„Weil ihr mich nicht anders kennt…“ – Freundschaften vor und nach der Diagnose

Zum Zeitpunkt von Johannas Typ-1-Diabetes-Diagnose änderte sich gerade ihr ganzes Leben und damit auch ihr Umfeld. Das hat ihren – sehr ambivalenten – Umgang vor alten und neuen Freunden mit der Krankheit geprägt.

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Mit 18 Jahren und frisch bestandenem Abitur platzte die Diagnose Diabetes Typ 1 ziemlich unerwartet mitten in mein Leben. Ich freute mich eigentlich auf einen aufregenden Sommer und auf das bevorstehende Studium. Stattdessen fand ich mich dann erstmal im Krankenhaus wieder, welches ich aber so schnell wie möglich verlassen habe, um mich ins Studium zu stürzen.

Das neue Leben

Irgendwo zwischen Krankenhaus und Umzug in die neue Stadt habe ich mir geschworen, meinen Diabetes nicht zu verstecken, sondern offen damit umzugehen. Öffentliches Spritzen, Messen und Aufklärung kosteten mich anfangs zwar eine enorme Überwindung, fielen mir aber mit der Zeit immer leichter. Zuhause war das jedoch anders.

In Verwandtschaft und unter Freunden aus meiner Schulzeit verstecke ich Sensor, Pumpe und Co oft oder versuche, Unterzuckerungen zu verheimlichen. Warum das so ist, weiß ich selbst nicht so genau. Vielleicht, weil ich zu Hause meine Freunde weniger ausführlich aufgeklärt habe, als ich das heute bei neuen Bekanntschaften mache. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich den Diabetes kurz nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht an die große Glocke hängen wollte und noch nicht so offen darüber sprechen konnte.

Im Gegensatz dazu ist der Diabetes für die Freunde, die ich nach der Diagnose kennengelernt habe, ganz selbstverständlich ein Teil von mir. Mitbewohner und Freunde erinnern mich nach ein paar Gläschen Alkohol mal eben freundlich daran, dass ein kurzer „Blutzucker-Check“ nicht schaden würde. Sie wissen auch genau, warum ich vor einem langen Spaziergang manchmal noch ganz dringend eine Eisdiele aufsuchen muss. Dass ich eine anbahnende Unterzuckerung auf kulinarische Art bekämpfen will, ist dann jedem klar.

Die Person vor der Diagnose

Natürlich ist mir bewusst, dass die Leute zu Hause nicht so gut über meinen tagtäglichen Diabeteswahnsinn Bescheid wissen können. Wir treffen uns schließlich nur ein paar Mal im Jahr. Aber genau dadurch fällt mir der offene Umgang mit dem Diabetes in diesen Freundeskreisen wohl schwerer. Dazu kommt, dass ich zu Hause vermutlich gerne die Person vor der Diagnose bleiben möchte. Ohne plötzliche Unterzuckerungen, damit verbundenen Stimmungsschwankungen, Schweißausbrüchen und Zwangspausen beim Sport etc.

Quelle: Pixabay

Fünf Jahre nach meiner Diagnose sollte ich eigentlich gelernt haben, dass es auch zu Hause okay ist, diese Seiten der Erkrankung zu zeigen. Im Grunde weiß ich natürlich, dass auch alle Freunde, die mich von früher kennen, dafür Verständnis haben. Insbesondere kurz nach der Diagnose bekam ich aber durch lieb gemeinte oder unbeabsichtigte Aussagen wie „Ah stimmt, du musst ja jetzt spritzen…“, „Ach, ich vergesse ja immer, dass du das jetzt hast…“ das Gefühl, aufgrund des Diabetes anders behandelt zu werden. Genau das ist der Unterschied zu den Freundschaften, die ich nach der Diagnose geschlossen habe. Hier werden Katheterwechsel, Sensorwechsel oder „Traubenzuckerfressattacken“ etc. nicht großartig thematisiert, weil man mich nur mit Diabetes kennt.

Der Neustart zur rechten Zeit

Aus diesem Grund ist es mir heute so wichtig, mein Umfeld möglichst gut aufzuklären. Ich bekomme dann das Gefühl, mich für mögliche „unangenehme“ Situationen wie Unterzuckerungen, plötzliches Piepen der Pumpe etc. nicht rechtfertigen zu müssen. Rückblickend bin ich froh, dass ich direkt nach der Diagnose umgezogen bin. Auch wenn ich mittlerweile auch zu Hause lockerer geworden bin, hätte ich den offenen Umgang mit dem Diabetes ohne diesen Neustart in einer anderen Stadt vermutlich erst viel später gelernt.


Das Thema der Diabetes-Diagnose haben auch Ramona und Katharina in dieser Podcast-Episode angeschnitten. Hört mal rein!

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