kann. Vor allem ist es ein Teufelskreis… Wer einmal drin ist, kommt schwer wieder raus, denn die Versuchung ist sehr groß. Andererseits wäre es so einfach und schnell, die Kilos zu verlieren.

Quelle: Annika Hubrich / Auch wenn ich mein (gesundes) Traumgewicht erreicht haben sollte, werde ich keine „Barbie-Model-Maße“ haben. Doch dann fühle ich mich wohl und das ist die Hauptsache!

Keine Frage, ich werde natürlich nicht wieder anfangen! Ich habe so viel gelernt aus der Aktion 2014, habe dabei so viel kaputt gemacht… Meine Leber hat sich glücklicherweise damals wieder erholt… Das muss ich nicht wieder kaputt machen!

Gesunde Ernährung und Sport

Ich habe mich tatsächlich als größter Sportmuffel auf Erden bei einem Sportstudio angemeldet, esse mittlerweile wieder sehr gesund. Klar, am Wochenende kann es mit Freunden schon mal eine Pizza geben, aber in der Woche halte ich das sehr gut durch, da ich in einer Kindertagestätte arbeite und dort auch Vorbild bin, was die Ernährung angeht. Anstatt eines Nutella-Toasts gibt es dann mal Knäckebrot mit Frischkäse und Gemüse. Und zum Mittag statt einer schnellen Fertigpackung mal das Mittag in der Kita oder ein Schwarzbrot mit Wurst und selbstgemachtem Apfelmus. Die Werte halten sich auch im Rahmen, sodass ich glaube, dass es diesmal auf diesem Weg gut funktionieren kann. Denn wohl fühle ich mich momentan immer noch nicht.

Quelle: Annika Hubrich / Mein Frühstück, bestehend aus Gurke, Paprika, Müslikugeln, getrockneten Apfelscheiben und Schwarzbrot mit Frischkäse und Wurst. Vor einem halben Jahr war es noch das Nutella-Toast mit Kakao…

Und wer Zweifel an sich selbst hat, an seiner Figur, Schönheit oder seinem Charakter, lasst Euch eines gesagt sein: Ihr seid alle so schön, so, wie Ihr seid! Die Hauptsache ist, dass IHR Euch wohlfühlt und nicht, dass die anderen euch schön schlank finden. Dass ihr bleibt, wer Ihr seid, Euch nicht von anderen verändern lasst und nicht das Wichtigste für Euch ist, in Größe 34 reinzupassen!

Insulinpurging/Dia-Bulimie ist keine Lösung. Es ist supergefährlich, sich sein lebenswichtiges Insulin nicht zu spritzen. Also passt alle auf Euch auf! ♥

2 Kommentare zu “Insulinpurging oder der Schlankheitswahn mit Diabetes

  1. Liebe Annika, vielen Dank für deinen Bericht! Ich habe großen Respekt, dass du so offen geschrieben hast! Du weißt ja #wirsindviele und gemeinsam sind wir alle stark und so ist schnell Licht am Ende des Tunnels zu sehen, garantiert! Lieben Gruß, Matthias

  2. Liebe Annika, Respekt für die offene Berichterstattung. Das muss man sich erstmal trauen, super!
    Ich kann Dich so gut verstehen, diese miese Zunehmerei bei guten Werten. Es kommt mir so vor, als könnten wir Typ 1er, weiblich(!) nicht beides haben. Gute Werte UND ne gute Figur, mit der man leben kann und die einen nicht immer beim Blick in den Spiegel suggeriert, wie fett man doch ist. Alle Versuche das Körpergewicht zu reduzieren, werden mit der nächsten Hypoglykämie zunichte gemacht, weil man ja dringend Zucker braucht.
    Aber ist es das wirklich wert, Size Zero tragen zu können, und sich im Gegenzug seine Organe, aufgrund des pathologischen BZ, zu ruinieren? Echt jetzt? Insulinpurging ist der, meiner Meinung nach, direkte Weg ins Grab; und wenn nicht dorthin, dann aber der Weg zur Dialyse, zur Erblindung, zur Amputation. Ich könnte das Ganze noch weiter ausführen, Du weisst was ich meine. Ist eine Jeansgrösse 29 es wert, seine Organe zu opfern? Ich glaub nicht…Ich bin da auch oft ambivalent, aber mit Blick auf die Zukunft sind mir funktionstüchtige Organe lieber, als ne Konfektionsgrösse 34. Alles gute für Dich, Annika…Liebe Grüße, Tatjana

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.