Du bist nicht allein! – Von zufälligen Diabetes-Begegnungen

Man sieht es niemandem an – umso überraschender sind die Begegnungen mit anderen Diabetikern. Maggy hat schon einiges Interessantes in dieser Hinsicht erlebt.

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„Du bist nicht allein! Wir sind Millionen und wir werden noch mehr sein!“, sang vor einigen Jahren die Band „die ärzte“. Ein Lied, was mir viel bedeutet und mich seitdem begleitet. Denn es sprach mir auf vielen Ebenen aus der Seele. Als ich Teil der Diabetes-Community wurde, wusste ich endgültig, dass ich nicht alleine bin. Aber schon vorher gab es immer wieder Momente, in denen ich das dachte. Nämlich dann, wenn ich zufällig Diabetiker traf. Doch das ging mit anderen Unsicherheiten einher: Ansprechen oder nicht? Sich selber outen? Sagen, dass man gesehen hat, wie sich jemand unter dem Tisch den Blutzucker gemessen hat? Von vier zufälligen Diabetes-Begegnungen, die aus der Zeit vor dem Austausch in den sozialen Netzwerken stammen, möchte ich Euch berichten.

Wir lernten uns im Kindergarten kennen…

Der süße Begleiter war irgendwie schon immer Teil meines Lebens, doch persönlich lernten wir uns erst im September 1996 kennen. Ich bekam die Diagnose kurz vor meinem 13. Geburtstag. Neu war das Wort „Diabetes“ für mich aber nicht. Meine beste Freundin im Kindergarten hatte Typ-1-Diabetes und schon damals war ich immer sehr interessiert und fragte Sabrina viel. Sie war praktisch seit ihrer Geburt Diabetikerin und kannte es gar nicht anders. Sabrina und ihre Mutter erschienen mir schon damals als eingespieltes Team: messen, spritzen, essen. Naja, und dann weiterspielen.

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Meine Erinnerungen daran sind etwas schwammig, da ich erst vier oder fünf Jahre alt war. Ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern, dass Sabrina zu bestimmten Zeiten immer zu ihrer Mutter musste, damit diese Blutzucker messen konnte. Auch, dass manchmal Traubenzucker gefuttert werden musste, ist mir im Gedächtnis geblieben. Rückblickend werden mir vor allem die Unterschiede zu heutigen Therapieformen bewusst. In den 1980er Jahren sahen die Messgeräte noch anders aus. Sabrina konnte die Tasche gar nicht mit sich herumtragen. Heute passt so ein Ding in jede Tasche.

Leider haben wir uns nach dem Kindergarten aus den Augen verloren. Einige Jahre später fanden wir uns über ein soziales Netzwerk wieder, aber der Kontakt konnte nicht wiederaufgebaut werden. Ich weiß gar nicht, ob ich ihr bei dem kurzen Online-Wiedersehen überhaupt gesagt habe, dass ich nun auch zum Club gehöre. Denn manchmal ist es gar nicht so leicht, sich zu „outen“. Fällt man direkt mit der Tür ins Haus oder übt man sich in Zurückhaltung? Lange Zeit verschwieg ich es lieber. Das änderte sich, als ich das erste Mal in die große weite Welt hinauszog.

„Sorry, my Diabetes sucks today!“

2007 absolvierte ich ein Auslandssemester an einer kleinen italienischen Universität in Norditalien. Ich lernte viele neue Menschen kennen und es war eine aufregende Zeit. Da es sich meist aber um oberflächliche Begegnungen handelte, erzählte ich nicht sofort von meinem Diabetes. Eigentlich verriet ich es nie. Ich war inkognito. In meinem Sprachkurs freundete ich mich auch schnell mit mehreren anderen Gaststudenten an. Darunter war Linda – eine sportliche, lustige Schwedin, mit der ich mich auf Anhieb verstand. Eines Tages, nach Kursende, quatschte ich sie an und fragte, ob alles in Ordnung sei, da sie etwas blass war. In diesem Moment griff sie schon nach einem Apfel und sagte nur: „Sorry, my Diabetes sucks today!“

Ich brach in Begeisterung aus und quasselte wie ein Wasserfall los, wie toll das sei, hier einen anderen Typ1er zu treffen. Jeder, der schon einmal während einer Unterzuckerung genervt wurde, kann sich genau jetzt Lindas Blick vorstellen. Zum Glück nahm sie mir das nicht übel. Es folgte ein interessanter Austausch über den Diabetes, die unterschiedlichen Krankensysteme und die Vorbereitungen für den Auslandsaufenthalt. Linda war Pennerin und bekam den gesamten Jahresbedarf direkt mit. In ihrem WG-Kühlschrank stapelte sich das Insulin. Ich hingegen war gezwungen, meinen Auslandsaufenthalt einmal zu unterbrechen, um mir nach drei Monaten Nachschub holen zu können.

Danach outete ich mich auch häufiger gegenüber anderen Austauschstudenten. Linda ging damit so offen um, dass ich richtig beeindruckt war und auch Mut fasste. Für sie stellte das alles gar kein Problem dar. Es beeindruckte mich, wie ungezwungen Linda mit dem Diabetes umging. Auf Partys trank und aß sie wie jeder andere. Ab und zu wurden Pen oder Messgerät gezückt und dann ging es weiter. Damals vermisste ich diese Freiheit beim Umgang mit meinem eigenen Diabetes. Linda war hier wirklich ein wichtiger Mensch für mich, der mir zeigte, dass es auch anders geht. Man muss es gewiss nicht jedem auf die Nase binden, aber dort, wo man sich wohl fühlt und mit Freunden eine tolle Zeit hat, da sollte man immer man selbst sein – eben auch mit Diabetes.

Dating mit Diabetes

Tja, wie ist das nun, mit dem Diabetes, wenn man einen Menschen kennenlernt, der auch ein Partner werden könnte. Seitdem ich offener mit dem Diabetes umgehe, habe ich es immer aus dem Bauch heraus entschieden, wann ich es sage. Manchmal ergeben sich von selbst passende Gelegenheiten. Trifft man jedoch jemanden, den man auch in einer romantischen Art interessant findet, dann wird das schon schwieriger. Man möchte sich ja von seiner besten Seite zeigen und nicht „die Kranke“ sein. So war ich auch etwas zurückhaltender, als ich Tom 2014 kennenlernte. Wir hatten uns in einem Forum online getroffen und verquatscht. Bald darauf telefonierten wir auch und schrieben uns beinahe täglich. Nach zwei Wochen dachte ich langsam, dass ich mal etwas sagen müsste, da das erste Treffen auch im Raum stand.

„Meine Eltern sind immer überfürsorglich, wenn es um mich geht. Liegt am Diabetes.“ Tom schrieb mir dies einfach in einem What’s App-Gespräch. Ich dachte, ich würde nicht richtig gucken, und fragte, ob wir eben telefonieren könnten. Er rief sofort an und ich sagte nicht einmal „Hallo“, sondern nur: „Pumpe oder Pen?“ Schweigen folgte am anderen Ende des Telefons und ich wiederholte die Frage. Ein zögerliches „Pumpe, aber woher kennst Du das?“ brach das Eis. Wir mussten sehr über die Situation lachen, da auch er seit Tagen überlegte, wie er es mal thematisieren könnte. Wir hatten uns beide vollkommen umsonst den Kopf zerbrochen und kamen beide zu dem Schluss, dass man es einfach immer direkt sagen sollte. Verheimlichen könnte man es eh nie.

Ein Paar wurde aus uns zwar nicht, aber es war eine lehrreiche und auch schöne Begegnung, die mir einmal mehr gezeigt hat, dass Diabetiker sich überall finden. Da man es uns nicht an der Nasenspitze ansieht, treffen wir vermutlich täglich Typ-1- und noch mehr Typ-2-Diabetiker, ohne es zu wissen.

Manchmal möchte man auch alleine bleiben…

Eine prägende Situation, in welcher ich mich gegen ein Outing entschied, habe ich an der Uni erlebt. Ich war auf der Toilette und hörte nebenan das bekannte Geräusch eines Pens, der gerade aufgezogen wurde, gefolgt von dem Klackern, wenn man sich spritzt. Unverkennbar. Wer sich entscheidet, sich Insulin auf einer Toilette zu spritzen, den sollte man auch nicht darauf ansprechen. Wenn es nicht nur eine Ausnahme, sondern eine bevorzugte Gewohnheit des Mädchens war, dann wäre es ihr wahrscheinlich auch unangenehm, wenn man sie darauf ansprechen würde. Man sollte so viel Diabetiker-Feingefühl haben, um auch dies respektieren zu können.

3 Kommentare zu “Du bist nicht allein! – Von zufälligen Diabetes-Begegnungen

  1. Ich bin erst seit letztem Jahr Typ2 Diabetiker . Dran gewöhnt habe ich mich bis heute noch nicht .
    In der Öffentlichkeit messen und spritzen bereitet mir immer noch ein unangenehmes Gefühl. Am schlimmsten finde ich es immer jetzt zur Weihnachtszeit wenn die Weihnachtsmärkte eröffnen . Ich mag Weihnachtsmärkte sehr . Aber mal eben so an einer Bude oder Stehtisch den Blutzucker Messer und dann zu Spritzen weckt in mir komische Gefühle . Und da hab ich mich schon oft gefragt ob es da noch andere gibt , wie machen die das ,warum seh ich die nicht ,wie fühlen die sich dabei ?

    1. Liebe Roswitha,

      Danke für Deinen Kommentar.

      Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen: ich habe mich auch lange versteckt, bin auf die Toilette gegangen, habe oft auch gar nichts gemacht – hauptsache, es bekommt niemand mit. Man muss sich erst einmal an die neue Situation gewöhnen und langsam sein Diabetiker-Selbstbewusstsein finden. Das kommt mit der Zeit.

      Und wenn man sich dann das erste mal traut öffentlich zu messen, dann stellt man ganz schnell fest: es interessiert kaum jemanden. Wer nicht direkt daneben steht, hält das Messgerät eh für ein Handy. Und für Freunde und Verwandte ist das meist auch kein Problem. Es wird ganz schnell zu etwas alltäglichem, wie Naseputzen.

  2. Hallo!

    Ein lieber Beitrag. Ich denke, so oder ähnlich ging es jedem erst mal, als er mit seinem neuen Problem konfrontiert wurde. Es ist ja schon schwer genug, erst mal selbst damit klar zu kommen. Auch brauche ich kein Mitleid, Mitgefühl oder übertriebene Zugeständnisse und Bevorteilung, “nur” weil ich Diabetes habe.

    Ich habe mir das (Typ-1) erst im März 2015 durch eine Infektion und Autoimmunreaktion zugezogen. Bis dahin habe ich eben 56 Jahre sorglos gelebt, was Ernährung, Sport und alle anderen Lebensumstände betrifft. Und dann steht man da und weiß nicht, wie man damit der Umwelt gegenüber auftritt. Wann soll man wem etwas dazu sagen? Früher oder später fällt es ja doch mal auf. Dann ist die Frage, wie die Leute reagieren, mit denen man im Alltag so zu tun hat – Arbeitskollegen, Freundeskreis, Geschäftspartner …

    Mittlerweile ist es mir relativ egal, was die Leute so denken. Ich messe und spritze so, wie ich es brauche – auch in der Öffentlichkeit. Zum Glück gibt es so tolle Geräte wie das FreeStyle Libre, wo man recht unauffällig einfach mal mit dem Lesegerät in der Hand am Oberarm entlang fährt und abliest. Fällt kaum wem auf. Und zum Spritzen gehe ich gewiss nicht auf eine öffentliche Toilette.

    Mir ist es auch mittlerweile egal, wenn mich wer darauf anspricht – z.B. mit T-Shirt, was ich denn da am Arm habe. Dann erkläre ich das und führe es auch mal vor, weil es auch einfach eine tolle Sache ist, dass man so seinen Alltag und Krankheit im Griff haben kann.

    Also, einfach nicht unter kriegen lassen (leicht gesagt) und das Beste daraus machen. Die eigene Gesundheit und das Überleben sind viel wichtiger als die Meinung anderer Menschen, die unsere Probleme nicht haben und kennen. Und wenn jemand damit nicht klar kommen kann und mich nicht versteht, den brauche ich auch nicht um mich herum.

    Liebe Grüße!

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