Hilfe, ich wurde „gespotted“!

Katharina fühlt sich wohl mit ihren Diabetes-Gadgets am Körper. So wohl, dass sie sie manchmal vergisst. Bis sie von anderen daran erinnert und angesprochen wird. Sie fragt sich: Ist sie den interessierten Leuten eine Erklärung schuldig?

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[Dieser Beitrag enthält unbeauftragte Marken- und Produktnennung.]

Noch bevor das aktuelle Monatsthema „Spotted: Diabetes“ überhaupt offiziell bekanntgegeben wurde, merkte ich schon Ende Mai, dass ich in  diesem Sommer genau darauf keine Lust habe – auf das Angeguckt- und Angesprochenwerden. Und noch viel weniger auf das „unauffällige“ Diskutieren hinter meinem Rücken und der Annahme, dass ich zu einem Statement verpflichtet sei.

 

Was war passiert?

Im letzten Sommer hatte ich meinen Dexcom-Sensor noch ganz frisch und trug ihn nur an der empfohlenen Setzstelle am Bauch. Da sich in meinem Kleiderschrank weder Crop-Tops noch Bikinis befinden, blieb er die ganzen warmen Monate versteckt. Das Einzige, was hin und wieder zu sehen war, war die Kanüle vom Infusionsset der Insulinpumpe, wenn ich sie am Arm trug – meistens war aber auch die zumindest halb unter einem T-Shirt-Ärmel versteckt.

Über die letzten Monate begann ich, meinen Sensor auch immer wieder am Arm zu tragen, und irgendwie bekam ich gar nicht so richtig mit, dass die Klamottenschichten darüber immer weniger wurden und er auf einmal nicht mehr versteckt war. Ich habe damit auch (eigentlich) gar keine Probleme. Ich bin froh, diese Technik nutzen zu können, und fühle mich dadurch nicht „gebrandmarkt“ oder weniger schön. Und ich nehme sie im Alltag nahezu gar nicht wahr.

Quelle: Katharina Weirauch

Ich wurde „gespotted“

Am 30. Mai stand dann das erste Open-Air-Konzert in diesem Jahr für mich an. Und während ich noch von Freundinnen darauf hingewiesen wurde, dass in direkter Nähe zu uns eine Frau mit FreeStyle Libre am Arm stand – worüber ich mich freute, weil ich sie damit „gespotted“ hatte –, fingen hinter mir Leute an, zu beratschlagen, was das an meinen Armen sei. Denn: Links saß mein Dexcom-Sensor, rechts das Infusionsset meiner Insulinpumpe mit dem dazugehörogen Schlauch, der in meinem Ärmel verschwand. Doppelte Aufregung, doppelte Ratlosigkeit bei den fremden Personen. Und dazwischen: Ich mit x-facher Bocklosigkeit, jetzt irgendwem irgendwas zu erklären.

Als ich noch dachte, ich hätte irgendwie auf dem Konzert einen „schlechten Tag“ erwischt, saß ich ein paar Wochen später in einem Restaurant, als die Kellnerin die anderen Gäste am Tisch begrüßte und bei mir stoppte und auf den Sensor am Arm starrte. Wortlos und eindeutig voller Erwartung auf eine Erklärung meinerseits. Ich ratterte auf Knopfdruck mein Programm runter: „Gewebezuckersensor hier, Insulinpumpe da, ja, nee, tut nicht mehr weh als das ständige Piksen vorher, mhm, mir liegt einfach was am Überleben, ja, hihi.“ Es war der Moment, in dem ich hätte gute Aufklärung leisten können, aber ich wollte nicht. Schon gar nicht wollte ich mich dazu genötigt fühlen.

Der Sommer ist noch lang – die Ärmel auch?

Erst vor ein paar Tagen ergab sich die nächste Situation. Dieses Mal mit einer ganz höflichen Frage, ob die Person wissen dürfte, was das ist. Und auch wenn meine Erklärung geduldiger ausfiel – ich hatte keinen Bock. Aber ich stellte mir gleichzeitig die Frage: Sollte ich diesen „Bock“ nicht haben? Ihn wenigstens vorspielen können? Wie kann ich immer dafür plädieren, dass es wichtig ist, den Diabetes greifbar zu machen, wenn ich nicht mal zwei, drei vernünftige Sätze darüber sagen kann?

Die Spitze meines Wunsches, im Moment „ungespotted“ zu bleiben, war, als ich bei über 20 Grad eine lange Bluse angezogen haben, weil ich an dem Tag keine Lust auf auch nur einen Blick hatte. Irgendwie erschreckt mich das. Andererseits ist es wahrscheinlich gar nicht dramatisch und nach Ablauf des Sensors setze ich den nächsten wieder am Bauch.


Wie ist das eigentlich, eine Insulinpumpe zu tragen? Von Tragepositionen und Bequemlichkeit erzählt Carolin in ihrem Beitrag „Insulinpumpentragekomfort?

6 Kommentare zu “Hilfe, ich wurde „gespotted“!

  1. Katharina <3

    Ich denke, dass es vollkommen normal und “genehmigt” ist, wenn man keinen Bock hat immer den 5-Minuten-Vortrag runter zu rattern.
    Ich hatte mal die Situation, dass ich in der Straßenbahn angesprochen wurde mit: “Ist das ein Glukosesensor?”, was ich bejaht und auf eine neue Frage gewartet habe. Stattdessen hat der Mensch mich nur angeschaut und ist dann weiter gelaufen 😀 Sowas gibt es also auch!

    Mein Motto, wenn ich kein Bock habe: Das Recht, mich nicht erklären zu müssen, habe ich. Und dann sage ich einfach kurz was es ist, und fertig. 😉

  2. Hallo Katharina, schön geschrieben!

    Absolut “legitim”, keine Lust zu haben auf eine Antwort, sehe ich genauso.

    Kleine Story:
    Ich war in der Sauna, mein Dexcom G5 an der Hüfte seitlich.

    Eine ältere Frau: “Darf ich sie was fragen?”

    Ich: “Nein” (kurz und knapp, denn ich hatte keine Lust auf eine Antwort, wollte ja nur chillen in der Sauna)

    Sie (dann doch gefragt): “Ist das ein künstlicher Darmausgang” (hups dachte ich…)

    Dann hörte ich noch die Freundin dieser Frau (sie sprachen untereinander):
    “Du hast doch gehört, er hat ‘Nein’ gesagt”

    Lieben Gruß, Matthias

  3. Mit den Sensoren und der Pumpe hatte ich bisher noch keine großartigen Probleme. Das liegt aber vermutlich daran, dass ich sie am liebsten am Bauch trage und sie nicht so auffallen. Im Bikini im Schwimmbad oder am Strand gucken die Leute zwar, aber bisher hat mich noch keiner angesprochen.

    Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich als Kind angeschossen wurde und seitdem ein Glasauge habe. Die Lider sehen aufgrund einiger verpfuschter OPs oft sehr geschwollen aus. DAS fällt deutlich mehr auf als der Diabetes-Kram und es nervt mich manchmal ungemein, wenn ich darauf angesprochen werde. Da kommen dann Fragen wie “Oh Gott, was ist denn mit Ihrem Auge?” oder “Hat sie was gestochen” oder “Oh, haben Sie ein Gerstenkorn? Ach das kenne ich.”. Solche Fragen innerhalb von Sekunden an der Supermarktkasse oder zwischen zwei Etagen im Aufzug zu beantworten, also quasi meine Lebensgeschichte jemand völlig Fremden zu erzählen, fällt mir schwer. Ich mache mir daher manchmal einen Spaß draus und erfinde was wie “Hab mich geprügelt.” oder sage einfach nur “das Auge is weg”. Darauf folgt dann meist schockierte Sprachlosigkeit und ich gehe. Ein bisschen Spaß muss für mich ja auch dabei sein.

    Aber im Grunde finde ich es ja gut, wenn die Leute mich ansprechen und fragen und nicht bloß glotzen und spekulieren. Ich erzähle das dann auch gerne, wenn ausreichend Zeit ist und der Rahmen passt. Richtig unangenehm wird’s bei eigentlich lustigen Treffen, denn die Geschichte zerstört irgendwie immer erstmal die Stimmung. Das will ich ja auch wieder nicht.

  4. Kann ich absolut verstehen, wenn man mal keine Lust hat. Lustigerweise wurde Ich auch gerade mal wieder gefragt, als ich anfing den artikel zu lesen 😀
    Einmal hatte ich eine sehr aufdringliche neugierige, die sogar extra die Straßenseite wechselte, um mich fragen zu können. Das hat mich so bedrängt, dass ich sogar sagte, dass ich darüber gerade nicht sprechen will – ausserdem hatte ich es eilig. Die Frau wurde richtig aufdringlich und folgte mir und laberte mich die ganze zeit an, dass sie das doch wohl fragen könnte. Ich sagte am ende nur, dass es ein medizinisches produkt ist und dass es sie nichts angeht, welche krankheit ich habe. Sonst gebe ich mal mehr mal weniger ausführlich, mal freudig motiviert und mal leicht genervt auskunft 😀

  5. Deine Probleme möchte ich haben!
    Manchmal hab ich bei diesen Geschichten das Gefühl du (ihr) genießt richtig eure Opferrolle. Ist schon echt hart das Leben mit so einer langen Bluse bei über 20 Grad…

    1. Liebe Susanne!
      Um im Gegenzug deine Probleme nachvollziehen zu können, habe ich meinen Beitrag noch einmal mit dem Gedanken im Hinterkopf gelesen, dass ich dabei eine “Opferrolle” einnehme. Da ich diesen Text nun mal selber geschrieben habe und weiß, wie es gemeint ist, kann ich das nicht nachvollziehen. Auch wenn ich nicht abstreite, dass es Tage gibt, an denen ich mich frage, warum gerade ich diese Krankheit bekommen habe – und ja, dann kann ich auch ne Runde im Selbstmitleid baden. Das wiederum hat absolut nichts damit zu tun, eine “Opferrolle” zu genießen. Ich schreibe einfach über eine Situationen aus meinem Alltag, bei denen ich überhaupt nicht erwähnte, dass irgendein dramatisches Problem vorliegt. Es ist völlig okay, wenn du nie etwas ähnliches fühlst oder erlebst, wir sind alle verschieden. Aber Menschen, in die du dich offensichtlich nicht reinversetzen kannst, so etwas zu unterstellen und Worte in den Mund zu legen, die nie gefallen sind, ist überflüssig. Gib in unserer Suche mal “DiaChance” ein, vielleicht findest du dabei Beiträge, die dich mehr ansprechen. Und wenn du dabei bist, schau auch mal nach unserer Community-Netiquette.

      Liebe Grüße
      Katharina

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